Musikmeldungen
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Montag, 05. Januar 2015, 00:00 Uhr

Artists To Watch 2015

Künstler, die ihr auf dem Radar haben müsst

Wenn alle Jahresbilanzen gemacht sind, die besten Videos, Alben und Songs aufgelistet wurden und jeder seinen eigenen Senf dazu gegeben hat, dann spätestens ist es Zeit, nach vorne zu blicken.

Auf das neue Jahr, neue Musik. Von unseren eh-schon-Lieblingen und spannenden, gehypten neuen Künstlern, die uns in den letzten Monaten mal einen mehrwöchigen Ohrwurm verpasst oder ein krasses Video gedreht haben oder als Vorband auf einem Konzert besser waren als der Hauptact.

Auch wir haben uns Gedanken darum gemacht, von welchen Künstlern wir 2015 mehr als nur einen einmaligen Zufalls-Ausrutscher auf Platz Eins bei HypeMachine erwarten oder wer mehr wird als ein YouTube-Phänomen, aber nur weil der Song so unglaublich dumm ist. Sondern wer eventuell das Album des Jahres abliefert. Oder überraschend der beste Act beim Lieblingsfestival wird, obwohl man gar nicht unbedingt geplant hatte hinzugehen. 

Wir wollen euch nicht den nächsten Cro voraussagen. Keinen Künstler, der es in kürzester Zeit von 0 auf 100 oder eher auf die #1 schafft. Wir stellen euch Künstler vor, die für uns als egoFamilie wichtig sind und nicht sofort auch in Werbungen, Charts und im schlimmsten Fall auf anderen Radiosendern totgespielt werden. Zumindest nicht gleich. Siehe Klingande. Oder Wankelmut. Oder Lorde. Oder...

Unsere 10 Artists to Watch 2015
//Bilderbuch

Das ist eigentlich ein offenes Geheimnis. 2015 wird das Bilderbuchjahr. Ihre ersten beiden Alben fielen bisher weitestgehend österreichischen Musikszenekennern auf. Seit "Plansch" und "Maschin" sind sie spätestens aber auch hier bestens bekannt. Bisher zwar eher als Vorband (zum Beispiel von den Beatsteaks) oder in kleineren Clubtouren, wir sind uns aber auch sicher, dass sie Hallen, Arenen und Stadien füllen könnten, wie die anderen deutschsprachigen Künstler, die es schon lange – und verdient – über den egoFM-Horizont hinaus geschafft haben, weil sie es gewagt haben, anders klingen zu wollen: Casper, Kraftklub, Marteria. 

Ihre abgefahrene Musik, die Mischung aus Rock, Elektronik und Sprechgesang mit österreichischem Dialekt erinnert nicht nur stilistisch an Falco. Auch karrieretechnisch könnten sie der wichtigste Musikexport aus dem Nachbarland seit Falco sein. Sie tun dem deutschen Musikmarkt mehr als gut, das wissen mittlerweile auch die Majorlabels. 



//Shura

Mit gerademal drei veröffentlichten Tracks hat Shura dieses Jahr schon ziemlich viel Aufsehen erregt. Nicht nur die Hype-Blogs dieser Welt feiern ihren 90s Stil, den sie unverfroren an den Tag legt, auch Polydor Records haben da schon was ganz großes erahnt und sie mal eben unter Vertrag genommen. Ihr Debütalbum wird dann über das Label im nächsten Jahr erscheinen. Zehn bis zwölf "awesome" Tracks dürfen wir erwarten, wie sie in einem Interview gegenüber Stereogum erzählt. Schreiben will sie aber sicherheitshalber schon mal für zwei Alben, damit es später leichter fällt, eine bombastische Auswahl fürs Album zu haben. Sie fände es gut, Tracks unter dem Kriterium nicht auf die Platte zu packen, weil andere schlichtweg besser sind.

