Am 23. Oktober trifft sich im Münchner Literaturhaus die wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und Poeten. Anlass ist das 20jährige Jubiläum der Zeitschrift Das Gedicht. Die wird einmal im Jahr von Anton Leitner herausgegeben, hat Buchdicke und beinhaltet viele viele Gedichte, die einen durchs Leben und den Alltag bringen. Bei dem Jubiläum werden natürlich viele Autoren anwesend sein - vier davon konnten wir uns im Vorfeld schon schnappen und mit ihnen reden. Über die Rockstars der Poesie, über den Nutzen von Gedichten und über verweichlichte Männerbilder.
Leander Beil
Mit seinen 20 Jahren ist er das Küken des Gipfeltreffens. Aber Leander muss sich nicht hinter seinen (etwas älteren) Lyrik-Kollegen verstecken. Er schreibt immerhin mittlerweile schon seit acht Jahren. "Poesie ist für mich ein Moment der Ruhe", sagt er im Interview. Und wenns dann mal ein bisschen weniger ruhig sein darf, tanzt Leander Beil zu der Musik von Beirut.
Wir lesen von Leander Beil: Paulistano
»Die Stadt ist ein Museum
ohne Berührungsverbot.«
Eine Graffitimauer beschnüffeln oder ein Stück
der verfaulten Hauswand stehlen. Wem auch immer
sie gehört, ich stell sie dann als Meteoritenfund
in die Vitrine. – Während den Jungs
an der nächsten Straßenecke ihr Feiertags-Klebstoff
in die Augen steigt, sie blind macht
für dieses Abendlicht, das wie ein junger Miles Davis
durch Trompeten hauchen könnte. Ist es da richtig
von diesem Espresso zu erzählen, von den Kindern,
die bei Stromausfall ihren ganz eigenen Samba
mit Taschenlampen an die Hauswände werfen?
Und wenn die Schallplatte ihre letzte Runde
gedreht hat, wo bleibt dann das Knistern,
das meine Worte so sagenhaft klingen lässt?
Melanie Arzenheimer
ist 40 Jahre alt und das, was man als einen "quirligen" Menschen bezeichnen würde. Sie sagt: "Poesie ist der beste Ersatz für einen Psychiater" und "Man muss auch lachen dürfen bei Gedichten". Und genau so schreibt sie auch. Melanies größter Traum ist es, vom Schreiben leben zu können.
Wir lesen von Melanie Arzenheimer: Beziehungskiller
Hab gerade studiert
in mich gekehrt
Tom hat gestört
rumdiskutiert
Fresse poliert
ihn flugs filetiert
in Tüten gesteckt
bei eBay vercheckt
Tüte vier
ein Souvenir
kommt in die Truhe
endliche Ruhe
Zwei Wochen später:
Peter.
Er fände mich toll.
Langsam wird
die Truhe voll.
Nicola Bardola
Der 53jährige schreibt für sein Leben gerne - von Belletristik über Sachbücher bis hin zu Auto-Biografien. Angefangen hat er mit 12 Jahren. Heute meint Nicola Bardola: "Poesie ist Innehalten". Er moderiert die Veranstaltung am 23. Oktober.
Wir lesen von Nicola Bardola: Seine neuerschienene Biografie "Yoko Ono"
Siegfried Völlger
Bloggt regelmäßig bei Hugendubel und hat auch selbst schon viele Werke herausgegeben. Zum ersten Mal hat er mit 15 Jahren geschrieben, er sagt: "Poesie ist (fast) Leben". Für ihn muss gute Lyrik also auch einen Bezug zum echten Leben haben.
Wir lesen von Siegfried Völlger: Das ganze Glück
er hat das glück gefunden
nur kurz angehalten
am see, in einem dorf
sie hat den kaffee serviert
und ist in seinen gedanken geblieben
nur fünf besuche später,
es ist alles protokolliert,
ist er zu ihr gezogen
an den see, ins dorf
eine größere liebe gibt es nicht
das ist das ganze glück
nur
zwei stunden jeden tag
auf den see schaun
bleibt als unordentlicher rest