Lieblingstonträger
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Montag, 08. Juni 2015, 00:00 Uhr

Everything Everything - Get to Heaven

Der Lieblingstonträger der Woche

Die Meister eklektischer Musik veröffentlichen bald ihr drittes Album - zwar eine Woche später als angekündigt, doch wir konnten trotzdem schon mal reinhören und euch genau sagen, was euch erwartet.

2007 gründete sich mit Everything Everything eine Band, deren Klang man durchaus als das Gegenstück zur Harmonik bezeichnen kann, ohne dafür vom ehemaligen Musiklehrer den Hintern versohlt zu bekommen. Freilich haben viele deswegen Probleme, sich so richtig in ihre Musik einzugrooven und natürlich wurden sie dafür schon von zahlreichen Kritikern zerschmettert, à la: "Man kann doch nicht einfach die unterschiedlichsten Klänge in einen Song packen und das dann als Kunst bezeichnen". Allerdings haben sie damit auch einen unverwechselbaren Klang, dessen Genuss einer ganz bestimmten Gruppe von Connoisseuren vorenthalten ist. Wow, war das gerade eine Nullaussage. Doch so ist es einfach: Everything Everything taugen einem entweder enorm oder eben ganz und gar nicht.

Wir müssen zugeben, dass wir uns selbst erst mal an "Distant Past", die erste Single-Auskopplung des neuen Albums, gewöhnen mussten, bevor wir den Song richtig gefeiert haben. Es ist unter anderem die abgehackte Art und Weise, wie Sänger Jonathan Higgs die Wörter raushaut, die unregelmäßige Bass-Line und schließlich der herausstechende Refrain, was diesen Song so richtig gut macht. "Soon. I'll. Be the best around." - true that, zumindest, wenn man dem Track seine Zeit gewährt und ihn ein paar mal anhört.



Im Gegensatz dazu klingt die zweite Single "Regret" geradezu strukturiert und eingängig, hat dafür aber ein ziemlich abgefahrenes Video bekommen (verdammt, haben die da etwa Quidditch-Roben an?!).



Generell müssen wir Fans des Everything'schen Chaosses enttäuschen: Get to Heaven klingt relativ normal. "Relativ", weil die Songs im zeitgenössischen, ganz netten Rock immer noch herausragen. Viele Tracks wecken auch nur anfangs den Eindruck, Everything Everything würden plötzlich normale, harmonische Musik machen.

Eingeleitet wird Get to Heaven von "To the Blade" mit einem echt öden Intro, bevor der Track dann im Refrain allerdings explodiert, mit harten Gitarrenriffs und Breakdowns. Die meisten Refrains klingen generell ziemlich umgänglich, passen in der Regel aber nie so ganz mit dem Rest des Songs zusammen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Titelsongs des Albums, "Get to Heaven". Hätten wir eine Gesellschaft mit einem durchschnittlich etwas außergewöhnlicherem Musikgeschmack, könnte der Track mit seinem Gepfeife und den tropisch klingenden Synths tatsächlich prima als Sommer-Hymne herhalten. Auch "Sping / Sun / Winter / Dread" klingt - nach einem wirren Intro - erst ziemlich catchy, nach guten zweieinhalb Minuten mit dem Einsatz einer schrammigen Gitarre und sich überschlagendem Gesang unverkennbar zu einem Everything Everything Song wird. Auch "The Wheel (Is Turning Now)" zeugt von wirrer Tempovariation innerhalb des Songs. Und auf "Fortune 500" gibt Higgs alles, was seine Falsett-Gesangsfähigkeiten hergeben, ebenso in "Blast Doors", hier allerdings in Kombination mit einer wahnsinnig treibenden Hip-Trip-Hop Anmutung. Am gewöhnungsbedürftigsten und ja, ihr werdet es kaum glauben, mit Dubstep-Elementen versehen ist "Zero Pharaoh". Danach kommt "No Reptiles" zunächst geradezu simpel, doch lasst euch nicht beirren, dem Song steht ein fantastischer Aufbau bevor. "Warm Healer" lässt die Platte dann tatsächlich ziemlich nüchtern, aber recht angenehm ausklingen.

NME bezeichnete Everything Everything einst als Picasso des Pop. Der Klang der neuesten Platte lässt sich nun allerdings eher mit Magritte vergleichen, das einstige Chaos hat geordnete(re) Linien bekommen, abgefahrene Details stechen allerdings nach wie vor ins Auge, äh Ohr und geben dem ganzen etwas Typisches, Unvergleichbares. So bewahrt sich die Band ihre Sonderstellung im Pop-Rock-Biz. Denn entgegen ihrer eigenen, ziemlich nüchternen Beschreibung, sind diese Briten viel mehr als einfach nur "a band." Entgegen des Ethosses vieler Bands, die am liebsten so radiotaugliche Musik wie möglich machen, machen Everything Everything Musik, mit der man sich auseinander setzen muss.

So fügt sich auch Get to Heaven fast nahtlos in die kunstvolle Diskografie Everything Everythings, mit einer Vielfalt an musikalischen Einflüssen und intelligent kritischen, aber doch recht aufgebrachten und teils auch verbitterten Texten. Man, könnt ihr euch auf in zwei Wochen freuen, wenn die Platte dann endlich rauskommt.

Tracklist: Everything Everything - Get to Heaven
everythingverything cover
01. To The Blade
02. Distant Past
03. Get To Heaven
04. Regret
05. Spring / Sun / Winter / Dread
06. The Wheel (Is Turning Now)
07. Fortune 500
08. Blast Doors
09. Zero Pharoah
10. No Reptiles
11. Warm Healer


Deluxe Edition 
        
12. We Sleep In Pairs
13. Hapsburg Lippp
14. President Heartbeat
15. Brainchild
16. Yuppie Supper
17. Only As Good As My God


Get to Heaven
von Everything Everything wird am 19. Juni via Sony veröffentlicht.