Als Tochter eines Engländers und einer Russin findet sie es ein bisschen blöd, immer nur auf den russischen Part ihrer Existenz aufgehangen zu werden:

I think people try and often exoticize you, especially if you’re a woman. It’s like you can’t just go out and be 23 and make a record, you have to be this interesting creature from a far-away land.
Inspiration und Können hat sie von ihrem Vater bekommen, der ihr nicht nur seine ganzen Platten vermacht hat, sondern mit 13 auch die Basics im Gitarrespielen beibrachte. Den Rest hat sie sich selber gelehrt, richtiger Unterricht war nichts für sie. So hat sie nun auch keine Ahnung vom Notenlesen, spielt einfach und hofft auf das Beste.

Auf diese Weise kommt ihr irgendwie bekannter, aber auch individueller Klang zustande.



//BØRNS

Wo wir gerade von Hippies sprechen. Garrett Borns, Bühnenname BØRNS, hört privat am liebsten Beach Boys, die Zombies und lebt momentan in einem Baumhaus mit Außenküche in sunny California. Inspiriert vom California-joie-de-vivre und von vielen alten Platten, die ihm quasi in die Kinderstube gelegt wurden, schreibt BØRNS dort oben in den Wipfeln LAs seine Songs.

Mit diesem Hintergrundwissen erklärt sich auch der Klang seiner Musik. Aufwachen, die Strickleiter runterkraxeln, zum Frühstück einen Frischkäsebagel. Dann zum Strand. Warum sollte man selber surfen, wenn man Surfer beobachten und dabei in der Sonne meditieren kann? Wer könnte in so einem Umfeld todtraurige Songs schreiben? Und so klingen BØRNS‘ Lieder nach klebrig-süßem Pop (passend, dass die Debüt-EP Candy heißt), jedoch nicht dieser innerlich tote Hollywoodpop. Da ist viel vom ursprünglichen 60er-Jahre Kalifornien drin, viel Liebe, Soul, Funk und jede Menge Sand im Schuh.



//AnnenMayKantereit

AnnenMayKantereit - was wie ein verrücktes Wort aus einer verrückten Sprache klingt, ist eigentlich recht simpel. AnnenMayKantereit besteht nämlich aus Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit. Logisch. Unterstützt werden sie aber öfter vom Kontrabassisten Lars Lötgering, der, wie wir finden, definitiv fester Bestandteil werden sollte! Doch vielleicht wäre AnnenMayKantereitLötgering einfach zu lang. Hm, nnnMyKntrtLtgrng ginge. Soll ja schick sein, einfach die Vokale wegzulassen.

Wie dem auch sei. Die bis dato genannten AnnenMayKantereit kommen aus Köln und werden in den sozialen Netzwerken dieser Welt schon rumgeschoben wie der nächste große Scheiß von morgen. Wir empfehlen, die Band erstmal ohne Bild vor Augen zu hören und dann zu schätzen, wie alt Sänger Henning ist. Seine Stimme klingt nämlich ganz arg nach viel, viel Whiskey und noch mehr Zigaretten. Schätzen würde man ihn dann so auf 50. Falschfalschfalsch. Gerademal Anfang 20 sind die Burschen.

Zu ihrem ganz einzigartigen Klang trägt aber nicht nur die ganz einzigartige Stimme bei. Es sind gerade Kontrabass und Klavier, die Wärme in die Songs schaffen und die Texte - die unsagbar persönlichen und ehrlichen Texte. Und natürlich der Spaß, den AnnenMayKantereit beim Spielen haben - den hört man. So wird auch viel mit unterschiedlichen Instrumenten variiert und experimentiert. Wenn Henning May beispielsweise mal nicht am Klavier hockt, flötet er in die Melodica.

Ihr Debütalbum wurde 2013 in Eigenregie und tutti live aufgenommen und ist kompletti ausverkauft. Zum Verzweifeln, für die neugewonnene und stetig anwachsende Fangemeinde. Die Wird schon irgendwie gehen EP ist allerdings gerade in Mache. Dafür haben sie ein Crowdfunding ins Leben gerufen - und 342 % erreicht.
Viele ihrer bevorstehenden Konzerte sind bereits ausverkauft, dass die Band extra noch Zusatzshows hinterhergehauen hat. Der Auftritt auf dem nächsten MS Dockville Festival steht auch schon fest, Konzerte mit Kraftklub, Clueso, den Beatsteaks und bei Circus Halligalli haben sie schon hinter sich. Kaum zu glauben, für die ehemaligen Straßenmusikanten.



