Lieblingstonträger
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Montag, 07. September 2015, 00:00 Uhr

The Libertines - Anthems for Doomed Youth

Der Lieblingstonträger der Woche

Peter Doherty solo liefert klapprige Balladen für den liebeskummernden Tölpel, die Babyshambles besingen stets den Abfuck und die Libertines - die Libertines liefern die treibenden Hymnen. So war es. So ist es. So wird es immer sein. Amen.

Elf Jahre. Wir erinnern uns zurück. Gerade erst in der Pubertät angekommen fing man plötzlich an, sich während dem Pickelausdrücken Gedanken zu machen. Der Sinn des Lebens, zum Beispiel, was soll das sein? Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Werden wir am Ende ebenfalls in einer riesigen Eiterexplosion von der Erde verschwinden? Genauso fing man plötzlich an, sich Gedanken zum bisherigen Verlauf des Lebens zu machen, ein bisschen zu reflektieren - und dabei richtig nostalgisch zu werden (mit 14...). So projizierten sich plötzlich irre viele Momente, fantastische Momente, an die eitrige Innenwand unseres Köpfchens. Und zugleich folgte die erste bittere Erkenntnis unseres Lebens: all diese Momente sind vergangen. Sie werden nie wieder kommen. Nie. Gefolgt wurde jene Erkenntnis von der ersten semi-starken Depression. Die anhielt, bis man durch Zufall, nein Halt: Bis man wie durch Magie eine Platte beim älteren Bruder entdeckte: "Don't Look Back into the Sun". Von den Libertines. Die Pubertät war zwar immer noch scheiße, trotzdem konnte man nach vorne schauen - dank den Libertines.



Um auf den Punkt zu kommen: Elf Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Damals war man selbst dümmer, die Welt allgemein ein bisschen besser und das Eis überhaupt noch sehr viel billiger. Und die Musikszene. Die Musikszene war auch irgendwie noch rougher. So wurde vor elf Jahren - ihr werdet sicherlich schon wegen der Überschrift des Artikels drauf gekommen sein - das letzte Album der Libertines veröffentlicht. Jenes Meisterwerk bekommt nun einen Nachfolger. Anthems For Doomed Youth heißt es und wird in eine musikalische Zeit geboren, die fast nur noch poppigen Einheitsbrei herausbringt. Deswegen die Angst: Wie könnte das neue Album der Libertines wohl klingen? Könnte es sich bei Anthems For Doomed Youth um den Versuch von Barât und Doherty handeln, pubertären Teenagern noch einmal das Taschengeld aus der Tasche zu stibitzen? Doch dann wurde die erste Single, "Gunga Din", veröffentlicht und prompt vergaßen wir all unsere Ängste in der Aufregung, dass es die Libertines tatsächlich noch mal geschafft haben, alle Streitigkeiten zu beenden und nochmal gemeinsame Sache zu machen.



Nach - nur, um es noch einmal zu verdeutlichen - elf langen Jahren, zwei Reunions, gefühlt 5.000 Skandalen und einem (hoffentlich) erfolgreichen Drogenentzug ist es diese Woche also endlich so weit. Am 11. September veröffentlichen The Libertines ihr drittes Album, das sie schon vor gut einem Jahr angekündigt hatten.

Aber das lange Warten soll sich gelohnt haben. Peter Doherty zeigt sich nach seinem Thailand-Drogenentzug in einem NME-Interview sichtlich stolz:

People are going to love it. [...] We're all really proud of it.
Auf dem Glastonbury Festival haben The Libertines ihren Fans bereits einen kleinen Vorgeschmack auf Anthems For Doomed Youth gegeben. Mit den leicht Reggae-angehauchten Tönen und einer Rap-Einlage von Barât gab bereits "Gunga Din" ganz klar zu verstehen, dass Carl, Pete, John und Gary nicht mehr die Skandal-Britpopper von früher sind. Barât unterstreicht diese Entwicklung immer wieder in Interviews:

It’s not us repeating ourselves, that's for sure. We've definitely moved on.
Klar, immerhin sind ja auch schon elf Jahre seit der letzten Platte vergangen. Gehen wir doch noch einmal ein paar von den Eckdaten durch (immerhin könnte euer geschichtliches Libertines-Basis-Wissen etwas eingestaubt sein. Nach den elf Jahren).

►1997 lernten sich Peter Doherty und Carl Barât in London kennen.

► Mit dem Plattenvertrag 2001 bei Rough Trade Records begann die Karriere der (fast) skandalösesten Bands der britischen Musikgeschichte. Mit dem Erfolg kamen Drogen ins Spiel und es gab erste Spannungen zwischen Barât und Doherty, der immer wieder auch "Guerilla Gigs" ohne den Rest der Band veranstaltete.

► 2003 organisierte Peter für Carl eine Geburtstagsparty - aber der Ehrengast erschien nicht. Als Peter dann noch mitbekam, dass die Libertines ohne ihn auf Japan-Tour gegangen waren, brach er in Barâts Wohnung ein. Nach einer Aussprache und dem Wiedervereinigungskonzert im Tap'n'Tin Pub sah es zunächst so aus, als kehre nun Ruhe in die Band. Nach mehreren missglückten Drogenentzügen verkündete Doherty aber dann 2004 während einem Live-Auftritt, er werde nun in ein buddhistisches Kloster in Thailand gehen. Das war der letzte gemeinsame Auftritt der Band.

► 2010 gab es dann eine Mini-Reunion mit zwei Libertines-Auftritten: Auf dem Leeds Festival und in Reading (beide Auftritte ließen sich die Jungs gut bezahlen).

► 2014 deutet alles auf eine richtige Reunion: Nach einer kleinen Facebook-Schnitzeljagd steht fest: Die Libertines spielen auf dem British Summertime Festival am 5. Juli im Hyde Park. Kritik kam auf, als Doherty verkündete, er und Barât würden jeweils 500.000 Pfund für den Auftritt bekommen. In einem Interview mit NME verteidigt er sich: "What do they [critics] think The Libertines did? We signed to Rough Trade, right? Purely for the money. It's completely in the spirit of the band to play Hyde Park for the money!"

Ob nun des Geldes wegen oder aufgrund der Liebe zur Musik: Wir freuen uns über die neue Libertines-Platte. Denn es ist schon viel zu viel Zeit ohne richtige Hymnen vergangen (elf Jahre).

Übrigens: Drüben bei Universal könnt ihr schon in zwei weitere neue Songs reinhören. "Anthem for Doomed Youth" und "Glasgow Coma Scale Blues".

Tracklist: The Libertines - Anthems For Doomed Youththelibertines afdy cover
01. Barbarians
02. Gunga Din
03. Fame and Fortune
04. Anthem for Doomed Youth
05. You're My Waterloo
06. Belly of the Beast  
07. Iceman
08. Heart of the Matter
09. Fury of Chonburi
10. The Milkman's Horse
11. Glasgow Coma Scale Blues
12. Dead for Love

Anthems For Doomed Youth von The Libertines wird am 11. September via Universal Music veröffentlicht.