Lieblingstonträger
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Montag, 28. März 2016, 06:00 Uhr

Charles Bradley - Changes

Der Lieblingstonträger der Woche

Endlich erscheint Changes, das dritte Album des Ausnahmesoulmusikers Charles Bradley. Auch in diesem Album lässt er seinen Gefühlen freien Lauf und zieht uns mit seiner Stimme völlig in den Bann. Ein Album, das an die Substanz geht.


Charles Bradley, ein Phänomen. Genau so sollte man den 68-jährigen New Yorker nicht beschreiben. Bitte versteht uns nicht falsch, wir finden in phantastisch, aber Charles Bradley als Phänomen zu bezeichnen ist uns zu platt, zu kurzlebig. So wie beispielsweise Internetphänomene -  sie kommen scheinbar über Nacht, aber gehen auch ebenso schnell und hinterlassen uns nichts, woran wir uns erinnern können oder sollten.

Ganz anders bei Charles Bradley: Sein Debüt beim Label Daptone Records machte er 2011 mit No Time for Dreaming, zwei Jahre später folgt die LP, Victim of Love. Das sind zwei Alben, an die man sich definitiv erinnern kann und auch will. Nicht umsonst brachten ihm diese Platten den Namen „The Screaming Eagle of Soul“ ein.



Da wären wir auch schon beim Thema, seine Stimme. Unverkennbar wäre hier wohl als Beschreibung angebracht, ebenso wie die Vergleiche mit seinem Idol James Brown. Zwar ist Bradleys Stimme nicht ganz so sanft, aber von einer bemerkenswerten Eindringlichkeit und Kraft. Wenn er anfängt zu singen, scheint es so, als würde er seine gesamte Energie allein für dieses eine Lied aufbringen. Auch wenn wir unser letztes Hemd nicht darauf verwetten wollen, sind wir sicher, dass so mancher Konzertbesucher deswegen die ein oder andere Träne verdrücken musste.

Was ist also mit Charles Bradley und seiner Stimme?
(Der wir übrigens, selbst wenn wir Talent hätten, nicht mit einer Flasche Whiskey und zehn Packungen am Tag hinterher kommen würden)

Es gibt Menschen, die sind einfach talentiert und zu denen gehört Charles Bradley eindeutig, keine Frage. Was aber auch klar wird, ist, dass er viel erlebt hat und zwar mehr als seinen gerechten Anteil. Wäre seine Stimme ein Mensch, würden wir vermutlich sagen, dass er eine alte Seele hat.

I've never know true love, honesty and a pure heart. They always want something from me, but never my soul.
Aufgewachsen ist Charles Bradley in Brooklyn oder in der „Hood“ wie er sagt. Mit 14 Jahren hat er zum ersten Mal James Brown im Apollo Theater singen hören. Hätten wir ihm zu dem Zeitpunkt freundlich darauf hingewiesen, dass er - ein halbes Jahrzehnt später - selbst auf dieser Bühne stehen würde, hätte er uns vermutlich weniger freundlich gesagt, wir sollen zurück in die Klapse gehen, bevor jemand bemerkt, dass wir weg sind. Denn als er vierzehn war, schien ihm die Musikerkarriere noch komplett unmöglich.

Im selben Jahr beschloss er dann von zu Hause abzuhauen.

I was just tired of getting wippin‘, so I said if I’m not wanted I go, and I left.
Daraufhin verbrachte er lange Zeit auf der Straße, schlief in U-Bahnen, verlassenen Häusern und Straßenecken. Allein seine Angst vor Nadeln bewahrte ihn davor sich Drogen zu spritzen.
Das Bildungsprogramm Job Corps las ihn schließlich von der Straße auf und verhalf ihm zu einem Job als Koch. Nebenbei fing er an in der Band des Job Corps zu singen. Überwältigt von der Reaktion des Publikums bestätigte sich das, was er im Grunde seit seinem James Brown Konzert wusste: Er wollte Musiker werden.

Doch zwischen ihn und sein Ziel stellten sich weitere Schicksalsschläge: Zwei Monate Gefängnisaufenthalt wegen einer Schlägerei sowie eine lange Krankheitsphase, während der er den Wunsch zu leben fast aufgeben hatte. Den Schalter legte schließlich sein Bruder für ihn um:

If you don’t want to live for yourself, live for me

Mit 51 Jahren begann er schließlich als „Black Velvet“  in einer James-Brown-Tribute-Show in Brooklyn aufzutreten. Dort wurde er dann von dem Plattenlabels Daptone Records entdeckt. 

Heute sehen einen Musiker, der so viel mehr ist als ein Phänomen. Mit seiner Musik verarbeitet er seine Erfahrungen und das macht seine Musik so nah und greifbar und, das müssen wir zugeben, geht wirklich an die Substanz.



Charles Bradleys neues Album Changes zeigt wieder: Musik ist seine Therapie.
Seine Platte hört sich ein wenig wie ein Tagebuch, dass einzelne Ereignisse in seinem Leben aufgreift. Zum Beispiel das Black Sabbath Cover "Changes", das Herzstück des Albums, in dem er darüber singt, welche Veränderungen der Tod seiner Mutter mit sich gebracht hat.

Schaut euch auf jeden Fall das Video an. Nur so viel: Es ist sehr außergewöhnlich, wurde in nur einem einzigen Take gefilmt und nicht, wie zuvor vorgesehen am New York Time Square.



Bevor ihr aber meint, dass euch dieses Album völlig deprimiert, tzz, nichts da. Charles Bradleys Musik ist definitiv intensiv, aber sie zeugt nicht von einem geschlagenen Menschen, sondern von einem, der entgegen aller Erwartungen jetzt auf der Bühne steht und eine wahnsinnige Energie ausstahlt.
Dieses Album ist genau das, was wir von ihm erwartet haben, und genau deswegen haut es um.


Tracklist: Charles Bradley – Changes


01.    God Bless America Charles Bradley fb
02.    Good To Be Back Home
03.    Nobody But You
04.    Ain’t Gonna Give it Up
05.    Changes
06.    Ain’t It a Sin
07.    Things We Do For Love
08.    Crazy For Your Love
09.    You Think I Don’t Know (But I Know)
10.    Changes For The World
11.    Slow Love



Changes
von Charles Bradley erscheint am 1. April via Daptone Records.


 Bildquelle: Charles Bradley I Facebook