//Jack Garratt

Wegen des Zusammenspiels von zarter Engelsstimme (manch einer mag sie als Fistelstimme bezeichnen) und harter Elektronik bezeichnet man Jack Garratt schon als den neuen James Blake. Jack Garratt kann aber mehr als Fistel. Bei "Water" zum Beispiel erinnert er mit einer viel konsistenteren Stimme eher an Chet Faker. Wir würden in diesem Sinne gerne ein neues Genre in den Raum werfen: die Bassade. Checkt ihr, checkt ihr? Bassade = Mächtig Bass + Ballade. Hach, doch statt uns für diesen Begriff jetzt selber auf die Schulter zu klopfen, tun wir das lieber bei Jack Garratt. Mit seinem Track "Worry" ist der 23-jährige Engländer dieses Jahr plötzlich aufgetaucht, hat sich mit seiner Trauer in unsere Herzen gesungen. Einige Zeit darauf folgte dann die Remnants EP, auf der ausschließlich Ballanger (ihr versteht: Ballade + Banger) drauf sind.

Es sind die Gefühle, die Jack Garratt bei seinen Songs ausdrückt und der Aufbau, der einen immer und immer wieder überrascht: viele Songs fangen seicht an, explodieren dann aber urplötzlich, andere überraschen dadurch, dass man jene Explosion erwartet, die dann aber nicht kommt. Das mag nun nicht so positiv klingen, aber hört euch einfach mal "Remnants" an und gebt euch hin. GEBT EUCH HIN, verdammt.



//Benjamin Clementine

Als wir euch letztes Jahr an gleicher Stelle empfohlen haben, einen jungen Herren namens Kwabs auf dem Schirm zu behalten, haben wir ziemlich hochgegriffen mit unserer Formulierung. Deswegen fällt es uns jetzt umso schwerer, nochmal die richtigen Worte zu finden. Benjamins Stimme ist wie keine, die wir je gehört haben, zumindest nicht in diesem Jahrtausend. Da steckt in ein paar Oktaven so viel Wärme, Schmerz, Ehrlichkeit, Lebenserfahrung und Kraft drin, soviel von Gil Scott-Heron und Nina Simone, dass uns jedes Mal die Ohren glühen und die Herzen bluten. Das kommt auch nicht von ungefähr.

Benjamin (24) hatte eine schlimme Vergangenheit, die er mit der Flucht nach Paris hinter sich lassen konnte. Dort wurde er in den Katakomben der Metro entdeckt. Benjamin Clementine verarbeitet seine Geschichte in wundervollen Gedichten, setzt sich dann ans Piano und lässt sie raus. Mal schreit er, mal wimmert er, manchmal bricht die Stimme fast weg, er singt jedes Wort so, als ob er selbst nicht glauben kann, dass er den ganzen Scheiß wirklich durchmachen musste. 



//Raury

Der 18-jährige Singer, Songwriter, Produzent und Rapper Raury will Anführer einer neuen, großen Bewegung sein. Sein Debütmixtape Indigo Child soll eine Ode an unsere Generation sein. "Wir sind so vielen Dingen ausgesetzt, dass wir immer offener und toleranter werden", so versucht er selbst unsere Generation zu beschreiben. Und es stimmt ja auch. Wir können uns als Deutscher in China in eine Kanadierin verlieben. Oder beim Burning Man mit Argentiniern magische Pilze essen. Wir können auch zu Hause bleiben und hundert Jahre alte Bücher von Jack London oder Hermann Hesse lesen. Geben wir es zu: Wir sind moderne Hippies, die Welt steht uns offen.

