Lieblingstonträger
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Montag, 14. April 2014, 00:00 Uhr

Chet Faker - Built On Glass

Der Lieblingstonträger der Woche

Der am längsten angekündigte Lieblingstonträger aller Zeiten: Chet Faker veröffentlicht endlich sein Debütalbum.

chetfaker studio fb

Chet Faker veröffentlicht endlich sein erstes richtiges Album und wir hatten im Vornherein Angst. Angst, dass es das letzte Album ist, das wir jemals hören wollen. Andererseits Angst, dass wir es irgendwie, aus irgendwelchen Gründen, die unser Hirn nicht begreifen kann (wie die Existenz einer vierten Dimension), nicht mindestens sehr gut finden würden.

Unsere Sorgen waren unbegründet. Natürlich bringt er keine schlechte Platte raus. Schlechte Chet Faker-Musik existiert, wenn überhaupt nur in einer (für uns unvorstellbaren) vierten Dimension. Oder achten. Aber: Es ist auch nicht das Album, das alles auf den Kopf stellen wird, das in 86 Jahren vom Rolling Stone als bestes Album des letzten Jahrhunderts gewählt wird. Und falls doch: umso besser.

Das schon mal vorweg: Chet Faker hat uns überrascht. Es ist nicht das Album geworden, das wir erwartet haben. Es ist keine lange, neue Version der Thinking In Textures EP geworden, das war ja irgendwie schon klar. Aber auch vom Sound her ist es spezieller, jazziger, zum Teil Gospel-beeinflusst, einen-Schritt-weiter-iger. Einen Schritt, den er nicht alleine gehen musste, sondern bei dem man merkt, dass er nun die Unterstützung einer kleinen aber talentierten Band genießt, im Gegensatz zur Debüt-EP.

Beim Opener hört man das allerdings noch nicht. Dafür ist „Release Your Problems“ zu Chet. Das warme Piano begrüßt uns wie jemand, der sich unglaublich freut uns zu sehen (und andersrum). Die Vorfreude wird zu einem Geräusch, baut sich auf, wird zu Klang, wird schließlich zu allen Klängen die es gibt, vermischt sich in Rauschen und implodiert dann. Implodiert im kürzesten Augenblick der Welt, wird zur Stille und jemand (vielleicht ein großer Mann mit Beanie-Mütze, Kippe im Mundwinkel und Vollbart?) öffnet uns lächelnd die Tür und sagt „Komm rein, vergiss die Probleme“. Und dann tun wir das.

„Talk Is Cheap“ ist die erste Singleauskopplung und sowas wie Marvin Gayes „Let’s Get It On“ unserer Generation. Im Ernst: Wenn ihr bei diesem Song nicht wenigstens ein bisschen erotisiert werdet, wurdet ihr wahrscheinlich ohne jegliche Hormondrüse geboren.



Auch „Melt“ kennt ihr schon aus unserer Playlist. Es ist der einzige Song, für den sich Chet Faker ein Feature eingeladen hat, die junge New Yorkerin Kilo Kish. Neben „Talk Is Cheap“ ist „Melt“ wahrscheinlich der Song, der am meisten nach dem Thinking In Textures-Chet klingt. Einzeln gesehen super Nummer. Im Albumkonstrukt allerdings wahrscheinlich der schwächste Track. Nur so als Maßstab: DAS hier ist der schwächste Track auf einem Album:



Wenn wir einen stärksten wählen müssten, wäre es wohl „To Me“. Die repetitive Bass-Line, die Hintergrund-Bläser, das Klavier, wie alles sich perfekt an unaufdringliche, fast schon geheime Synthies anpasst, wie sich dann die verschiedenen Schichten zusammentun, aufeinander aufbauen, immer mehr, immer intensiver werden, fantastischer, und dann wie bei James Blake einfach aufhören da zu sein, oder wieder Schritt für Schritt ausgeschaltet werden.

Das Album ist zweigeteilt. Der nächste Track nach „To Me“ ist „/“, eigentlich nur ein Audio-Sample, ein Field-Recording. Chets Texte sind auch deswegen immer so nachdenklich und ehrlich, weil er nicht nur selber gute Dinge zu sagen hat, sondern bestimmt auch ein hervorragender Zuhörer ist, der sich Dinge merkt. Der dafür sorgt, dass denkwürdige Momente nicht nur eine Erinnerung bleiben, sondern sie aufnimmt und Geschichten, Melodien und schließlich Songs um sie herum bastelt. So gesehen ist „/“ doppelt passend. Als klare Trennung zwischen zwei Teilen eines Albums und gleichzeitig als Einstimmung auf das, was uns in den zweiten 25 Minuten erwartet:

Das Tempo erhöht sich, Synthie- und elektronische Sounds werden prägnanter, instrumentale Teile dominanter. Und immer wieder diese sich aufbauenden Klangschichten, die dann ineinander zusammenfallen.

Eine kleine Ausnahme davon bildet noch einmal „Lessons in Patience“. Keine Ahnung, ob ihr schon mal euren besten Freund habt trösten müssen, nachdem ihn die Frau, von der er „Die isses“ dachte, nach sechs Jahren hat sitzen lassen. Begleitet vom ältesten, traurigsten, ehemals strahlend goldenen, jetzt aber oxidierten und angelaufenen Saxophon der Welt. Herzzerreißend.

Und auf einmal wisst ihr, warum ihr am Anfang so herzlich, so erwartungs- und hoffnungsvoll in die bekannte, freundliche Wohnung gebeten worden seid. Wir brauchen Chet Fakers Musik. Genauso wie Chet Fakers Musik uns braucht.

Tracklist: Chet Faker - Built on Glass
01.       Release Your ProblemsChet Faker Built On Glass Fb

02.       Talk Is Cheap

03.       No Advice (Airport Version)

04.       Melt (feat. Kilo Kish)

05.       Gold

06.       To Me

07.       /

08.       Blush

09.       1998

10.   Cigarettes & Loneliness

11.   Lessons In Patience

12.   Dead Body


Built On Glass von Chet Faker wurde am 11. April via future classic veröffentlicht.


Bildquelle: Chet Faker // Facebook