Lieblingstonträger
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Montag, 19. Juni 2017, 00:00 Uhr

Portugal. The Man - Woodstock

Der Lieblingstonträger der Woche

Die Welt ist ein einziger Haufen von brennendem Giftmüll gebettet auf Rattenscheiße - sagen zumindest Portugal. The Man. Ihre Lösung fürs Dilemma: Kauf das neue Album! Es rettet uns nicht nur alle, es ist auch noch großartig! Sagen zumindest Portugal. The Man ebenfalls.

Die Band aus Alaska benutzt für die Promo ihres Albums damit also die gute alte Mit-diesem-Produkt-rettet-ihr-ein-kleines-bisschen-die-Welt-Marketing-Masche, ohne dabei wirklich zu verraten, wie man dies denn nun genau anstellt. Der Sprung von Erkenntnis zu Aktion bleibt aus - was wiederum im Song "Feel It Still" aufgegriffen wird. In der darin beschriebenen Figur schlummert noch der rebellische Geist (seit 1969). Doch wirklich aktiv was für die Verbesserung von Misständen tun und damit das einfache Rumleben aufs Spiel setzen? Lieber leer quatschen und warten, bis sich die Probleme von alleine lösen.
Die Zeile "Ooh woo, I'm a rebel just for kicks, now" macht allerdings viel zu viel Spaß mitzusingen, als dass man sich selbst unangenehm ertappt fühlt.



Die Songs "Rich Friend" und "Keep On" sind von der Message her eher stupider. Die Rich & Famous leben nur oberflächlich ein tolles Leben, die Werbeindustrie ist nur Schein und Trug und Influencer sind böse und ziehen armen Ahnungslosen das Geld aus den Taschen? Wow.
Mehr Potenzial, den rebellischen Spirit zu wecken hat wiederum die erste Singleauskopplung des Albums, "Noise Pollution". Diese thematisiert den Unterschied zwischen den Versprechen, die uns die moderne Welt gemacht hat, und dem, was wir letztlich bekommen haben.

We were sold on a more peaceful, empathetic, knowledgeable, and connected world. And we ended up with... well, whatever the opposite of that is.


Das achte Album von Portugal. The Man sollte eigentlich schon Anfang dieses Jahres unter dem Titel Gloomin + Doomin erscheinen. Drei Jahre lang - seit der Veröffentlichung des Vorgängers Evil Friends - haben sie an neuen Songs gearbeitet, nur um dann am fertigen Gesamtwerk zu erkennen: "Verdammt, die Tracks passen ja alle gar nicht zusammen". Frust macht sich breit. John Gourley (singender und Gitarren spielender Frontmann) tut erstmal das, was jeder von uns in einer hoffnungslosen Situation macht: Die Eltern besuchen, um sich füttern und trösten lassen. Doch statt aufgepäppelt zu werden, bekommt Gourley erstmal einen kleinen Einlauf von seinem Vater, als dieser fragt, was denn nun mit der neuen Platte sei und ob es nicht irgendwie der Sinn einer Band wäre, Songs zu schreiben und zu veröffentlichen. Recht hat er ja. Motivation, das Album nun endlich zu vollenden setzt trotzdem nicht ein. Stattdessen gerät John in eine noch tiefere Sinn- und Schaffenskrise.

Das Ticket für ihn aus dieser Hölle heraus war das Ticket seines Vaters für das legendäre Woodstock 1969 herein. Der politische Spirit des Festivals macht Klick in Gourleys Hirn:

In the same tradition of bands from that era, Portugal. The Man needed to speak out about the world crumbling around them.
Als mittlerweile etwas größere Band nimmt sich Portugal. The Man anschließend einfach den Luxus raus, die komplette bisherige Arbeit hinzuschmeißen und nochmal von vorne anzufangen. Für den Neustart wird eine Armada an vertrauten Produzenten zusammengetrommelt: John Hill, der In The Mounatain in the Clouds produzierte, Danger Mouse, der bei Evil Friends seine Fingerchen im Spiel hatte, der ehemalige Bestie Boy Mike D und der Langzeitvertraute Casey Bates, der seit der ersten Platte mit Portugal. The Man zusammenarbeitet. Dann geht alles plötzlich ganz locker vom Finger - Woodstock wird in Rekordzeit fertig.

Das Manko: Streckenweise klingen die Songs tatsächlich zu professionell. "So Young" zum Beispiel ist an sich ein typischer Portugal. The Man Song. Doch hört man einmal genauer hin, macht es einen fast sauer, wie sauber das Schlagzeug klingt. Da ist kein dreckiger Schrammel, keine Willkür, wie man sie noch aus früheren Zeiten der Band kennt. Die lyrische Referenz an Oasis' Song "Live Forever" macht es auch nicht besser.

Die glatt polierte Oberfläche der Songs steht im Kontrast zur eigentlichen Botschaft: "Hört auf, den Scheiß einfach zu ertragen. Steht auf und macht was dagegen." Ob das Feuer lediglich auf dem Cover lodert, oder tatsächlich auch beim Hörer zündet, ist daher fraglich.
Viel größer noch ist die Versuchung, sich mit Woodstock im Ohr in Peace-Zeichen-Formation ins Gras zu hocken, Blumen ins Haar zu flechten und dabei auf eine bessere Welt zu warten.

Tracklist: Portugal. The Man - Woodstock
portugaltheman woodstock01 Number One (feat. Richie Havens & Son Little)

02 Easy Tiger

03 Live In The Moment

04 Feel It Still

05 Rich Friends

06 Keep On

07 So Young

08 Mr Lonely (feat. Fat Lip)

09 Tidal Wave

10 Noise Pollution (feat. Mary Elizabeth Winstead & Zoe Manville) - Version A, Vocal Up Mix 1.3

Woodstock von Portugal. The Man wurde am 16. Juni 2017 via Atlantic (Warner) veröffentlicht.


Bildquelle Slider: Maclay Heriot | Atlantic Records
Bildquelle Titelbild: Woodstock Cover | Atlantic Records