Und Raury möchte sich also mit Hut und Gitarre an die Spitze dieser Bewegung setzen. Das zeugt nicht von Bescheidenheit. Das zeugt von Selbstbewusstsein, Reife, aber auch von Demut, wenn er von seinen Helden Kid Cudi und OutKast schwärmt oder von seinen Kindertagen in einem Vorort von Atlanta. In seiner noch sehr jungen Karriere als Rudelführer hat er bereits sehr viele prominente Unterstützer: SBTRKT, The Neighbourhood, Kid Cudi, André3000 und Jesus Kanye West haben ihm ihr unterstützendes Lob zugesprochen. Wir schließen uns an: Raury, geh weiter deinen eigenen Weg. Wir gehen mit.



//Leon Bridges

Plopp, da ist er: Leon Bridges. Eines dieser Wunderkinder aus Amerika, das schon mit Hut, Gitarre, einer wahnsinns Stimme und Soul im Herzen auf die Welt gekommen ist.

Leon Bridges hat gerade mal zwei Songs auf Soundcloud geladen, da wird er schon mit großen Namen wie Charles Bradley und Michael Kiwanuka verglichen. Wir erkennen da außerdem Ähnlichkeit mit Aloe Blacc, gerade bei "Coming Home". Wenn man sich seine private Facebook-Seite anschaut, könnte man wegen der Fotos meinen, Leon hätte sich in unsere Zeit verirrt. So baut sich der Verdacht auf, dass Leon möglicherweise ein Zeitreisender aus den 50ern ist. Sein Klang würde dort auf jeden Fall perfekt reinpassen.

Die Musik kommt aus seinem Herzen, das hört man.



//Occupanther

Der 24-jährige Münchner Martin Brugger konnte sich schon einen Namen mit seiner ehemaligen Band This Is The Arrival machen. Nun ist er aber solo unterwegs und vom Rock- auf den Elektrozug umgestiegen. Und damit kommt der Beat-Bastler richtig gut an: 2014 war er unter anderem schon auf dem Melt Festival unterwegs und durfte Künstler wie Chet Faker, SOHN und Banks bei ihren Gigs in Deutschland supporten.

Wenn er mal nicht mit diversen Klängen und Instrumenten rumexperimentiert, komponiert er Film- oder Werbemusik und studiert Jazzbass. Occupanther kann also quasi alles - was er nicht kann, erledigt sein Bruder, Johannes Brugger. Musikvideos zum Beispiel: sowohl "Down", als auch "Chimera" wurden von Bruderherz geschrieben und geleitet.

Seine EP Chimera ist seit dem 12. September draußen. Dort sind auch unsere Münchner Lokalhelden Claire mit von der Partie. Feststeht: Occupanther ist gerade so ziemlich das beste, das Bayern in Sachen Elektro zu bieten hat.



//DMA's

Noch bevor sie ihren ersten Gig spielten und überhaupt Songs auf Soundcloud geladen haben, hat das Melbourner Label I OH YOU das australische Trio schon unter Vertrag genommen. Die Erwartungen waren groß, schließlich haben alle Mitglieder schon vorher in anderen Bands gespielt. Deswegen kann man auch Einflüsse der Punk-Folk Band Little Bastard, in der Johnny Took vorher war, ein bisschen raushören. Einige ihrer Songs wurden auch schon der Gründung der DMA's geschrieben. "Delete" beispielsweise stammt vom damals 19-jährigen Matt Mason.

So hat ihre fünf-trackige Debüt-EP auch eine wunderbare Variation an Genres. "Feels Like 37" zum Beispiel klingt nach einwandfreiem Punk-Pop, "Your Low" nach Highschool-Rock und "Delete" ist eine schöne Singer/Songwriter Hymne.

Gemeinsam Musik machen sie theoretisch schon seit ein paar Jahren: Johnny und Tommy spielen schon seit fünf Jahren zusammen, Mason und Johnny seit ungefähr vier und alle zusammen seit zwei Jahren. Ursprünglich hießen DMA's übrigens Dirty Ma's. Weil die Leute das aber irgendwie nicht gecheckt haben und im Radio ihr Bandname immer wie Dirty Mars klang, haben sie den Vorschlag ihres Managers, sich in DMA's umzubennen, angenommen, wie sie im Inteview mit Oyster erzählen.



Bildquelle: Flickr, "Ye Olde Band" by bigglesmith | cc by 2.0