Lieblingstonträger
benjaminclementine_atleastfornow
Montag, 13. April 2015, 00:00 Uhr

Benjamin Clementine - At Least For Now

Unser Lieblingstonträger der Woche

Seit Monaten freuen wir uns schon, diese Woche ist es endlich so weit: der Wahlpariser veröffentlicht sein heißersehntes Debütalbum endlich auch außerhalb Frankreichs.

Als wir euch letztes Jahr empfohlen haben, einen jungen Herren namens Kwabs auf dem Schirm zu behalten, haben wir ziemlich hochgegriffen mit unserer Formulierung. Deswegen fällt es uns jetzt umso schwerer, nochmal die richtigen Worte zu finden. Benjamins Stimme ist wie keine, die wir je gehört haben, zumindest nicht in diesem Jahrtausend. Da steckt in ein paar Oktaven so viel Wärme, Schmerz, Ehrlichkeit, Lebenserfahrung und Kraft drin, soviel von Gil Scott-Heron und Nina Simone, dass uns jedes Mal die Ohren glühen und die Herzen bluten.

Das kommt auch nicht von ungefähr. Benjamin (24) hatte eine schlimme Kindheit und Jugend unter den Fuchteln streng religiöser Eltern. Als er sich dann mit 19 mit seinem Mitbewohner stritt, beschloss er, Großbritannien den Rücken zu kehren. Er entschied sich für Paris, wo er zunächst obdachlos war und mit Auftritten in Bars und Hotels versuchte, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Bis er dann schließlich in den Katakomben der Metro von einem Agenten entdeckt wurde. Durch seine Kontakte trat er 2012 auf dem Festival de Cannes auf, wo er Lionel Bensemoun kennenlernte, einen Medienmogul Frankreichs. Der war von Benjamin derart begeistert, dass er prompt ein Label gründete, um ihn unter Vertrag zu nehmen.

Benjamin Clementine verarbeitet seine Geschichte in wundervollen Gedichten, setzt sich dann ans Piano und lässt sie raus. Mal schreit er, mal wimmert er, manchmal bricht die Stimme fast weg, er singt jedes Wort so, als ob er selbst nicht glauben kann, dass er den ganzen Scheiß wirklich durchmachen musste. In "Nemesis" geht es beispielsweise um die wüsten Träume von einer gescheiterten Liebe. Dabei fühlt man sich oft hilflos, ist wütend und niedergeschlagen.



Auf Dramatik und Melancholie setzt Benjamin Clementine gerne in seinen Videos, wie man schon an dem zu "Condolence" erkennen konnte. Für den ein oder anderen mag es ein bisschen zu viel Gefühl sein, dem Rest hingegen sprießen die Haarfollikel mindestens fünf Millimeter aus der Haut. Wir stehen drauf. Gerade, weil es bei Benjamin Clementine kein bisschen aufgesetzt wirkt. Seine Gefühle sind authentisch, fungieren wie ein Katalysator für unsere eigenen Emotionen. Wir wollen heulen, lachen, flennen, wie wahnsinnig dirigieren und uns in einer Ecke wie ein Embryo zusammenkrümmen und hin und her schaukeln. Benjamin Clementines Musik ruft auf die Art und Weise eine Katharsis hervor, wie es keine Tragödie tun könnte.



Bei "Adios" bringt er das noch auf eine ganz andere Ebene: es wird religiös. Ab Minute 2:06 circa fängt er an, zu den Engeln zu sprechen und stimmt anschließen choral-artigen Gesang ein. Während der Song generell eine Anspielung auf seine Flucht aus Edmonton ist, sind die Kirchenklänge eine Reflexion seiner streng katholischen Erziehung, die ihm einerseits Grenzen aufwies - er durfte beispielsweise zu Hause nur Gospel und Choräle hören. Andererseits war Religion für ihn auch eine Zuflucht. In der Schule wurde er nämlich gemobbt, weswegen er öfter mal schwänzte. Doch anders als der Durchschnitts-Teenager verbrachte er die gewonnene Zeit nicht in Spielhallen oder mit Eis-Essen im Park. Ihn hat es immer in die Bibliothek verschlagen, wo er Stunden mit Poesie von TS Eliot und William Blake und der Bibel verbrachte. Das erklärt so einiges.



Auf At Least for Now experimentiert er generell sehr gerne. "London", zum Beispiel, erinnert irgendwie an eine Disney-Version von "London Calling" - nur halt, dass es umgekehrt ist, Benjamin will London ja eigentlich verlassen.



"Winston Churchill's Boy" hat durch den Einsatz eines Schlagzeugs ab 2:05 sogar eine leicht elektronische Anmutung. Tolle Überraschung, da er sich bei seiner Musik bislang auf Piano und minimalen Streichereinsatz beschränkt hat.



Wir wollten euch nie zwingen, eine Platte zu kaufen, die Entscheidungsfreiheit haben wir euch stets gelassen. Doch lasst euch eins gesagt sein: At Least for Now ist definitiv eine Platte, die die Alben-Bestenlisten von 2015 anführen wird. Definitiv.

Tracklist: Benjamin Clementine - At Least for Now
benjaminclementine atleastfornow cover01. Winston Churchill's Boy

02. Then I Heard a Bachelor's Cry

03. London

04. Adios

05. St-Clementine-On-Tea-and-Croissants

06. Nemesis

07. The People and I

08. Condolence

09. Cornerstone

10. Quiver a Little

11. Gone


At Least For Now von Benjamin Clementine wird am 17. April via Universal veröffentlicht.