Lieblingstonträger
liannelahavas_blood_covercut
Montag, 27. Juli 2015, 00:00 Uhr

Lianne La Havas - Blood

Der Lieblingstonträger der Woche

Zur Inspirations fürs neue Album ist Lianne La Havas nach Jamaika gereist. Reggae oder karibische Klänge sollte man aber nun nicht erwarten - viel mehr Groove, Bässe und üppigen Jazz-Pop.

Wie Nina Simone klinge Lianne La Havas, sagen sie - ganz können wir da den Kollegen aus dem internationalen Musikjournalismus nicht zustimmen, schließlich hat Nina Simone doch eine sehr alleinstehende und vorallem eine dunkle, fast schon maskuline Stimme. Lianne La Havas Gesang hingegen ist eher hoch, dennoch kräftig, mit dieser leichten, rauchigen Note. Ihr Talent beweist das ehemalige Model nun auf ihrem zweiten Album Blood, das Ende dieser Woche, am 31. Juli, erscheinen wird. Es ist ein Souvenir aus Jamaika, überrascht allerdings damit, dass man kein bisschen Karibik darin hören kann: keine Steel-Pans, kein Betonungsschwerpunkt auf der dritten Schlag, keine zuwiderlaufenden Bezüge zwischen den verschiedenen Instrumenten, keine Kiffer-Anekdoten. Wert wurde vielmehr auf opulenten Klang gesetzt, Groove, Jazz und emotionale Lyrics gelegt. Von Bläsern, akustischen Gitarrenklängen, prägnantem Schlagzeug, Piano, Chören, bis zu Streichern findet man alles auf Blood. So steht jeder Song für sich, monotone Phasen gibt es nicht. Paradebeispiel für diesen opulenten Klang lieferte gleich die erste Single "Unstoppable", der sogar von diversen Künstlern geremixt wurde. Zum Beispiel FKJ und Jungle.



Die Perle des Albums ist unserer Meinung nach "Green & Gold", mit akustischer Gitarre, einem Schlagzeug, das dem Song einen wunderbar organischen Beat gibt und vereinzelten Trompeten, die weise genug eingesetzt sind, dass sie nicht zu präsent im Vordergrund sind sondern viel mehr als schicke Klang-Details fungieren. Ihre Stimme variiert hier mit allen möglichen Facetten: hoch, aber dicht, mit ihrem interessanten rauchigen Unterton - aber stets einfühlsam. Feinster Jazz-Pop.



Bei "What You Don't Do" könnte man die ersten paar Klänge fast Daft Punk erwarten - kein Witz. Es ist der Sound-Trichter zu Beginn des Songs, der sich dann allerdings auflöst, beziehungsweise fast unmerklich im Hintergrund verschwindet. Dazu explodiert die Stimme der Londonerin in all ihrer Intensität. Mit der Ballade "Wonderful" fährt Lianne La Havas wieder ein bisschen runter. Im Refrain hört man fast unmerklich sogar eine männliche Stimme mitsingen. Begleitet wird "Wonderful" stets vom Piano, Streichern, Schnipsen und einem dumpfen Beat - der Song ist also recht moderat, dringt aber unter jedes Haarfollikel und presst es aus der Haut (Gänsehaut). Auf "Midnight" lässt Lianne La Havas die Femme Fatale par excellence raushängen. Tatsächlich ist dies einer der Tracks, der mit seinem üppigen Klang und der Bläserpräsenz noch am ehesten an Nina Simone erinnern lässt (Obacht: nicht vom Gesang her, lediglich vom Klang). Einflüsse von Ms. Lauryn Hill meint man ein bisschen auf "Grow" durchhören zu können. "Ghost" ist der zweite etwas ruhigere Song auf dem Album. Gegen Ende erwartet man wegen des langsam Aufbaus noch einen kleinen Ausbruch - der allerdings ausbleibt. Stattdessen endet "Ghost" in ein paar schlichten Gitarrenakkorden. Enttäuschend? Nö, einfach mal eine nette Alternative zu vorhersehbaren Pop-Songs.

Geradezu überraschend ist allerdings dann der vorletzte Track, "Never Get Enough". Er beginnt mit sanftem Gesang, begleitet von ebenso sanfter Gitarre (ließe sich gut mit The Whitest Boy Alive vergleichen) - dann kommt der Refrain und ein regelrechter "What the fuck did I just listen to"-Moment. Der Song wirft sein hübsches Klanggewändchen ab und das, was drunter befindet, müsst ihr euch wie ein Leder-Korsett, mit Strapsen und Springerstiefeln vorstellen. Irgendwie. Lianne La Havas klingt auf jeden Fall plötzlich ziemlich erbost und der Telefon-Filter über ihrer Stimme erinnert an den ein oder anderen Punk-Rock-Track. Das kann man sicherlich als Kunst verpacken, die Verbindung zweier völlig verschiedener Melodien. Das müssen wir uns aber erst nochmal durch den Kopf gehen lassen.

Das ruhige "Good Goodbye" kommt daraufhin ziemlich entspannend. An dieser Stelle würden wir auch gerne nochmal sagen, wie nett wir das finden, am Ende des Albums nett verabschiedet zu werden. Das ist richtig höflich! Danke, Lianne. Wir fanden es auch schön mit dir.

Bei den Kollegen vom Rollingstone könnt ihr in das komplette Album reinhören.

Tracklist: Lianne La Havas - Blood
liannelahavas blood cover01. Unstoppable

02. Green & Gold

03. What You Don't Do

04. Tokyo

05. Wonderful

06. Midnight

07. Grow

08. Ghost

09. Never Get Enough

10. Good Goodbye



Blood von Lianne La Havas wird am 31. Juli via Warner Music veröffentlicht.