Lieblingstonträger
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Montag, 18. Januar 2016, 00:00 Uhr

Chairlift - Moth

Der Lieblingstonträger der Woche

Chairlift beehren uns nach vielen Jahren endlich mit ihrem dritten Album. Wir haben reingehört und doch tatsächlich eine Erkenntnis dabei gezogen: Mensch, seid ihr groß geworden.

Und wie groß sogar: Über 100.000 Facebook-Nutzer folgen dem amerikanischen Synth-Pop Duo. Für die einstigen Indie-Kids überschreitet dies fast die Größe, ab der sie etwas nicht mehr gut finden. Schuld daran ist natürlich der Kapitalismus, quasi zumindest. 2008 war "Bruises" von Chairlift nämlich in einem Apple-Werbespot zu hören und kam so in die Ohren der Massen - so erzählt es die Legende. Doch eigentlich fing die Geschichte von Chairlift schon früher an, zumindest in München - im Atomic, nämlich. Ein Ort, an dem Musiker, Connoisseure und die, die es gerne sein wollten, stets zusammen kamen. Ein Ort, der wie kein anderer den Musikgeschmack der Stadt bildete. Dort lernte man Künstler kennen, lange bevor sie auch nur tausend Säue kannten, wie zum Beispiel Mumford & Sons, FM Belfast und Florence + The Machine - oder eben Chairlift, die mit "Bruises" einen Song veröffentlichten, der seit seinem Release Stammgast auf der Playlist war, bis zum Ende des Atomics. Irre viele Erinnerungen und Assoziationen sind damit also verbunden, die man nicht mal eben abstellen kann. So verbinden wir Chairlift mit einer musikalischen Ära, in der alles mehr akustisch als elektronisch, viel organischer und schlechter produziert war. Ein Klangbild, das auch Künstler wie Mystery Jets, Rubies und Cajun Dance Party geprägt hatten. So dürften gerade die Fans von erster Stunde Probleme haben, sich völlig der neuen Platte hinzugeben, die klingt nämlich ausgereifter, durchdacht und üppiger.

Gut, das ist auch irgendwie klar, dass Patrick Wimberly und Caroline Polachek nach zehn Jahren Zusammenarbeit nicht mehr wie eine College-Band klingen, somal es auch den ein oder anderen Seitensprung gab, der bei der Entwicklung geholfen haben dürfte, wie Kollaborationen mit Beyoncé und Das Racist oder die kurze Solo-Karriere von Caroline Polachek als Ramona Lisa.
Jene Entwicklung konnte man bereits beim ersten Vorboten von Moth hören, dem sehr R'n'B-lastigem "Ch-Ching".



Die Motte wurde von Chairlift übrigens ganz bewusst als Symbol gewählt. Wie sie im Interview mit Pitchfork erklären, stünde das Tier für sie sowohl für Verletzlichkeit, als auch Unaufhaltsamkeit.

For us, that was sort of the attitude for the music: something really beautiful, vulnerable, honest.
Ein Konzept, das sich durch das komplette Album zieht. Doch gehen wir einmal chronologisch durch.
Moth beginnt wahnsinnig zaghaft mit "Look Up", das sich erst nach und nach aber nie so richtig zu gewohnter Synth-Pop-Stärke entwickelt - ganz so, als müssten sie sich nach all der Zeit noch mal zaghaft bei uns vorstellen. Die zweite Nummer, "Polymorphing", zieht mit ihrem funkigen Rhythmus dann schon etwas selbstbewusster auf die Tanzfläche - aber gerade so, dass man den Cocktail nicht verschüttet. Polymorphing - das bedeutet übrigens das Dreifache der vorgeschriebenen Dosis an Schmerzmitteln zu nehmen. Im Urban Dictionary steht dazu folgendes Beispiel:

Hey, Tommy C! What're you doing tonight?
I dunno. What's up?
Me and Funk are polymorphing, thanks to my grandma's doctor!

Wisst ihr Bescheid (müsst ihr aber nicht nachmachen).

