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Montag, 10. August 2015, 00:00 Uhr

Dr. Dre - Compton: A Soundtrack

Der Lieblingstonträger der Woche

Dr. Dre ist noch einmal zurückgekommen. Um Tschüß zu sagen. Mit Compton: A Soundtrack setzt er nicht nur seiner alten Heimat, sondern sich selbst ein letztes grandioses Denkmal.

Dr. Dre war und ist bis heute ohne jeden Zweifel eine der wichtigsten Personen im Hip Hop, die wichtigste an der Westküste. Während Rap im New York der späten 80er schon blühte, machten er, Eazy-E, Ice Cube, DJ Yella und MC Ren als N.W.A. zuerst den Los Angelesschen „Problembezirk“ Compton und später die ganze Welt unsicher mit ihrem Gangsta-Rap. Wie sich aus den fünf Freunden eine der einflussreichsten Rap-Kombos aller Zeiten entwickeln konnte, das erzählt der bald erscheinende Kinofilm Straight Outta Compton, den ihr euch alle unbedingt ansehen müsst.



Die Arbeit an dem Biopic inspirierte Dre nun zu einem Album, mit dem so ganz bestimmt keiner gerechnet hat. Am wenigsten wahrscheinlich er selber. Denn eigentlich warteten wir ja seit nun 15 Jahren auf Detox, das selbsternannte größte Album aller Zeiten, dass, wenn wir ehrlich sind eh niemand mehr ernst genommen hätte, nach all dem Humbug drum herum.

Stattdessen nun ein Album über und inspiriert von Compton. Ein Soundtrack also. Dabei dachte man ja, dass Kendrick Lamar (ebenfalls aus Compton stammend) mit Good Kid, Maad City bereits den perfekten Soundtrack über die berüchtigtste Hood im Hip Hop hingelegt hat. Und überhaupt: Nimmt man einem ein 50-Jährigen, der das Gang-Leben seit mehr als 20 Jahren hinter sich zu haben scheint, nun für den Big Apple (Wortspiel beabsichtigt) arbeitet und eine verdammte Kopfhörermarke für drei Milliarden Dollar verscherbelt hat, so ein Album ab?

Die Antwort: Fo Shizzle! Denn wir wissen all das. Dre macht keinen Hehl draus, er verstellt sich nicht und gibt sich nicht als am Boden gebliebener Gangbanger, der immer alles real keepen muss, aus. Er hat all das geschafft, weil er die Möglichkeiten und sein schieres Genius genutzt hat, um heute da zu stehen, wo er zurecht steht. Dass er jetzt und auch sonst manchmal zurücksinnt, ist nur logisch.

Außerdem geht es in dem Album auch nicht um irgendein lang zurückliegendes Street Life, das damals ganz bestimmt Dres Alltag war. Heute kämpfen sich andere durch die Straßen, dealen, morden, oder müssen sich mit dem Alltagsrassismus in den USA herumschlagen.

Dre ist der Korrespondent, der dem dortigen Leben zwar entschwand, jedoch immer noch genug Insiderperspektive hat. Und weil Dre schon immer der Beste darin war fürs Setting zu sorgen, nie jedoch der Stärkste mit Worten, übernimmt er auch nicht alleine das Reden. Ice Cube, The Game Xzibit, Snoop Dogg und Kendrick Lamar, die ebenfalls alle aus South Central Los Angeles stammen sind mit dabei. Eminem Dres größter Zögling und einige frische, unverbrauchte Stimmen, sie alle teilen Dres Vision Compton einen filmreifen Soundtrack zu liefern. Die bewegten Bilder dazu passieren so oder so täglich.

Eröffnet wird mit einem Flashback, eine alte Nachrichtenmeldung. Wie Compton wurde, was es heute ist. Heiß, gefährlich, gemein, mächtig, zuweilen sehr einsam, aber auch familiär, loyal und hoffnungsvoll, den Eindruck erhält man, wenn man ihnen zuhört. Ein Flashback beendet das Album auch. Und schließt wortwörtlich das letzte Kapitel, the last episode. In „Talking To My Diary“ wird Dre nochmal richtig persönlich, spricht mit seinem Tagebuch, macht seine Memoiren und beendet seine Rapkarriere. Es ist das angekündigte große Finale, ein letzter Gruß an Yella, Ren, Eazy und Cube, die mit ihm damals Compton entflohen waren, nun aber fehlen. Dazu der westküstigste Beat aller Zeiten. „It’s gonna be my grand finale“, hatte Dr. Dre in seiner Ankündigung versprochen. Dieser Song alleine ist es, sein ganzes Erbe. Das ganze Album ist eine Widmung (alle Einnahmen gehen in die Gemeinde Compton, dort soll ein neues Kunst- und Musikzentrum entstehen), der letzte Track die Unterschrift darunter und Dr. Dre immer noch der größte.


Tracklist: Dr. Dre - Compton: A Soundtrack
01 Intro
 drdre cover
02. Talk About It (feat. King Mez & Justus)

03. Genocide (feat. Kendrick Lamar, Marsha Ambrosius & Candice Pillay)

04. It’s All On Me (feat. Justus & BJ the Chicago Kid)

05. All In a Day’s Work (feat. Anderson Paak & Marsha Ambrosius)

06. Darkside/Gone (feat. King Mez, Marsha Ambrosius & Kendrick Lamar)

07. Loose Cannons (feat. Xzibit & COLD 187um)

08. Issues (feat. Ice Cube & Anderson Paak)

09. Deep Water (feat. Kendrick Lamar & Justus)

10. One Shot One Kill – Jon Connor (feat. Snoop Dogg)

11. Just Another Day – The Game (feat. Asia Bryant)

12. For the Love of Money (feat. Jill Scott & Jon Connor)

13. Satisfiction (feat. Snoop Dogg, Marsha Ambrosius & King Mez)

14. Animals (feat. Anderson Paak)

15. Medicine Man (feat. Eminem, Candice Pillay & Anderson Paak)

16. Talking to My Diary