Lieblingstonträger

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Montag, 31. März 2014, 07:00 Uhr

S O H N - Tremors

Der Lieblingstonträger der Woche

Wer dieses Jahr um die Winterdepression herumgekommen ist, hat nicht mit S O H N gerechnet. Hier gibt es sein Album jetzt im Stream.

S O H N – korrekterweise mit drei Leerzeichen geschrieben und neuerdings auch Sonn ausgesprochen – hat schon Musik für die unterschiedlichsten Künstler produziert. BANKS, Disclosure, Kwabs, Angel Haze, you name it. Der Londoner Wahl-Wiener hatte sie quasi alle schon am Mischpult.

Nach zwei EPs veröffentlicht er jetzt seine erste, eigene und komplette Platte. Tremors heißt sie und ist sehr ruhig, beinah still geworden. Die elf Songs sind immer von einer allumfassenden Einsamkeit überschattet. Sie fühlen sich kalt, depressiv, mechanisch und erstickend trostlos an. Tremors ist ein Album geworden, das man allein anhört. Am besten nachts. Vielleicht auch irgendwo in einer kleinen Blockhütte auf Island, weit weg von allen Freunden.

Lange Synthie-Flächen sind das Stilmittel und auffälligste Markenzeichen von Tremors. In dieser großen, elektronischen Freiheit kann man sich schnell verlieren. Die sanfte, hohe Stimme von S O H N versprüht dazu einen Hauch von wehklagendem Blues, klingt hypnotisch und sphärisch. Seine Lyrics über Selbstisolation und Verlust von Liebe sind genauso traurig wie verkopft.

"Bloodflows"
 ist das perfekte Beispiel. Wunderschöne, breite Synthie Sounds plus die gefühlvolle, intime Stimme von S O H N, dazu der Text: "As blood flows, Open, the wound grows, Melts away, the water froze, cause my love, my love, my love don’t love me." 



Die Single "Artifice" ist die einzige tanzbare Ausnahme, die es auf Tremors geschafft hat. Genauer gesagt: Wer darauf hofft, ähnlich clubtaugliche Songs zu finden, wird enttäuscht sein. Und "Artifice" ist mit nur 3:18 Minuten nicht nur überfüllt mit den unterschiedlichsten Klängen, sondern auch viel zu schnell vorbei. Ganz im Gegensatz zum Musikvideo. Darin sieht man in Superzeitlupe einen Autounfall. S O H N selbst sitzt teilnahmslos auf dem Bordstein. Das Chaos, die fliehenden Menschen, das Grauen - all das interessiert ihn nicht.

"Is it Over? Did It End While I Was Gone?"



Genauso wie das Video zu "Artifice" verdeutlicht auch das Cover die musikalische Intention und emotionale Wirkung von Tremors. Man sieht S O H N, allein, selbstisoliert und in weiten und kalten Landschaften. Klare Orientierungen, zum Beispiel die Straße, lösen sich in Rauch auf. Wer Lust hat, diese Idee künstlerisch selbst einzufangen, kann übrigens das Cover auf der offiziellen Homepage von S O H N auch selbst gestalten. Ein paar tolle Ergebnisse gibt es schon zu bestaunen

Aber zurück zur Musik. Eine richtig starke Nummer ist der Song "Tremors" selbst. Darin geht es um Erschütterungen, die längst vergessene Ereignisse im Leben wieder aufwühlen. Man dachte, man hat es verarbeitet – aber das hat man eben nicht. Hier kommt die Gegensätzlichkeit von der kühlen Elektro-Instrumentierung und der feinfühligen, zarten Stimme von S O H N zum Höhepunkt.

Ebenfalls probelauschen solltet ihr "Lights", allein wegen des monotonen Beats, der sich genauso simpel wie berauschend durch den gesamten Song zieht. Großartig. Für den ganz tiefen Seelenschmerz gibt es dann noch das atemraubende "Paralyzed". Neben S O H N und Chor strahlen hier vor allem die Piano Harmonien, die immer wieder von einem seltsam fremdlichen Geräusch unterbrochen werden - als würde jemand Papier zerreißen?

An diesen Stellen merkt man auch, dass S O H N weiterhin lieber Kunstprojekt als Popstar ist. Toph Tayler, so heißt S O H N mit richtigen Namen, liebt schwer zugängliche, leicht sperrige Tracks nämlich mindestens genauso wie seine Anonymität und schafft es auch ganz ohne Anti-Social-App, dass ihn keiner auf der Straße erkennt oder anspricht. In einem Interview mit The Gap formuliert er passend: "Ich kann nicht sagen, dass das nicht auch meine Schuld wäre. Ich bin schließlich angezogen wie der Imperator aus Star Wars."

Tremors ist das bis dato stärkste Debütalbum eines Künstlers in 2014.
Die Platte ist genau richtig für Musik-Nerds, die gerne jede kleinste Kleinigkeit an Tönen und Wörtern auseinandernehmen. Außerdem lebt sie von Kontrasten und diesem aufwühlenden, allgegenwertigen Gefühl von Einsamkeit. Wir sind jedenfalls mal ernsthaft begeistert, und irgendwie auch immer noch hypnotisiert.

Über unser nigelnagelfunkelneues tape.tv-Profil kriegt ihr das komplette Album schon vorab im Stream.





Übrigens, S O H N spielt in Baden-Württemberg, und zwar am 31.05. auf dem Maifeld-Derby Festival in Mannheim.

Tracklist: S O H N - Tremors

01 TempestSohn-tremors-FINAL

02 The Wheel

03 Artifice

04 bloodflows

05 Ransom Notes

06 Paralysed

07 Fool

08 Lights

09 Veto

10 Lessons

11 Tremors



Tremors von S O H N erscheint am 04. April über 4AD.

Bildquelle: S O H N Official Homepage

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