Seit die deutsche Nationalmannschaft vor knapp 40 Jahren noch ihre eigenen Lieder gesungen hat, hat sich, nicht nur frisurentechnisch einiges getan. Irgendwann hat mal einer die ultimativen und unumgänglichen Richtlinien für einen offiziellen Fußballturnier-Hit festgelegt und sie im Fußballliedgesetzbuch (FbLGb) niedergeschrieben:
§ 1: Ein guter Fußballsong muss obligatorisch die Worte „Titel“, (alternativ auch „Cup“, „Pokal“, oder „Pott“), „Finale“ und „Meister“ enthalten. Diese müssen sich, so oft wie möglich, wiederholen. Außerdem Pflicht ist die Nennung des gastgebenden, sowie des eigenen Landes. Abkürzungen wie „Schland“ für „Deutschland“ sind seit der WM 2006 erlaubt.
§ 2: Ein guter Fußballsong muss eine Melodie haben, die so eingänglich ist, dass sie auch zwischen den Turnieren immer mal wieder (passende Gelegenheiten sind Länderspiele) für stundenlange Ohrwurmeritis sorgen.
§ 3: Ein guter Fußballsong hat außer den oben genannten Anforderungen (s. § 1) an den Text nur noch die Voraussetzung zu erfüllen, dass er nicht zu kompliziert ist, sodass er auch im Zustand der geistlichen Unklarheit durch übermäßigen Alkoholkonsum ohne großes Holpern mitgegröhlt werden kann. Auf allzu viele Konsonanten sollte deshalb verzichtet werden, Vokale sind erwünscht.
§ 4: Ein guter Fußballsong sollte keine großen gesellschaftskritische Themen ansprechen , Systemkritik oder allgemein Sinn/Tiefgründigkeit enthalten. Er dient zur Belustigung, zum Anheizen und Gute-Laune-Verbreiten während des übermäßigem Alkoholkonsums (vgl. § 3). Er soll vor, während und nach der Übertragung des Fußballspiels und der damit verbundenen körperlichen Belastung nicht auch noch die eh schon angestrengte Psyche des Fußballfans stressen.
Soweit die Theorie. Jetzt schauen wir mal, inwieweit sich die diesjährigen Fußballliedermacher an die Gesetze des Fußballliedgesetzbuch (FbLGb) gehalten haben.
- Der offizielle „offizielle EM-Hit“ von den polnischen Omis Jarzebina: „Koko Koko Euro Spoko“
- Oceana – „Endless Summer“. Das Video entstand natürlich, wie man unschwer erkennen kann, an den wunderschönen tropischen Stränden Nordpolens:
- Natürlich machen auch Deutschlands derzeit wichtigste Band Hepatitis Blau einen EM-Hit. Und das Land singt mit:
- Hip Hop ist tot? Kay One (das ist der, mit dem Style und dem Geld) beweist uns mit seinen individuellen Beats und seinen sicken Lyrics in jedem seiner Lieder das Gegenteil. Auch er unterstützt das deutsche Nationalteam tat- und wortkräftig:
- Der Himmel ist dunkel in Deutschland, seit der berühmteste Schnauzbart seit Rudi Völler seine Schlagerstiefel an den Nagel gehängt hat. Wolle Petry, you are missed. Doch ein neuer Stern bringt Licht: DJ Uwe Dienes wird sich, da sind wir uns in der egoFM-Schlager-und-Zukunftsmusikredaktion sicher, in den nächsten Jahren als Dauergast im Musikantenstadl und Ballermann 6 etablieren.
- Für die beiden Lochis ist es das erste große Turnier. Jedenfalls seit sie den Fängen des Laufstalls entkommen sind. Was ihre Omas wohl zu ihrem Bandnamen sagen, wissen wir nicht. Wahrscheinlich stürmen sie rasend vor Wut bäärgauuff. Immär höhäär und weitäär…
- Wer nicht von vorvorvorgestern ist, kennt natürlich Rufus Kern. Das smarte Multitalent vom Bonner Rheinufer besticht in seinem Video mit Fahrradkünsten und Wortwitz. Alles, was ein EM-Song eben braucht. Von EM-Song-Experte und YouTube-Nutzer „deinemudda7569“ wurde das Lied übrigens mit einem „Geilomat 2000“-Prädikat versehen. Auch „Mailina47“ findet: „geeeeiiles lied! und nices video!“. Also. Gucken und Hören!
- Die CANDYDOLLS. Genug gesagt, oder? Zumindest genug um die Lust auf Süßigkeiten zu verlieren. Klingt, wie Micaela Schäfer aussieht.
- Wer es tatsächlich geschafft hat, sich wirklich alle Lieder bis hierhin anzuhören, hat entweder Nerven wie Olli Kahn, oder vergessen die Lautstärke aufzudrehen. Aber wir geben euch jetzt den Rest: Au Au Au Autotune von H1 mit „Deu Deu Deu Deutschland“:
Was bleibt also übrig, nach dieser akustischen Folter? Die Erkenntnis, dass ausgerechnet Olli Pocher mit „Schwarz und Weiß“ einen der langwierigsten Hits gelandet hat? Überwiegt die Vorfreude aufs Deutschlandspiel oder brechen diese Beispiele selbst den härtesten Fan? Und tut es nicht gut zu wissen, dass nach einer solchen Qual nicht mal Wolf-Dieter Poschmann und Béla Réthy einem etwas anhaben können?
Bleibt noch zu sagen, auf geht’s Deutschland!
Bildquelle: Sascha Uding, Alternative Design