Lieblingstonträger
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Montag, 25. Januar 2016, 00:00 Uhr

Get Well Soon - Love

Der Lieblingstonträger der Woche

Nach Qual und Apokalypse widmet sich Get Well Soon mit seinem vierten Album nicht nur einem neuen Thema, sondern auch einem neuen Genre - dem Pop.

Für Romantik gibt es mindestens so viele Definitionen, wie es Ausdrucksformen für sie gibt. Während der eine beispielsweise versucht, das Ganze mit Worten zu beschreiben, hat der andere das Bild einer Berglandschaft vor Augen. Im Himmel vereinen sich alle möglichen Farben und irgendwo gen Horizont sieht man einen röhrenden Hirschen. Auf Get Well Soons viertem Album wird dieser Hirsch von zwei Bären gerade zerfleischt - was nicht minder eine Auffassung von Romantik darstellt. Konstantin Groppers Auffassung von Romantik. Eine düstere, gar zynische, aber allemal authentische Auffassung, wie man bereits auf der ersten Single-Auskopplung, "It's Love", hören und in Begleitung eines fantastisch verstörenden Videos sehen konnte. Es handelt von einem Mann, der ein Mädchen im Keller gefangen hält - das ist freilich nicht die erste Definition von Liebe, die einem in den Sinn kommt, aber es ist eine Definition. Denn auch wenn sich das Klischee von zwei verliebten Menschen, die sich verträumt in die Augen schauen, in unserem Hirn festgesetzt hat, gibt es auch noch die Schattenseite der Liebe - die einseitige Liebe. In diesem Fall verbittert das Herz, was die Menschen zu unfassbaren Gräueltaten bringen kann.

Als wäre der Videoplot nicht schon gruselig genug, besetzt auch noch Udo Kier die Hauptrolle, der Schauspieler mit den durchdringendsten Augen, die man im Filmgeschäft kennt, zum Beispiel aus dem Tatort, Iron Sky und Dogville. Und Konstantin Gropper selbst hat zum Schluss auch noch einen Cameo-Auftritt. Die Regie übernahm Philipp Käßbohrer, der für Get Well Soon unter anderem auch schon das Video zu "Roland, I Feel You" gedreht hat.



Konstantin Gropper, der Gründer von Get Well Soon und studierter Musik Philosoph, war 2008 einer der begehrtesten Newcomer des Jahres. Sein erstes Album Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon soll er ganz alleine innerhalb von drei Jahren in seinem Schlafzimmer aufgenommen haben. Im Laufe seiner musikalischen Karriere entwickelte sich Gropper fast zu einem Fließbandmusiker, so veröffentlichte er zum Beispiel innerhalb eines Jahres drei EPs: The Lufthansa Heist, Henry- The Infinite Desire of Heinrich Zeppelin Alfred von Nullmeyer und Greatest Hits kamen 2014 raus. Nur für die Alben lässt er sich stets genug Zeit: Auf das Debüt folgte zwei Jahre später Vexations, The Scarlet Beast O' Seven Heads wurde 2012 veröffentlicht und nun, am 29. Januar, kommt endlich sein viertes Album raus, Love.

Wie man bereits an der ersten Single hören kann, entfernt sich Gropper damit von seinem experimentellen Klang und begibt sich in perfekt produzierte Pop-Gefilde. Das ist nun aber keine 180 Grad Drehung und keinesfalls billig schnulzig, gerade auf letzteres kann Get Well Soon sehr gut verzichten. Er vermeidet es, in die rosarotgefärbte Klischee-Falle zu treten und erzählt eher von einer Person, die keinen wirklichen Zugang zur Liebe hat.

It's Love, Love - and I can't get rid of it.
[...]
It's Love, Love - and I can't make sense of it.