Weiter geht die Platte mit der sehr starken, bereits veröffentlichten Single "Romeo". Besonders fest setzt sich dabei das "Mmh, aha" aus dem Refrain, was wie ein Katalysator für einen Ohrwurm wirkt - zum Leidwesen der Mitmenschen, da der Durchschnitts Duschensänger mit der Stimme nur halb so schön so hoch kommen kann, wie Caroline Polachek.



"Romeo" wird gefolgt von "Ch-Ching", dem ältesten Track von Moth. Chairlift hatten ihn nämlich schon beim Pitchfork Music Festival 2013 im Live-Repertoire, wo er noch gut eine Minute länger war. Im Oktober letzten Jahres wurde der Track dann offiziell als Ankündigung von einem neuen Album veröffentlicht und sorgte zunächst - eben wegen des R'n'B-igen Einschlags - für gerunzelte Stirne unter Chairlift Fans.
Das Balladen-artige "Crying in Public" ermöglicht nach "Ch-Ching" dafür eine ruhige Verschnaufpause.



"Ottawa to Osaka" öffnet mindestens genauso weite Sphären wie die Distanz der beiden Städte beträgt: 10573.39 Kilometer. Ein Flug dauert in etwa 17 Stunden und 15 Minuten und kostet (spontan gebucht) in etwa 8.000 kanadische Dollar. Die Reise könnt ihr euch allerdings auch sparen, der Song reicht für Eindrücke beider Städte nämlich gänzlich: Da hätten wir dunkle Synths und Elektro-Elemente, die an das gerade recht düstere Kanada erinnerin, und feine fernöstliche Klangelemente und Field-Recordings. Um nun eine Referenz zu einem bereits besprochenen Chairlift-Song zu ziehen: "Ch-Ching" - wieder Geld gespart.
Zu tief solltet ihr euch allerdings nicht im Track verziehen, sonst reißt euch der folgende, "Moth to the Flame", zu sehr aus dem Schema. Der hat nämlich gut Zug drauf - fast so sehr wie die japanische Schwebebahn, die an die 400,8 km/h hinbekommt. Mensch, das hört hier gar nicht mehr auf mit den Referenzen.



Bei dem Lauf können wir auch sofort auf die nächste Nummer eingehen: "Show U Off" - genau das, was Japan mit besagter japanischen Schwebebahn tun könnte. Ähnlich wie der vorige Track beeindruckt die mit starken Synths und starkem Gesang, könnte allerdings genauso gut in einer Highschool-Teenie-Dramödie Verwendung finden - solltet ihr nun denken, mit diesem Vergleich hätten wir die fantastische Welt der Züge verlassen: Ha. Ha. Denn mal abgesehen davon, dass der nächste Titel ("Unfinished Business") die perfekte Vorlage dazu liefert, jenen Gedanken zu nichte zu machen, erinnert der Rhythmus der Synth-Drums, der sich durch den kompletten Song zieht, viel zu sehr an das Tsch-tsch-tsch-tsch-tsch einer schnell fahrenden Lokomotive. Erst "No Such Thing As An Illusion" ist neben einem krönenden Abschluss auch noch subtil stark genug, uns gedanklich in einen nächtlichen Dschungel zu versetzen. Moment, wie war das noch mal mit dem Polymorphing? Das sollten wir in Zukunft wohl nicht mehr während dem Artikelschreiben ausprobieren.

Tatsächlich erinnert an Moth kaum mehr was an das Chairlift zu "Bruises"-Zeiten - aber wäre ja auch ein bisschen langweilig. Wenn wir die Musik von damals hören wollen, sollten wir die Musik von damals einfach hören und nicht ständig den Wunsch hegen, dass Musiker von heute den Klang von damals imitieren. Ihr versteht? Gut. Dann können wir uns darauf einigen, dass Chairlift mit Moth eine irre Entwicklung bewiesen haben und das gut so ist.

Tracklist: Chairlift - Moth

01. Look Upchairlift moth cover

02. Polymorphing

03. Romeo

04. Ch-Ching

05. Crying in Public

06. Ottawa to Osaka

07. Moth to the Flame

08. Show U Off

09. Unfinished Business

10. No Such Thing as Illusion


Moth von Chairlift erscheint am 22. Januar via Sony Music.