Auch der epochale Klang Get Well Soons kommt kein bisschen zu kurz - auf eine üppige Instrumentalbegleitung wurde auch auf der neuen Platte Wert gelegt, allerdings klingt sie auf Love strukturierter und fülliger. Feine Aufbauten ziehen sich wie ein roter Faden durch die komplette Platte: "It's a Tender Maze" beispielsweise klingt zaghaft an, das Orchester muss sich erst einmal einstimmen. Konstantin Groppers zarter Gesang setzt ein, ab 2:18 erst gewinnt der Song mit einem Mal an Substanz, bis er dann um 3:24 langsam abklingt und mit ein bisschen Piano endet. Während "It's a Tender Maze" ein wenig an Radiohead erinnert, erinnert "It's a Catalogue" an das frühere Metronomy - Konstantin Gropper versucht sich hier an ähnlich hohen Tönen wie Joe Mount. "Eulogy" ist eine treibende Nummer, die neben Geigen hauptsächlich von Gitarre dominiert wird. Der Song preist ein Mädchen an, wie der Titelname bereits teilweise spoilert und ist somit dann noch zumindest ein bisschen schnulzig. Wenn die Melodie verstummt und nur noch die Gitarre spielt, meint man hier "Kiss Me" von Sixpence None The Richer angedeutet zu bekommen. Mit "It's an Airlift" werden wieder ruhigere Töne angeschlagen. Die Instrumentbesetzung ist hier zunächst auf Tamburin, Klavier und ein schüchternes Schlagzeug, das den Herzschlag imitiert, minimiert. Im Laufe des Tracks kommen noch Querflöte, Harfe und E-Gitarre zum Einsatz, der Song bleibt allerdings bis zum Schluss eher ruhig und balladenartig. "Marienbad" zeugt zur Abwechslung wieder von Euphorie - zumindest klanglich, denn obwohl man wegen der repetitiven Songzeile "All we have is, all we have is, all we have is love" denken könnten, es handelte sich hier um einen Liebessong, ist - ähnlich wie bei "It's Love" - nicht alles so, wie es erst mal scheint. Konstantin Gropper fügt nämlich noch hinzu: "All I love will, all I love will, all I love will drown". Oh. Mit dieser Erkenntnis werden wir erst mal stehen gelassen, die Melodie klingt nach dem zweiten Refrain ab und dümpelt vor sich hin - bis sie um 3:28 noch mal explodiert und ein Refrain hinterher gehauen wird. Es folgt mit "33" wieder ein einfühlsamer, sentimentaler Track, der von einer Akustikgitarre geleitet. Plötzlich fühlt man sich verdammt einsam und wird panisch, alleine verrecken zu müssen. Zum Glück klingt der folgende Song, "Young Count Falls For Nurse", wieder fröhlicher - eine starke Nummer, mit schwerem Beat und Trompeten. Könnten das eventuell Modest Mous'sche Einflüsse sein? Wie dem auch sei, gewöhnt euch nicht an den treibenden Klang, denn - oh Überraschung - er wird gefolgt vom (zunächst) ruhigeren Titel "I'm Painting Money". Auch der Track baut sich im Laufe seines Daseins auf, beruhigt sich bis zum Schluss nicht und sorgt so im Übergang zu "It's a Mess" für einen echten Überraschungseffekt - der schließt sich an den fülligen Klang vom Vorgänger nämlich an und bricht somit mit der Variation von ruhig und treibend. "It's a Fog" bildet den krönenden Abschluss und bringt das Aufbauprinzip zu einem runden Ende, da der Klang zunächst recht ruhig ist, ab 4:29 jedoch stetig anschwellt: Erst löst sich ein treibender Beat, nach und nach kommen nach einer kurzen Ruhephase wieder immer mehr Instrumente dazu, bis der Klang schließlich mit einem Mal explodiert und sofort wieder in sich zusammenfällt.

Wenn Konstantin Gropper mal nicht an eigener Musik arbeitet, bastelt er übrigens gerne Soundtracks für Filme und Serien, wie etwa zur französischen Produktion Xanadu. Einzelne Titel steuerte er auch zu Oh Boy und Wim Wenders Busy Hope und Good Friday bei. Für sein neuestes Projekt, den Soundtrack zu Schulz & Böhmermann, hat er sich mit der australischen Wahlberlinerin Kat Frankie zusammen getan und eine vier-trackige EP veröffentlicht.
In den Titeltrack der Serie, "When You're Near to Me", könnt ihr beim Streaming-Dienst eures Vertrauens reinhören oder euch im Trailer eine kleine Hörprobe genehmigen.



Mit seiner Band und der neuen Platte im Gepäck geht Get Well Soon dieses Jahr auch noch auf Tour. So kommt er am 8. März nach Stuttgart und am 11. nach München. Alle Termine findet ihr HIER.

Tracklist: Get Well Soon - Love

01. It's A Tender Mazegetwellsoon love cover

02. It's A Catalogue

03. Eulogy

04. It's An Airlift

05. It's Love

06. Marienbad

07. 33

08. Young Count Falls For Nurse

09. I'm Painting Money

10. It's A Mess

11. It's A Fog


Love von Get Well Soon wird am 29. Januar 2016 via Caroline International veröffentlicht.