Musikmeldungen
piano_flickr_drjclarke
Mittwoch, 23. Dezember 2015, 15:00 Uhr

Pianisten, die besser sind als Yann Tiersen

"Ameliiiiiiiiiiie-Track" my ass

Warum hypt jeder Yann Tiersen als den besten Pianisten der Welt? Schauen sich die Leute denn nicht weiter um? Na gut. Dann machen wir das eben und präsentieren ein paar Pianisten, die dem vermeintlichen Klavier-Gott durchaus das Wasser reichen können.

Chilly Gonzales
Wir wollten es ja auch kaum glauben. Für uns ist Gonzo der absolute Maestro, was Klaviermusik angeht. Tatsächlich aber ist Yann Tiersen mit 900.303 Facebook-Likes viel populärer als Chilly (84.333 Likes). Ein Fehler, verdammt!



Wir lieben ihn, weil er das Klischee eines piekfeinen Pianisten so herrlich herzhaft ironisiert. Weil er mit Pantoffeln, in Bademantel und hin und wieder sogar im Tennis-Outfit auf die Bühne tritt. Weil er einer der Pianisten ist, die nicht stur nach Noten, sondern Gefühl spielen. Weil er sein Instrument kennt und weiß, dass man ein Klavier auf noch so viele andere Weisen spielen kann, als nur auf den Tasten zu klimpern.

Hinter dem Künstlernamen versteckt sich Jason Charles Beck, ein begnadeter Jazz-Pianist aus dem idyllischen Kanada. Chilly Gonzales wird den meisten durch den Titel "Never Stop" ein Name sein, der zwar nur aus drei Tönen besteht (Fis-A-H), es damit jedoch immerhin schaffte, zum Soundtrack des ersten iPads zu werden. Was viele nicht wissen: eigentlich rappt Gonzales auf den Track, das fanden die Leute vom Apfelregime aber dann zu viel und entschieden sich für das reine Instrumental.



2004 brachte Chilly sein erstes rein instrumentales Album Solo Piano raus. Irgendwo zwischen Klassik, Jazz und einer Prise Elektro angesiedelt, begeisterte es viele Musikkritiker. Eigentlich wandte sich der junge Jason nach seinem abgebrochen Studium (Jazz-Piano) der Popmusik zu, arbeitete mit Künstlern wie Feist, Daft Punk, Peaches, Helge Schneider und Mocky, fand aber nach seinem Rap-Ausflug auf Umwegen wieder zurück zu einem mehr klassischen Stil. 2009 stellte er dann den Weltrekord für das längste Konzert auf: 27 Stunden lang hat er gespielt und entertaint!



Solo Piano II sollte an den Erfolg des ersten Teils anknüpfen. Das dazugehörige Konzert in München gibt's sogar als Free-Download:



2014 hat er sich dann mit Boys Noize zu Octave Minds zusammengetan und ein ganzes Album veröffentlicht. Und er hat die Re-Introduction Etudes veröffentlicht - ein Klavier-Lehrbuch, das Piano-Interessierten, die schon mal ein paar musikalische Basics gelernt haben, helfen soll, wieder reinzukommen. Sein letztes Werk heißt Chambers und ist dieses Jahr veröffentlicht worden.

Nils Frahm
Schon sehr früh hat der Hamburger Wahlberliner das Klavierspielen gelernt - von Nahum Brodski, der wiederum Schüler von Grigori Romanowitsch Ginsburg und Alexander Borissowitsch Goldenweiser war. So ist auch sein Stil sehr klassisch geprägt. Von seinen Alben sticht aber besonders Felt heraus, da es, im Vergleich zu anderen seiner Werke wärmer und dicker klingt und mehr elektronische Elemente hat.

Sein Video zu "Hamemrs" wurde im Berliner Admiralspalast aufgenommen und fängt den 3,5 Stunden langen Aufbau ein.



Dustin O'Halloran
Der Amerikaner ist in Arizona geboren, verbrachte seine Kindheit allerdings auf Hawaii und in L.A. Mittlerweile lebt er in Berlin, zwischenzeitig hat es ihn allerdings nach Italien verschlagen. 2004 nahm er dort sein erstes Solo-Album Piano Solos auf. Im Laufe seiner musikalischen Karriere näherte sich Dustin O'Halloran immer mehr der Filmmusik und komponierte für diverse Streifen ganze Soundtracks. So wurden auch schon Sofia Copolla und Drake Doremus auf ihn aufmerksam. Für Coppola komponierte er den Soundtrack für Marie Antoinette, für Doremus den für Like Crazy. Letzterer wurde mit dem Großen Preis der Sundance Film Festival Jury 2011 ausgezeichnet.

Sein Stil ruft derart viele Emotionen hervor, dass es fast weh tut. Gerade durch die Kombination von Klavier und Streichern lässt Klöße im Hals nur so sprießen. Es ist eine Art süße Melancholie, die Dustin O'Halloran mit seinen Klängen erschafft. Als würde er die Trauer, die tief in uns steckt nach außen hin übersetzen. Damit wir sie verstehen und mit ihr umgehen können. Kläglich geborgen - so fühlt man sich, wenn man Dustin O'Halloran zuhört.


Martin Kohlstedt
Martin Kohlstedt ist ein Pianist aus Weimar und hat bisher zwei Alben veröffentlicht: Tag und Nacht. Sein zweites Album sei für ihn die logische Konsequenz des ersten. So sind auch die Tracks dementsprechend gegensätzlich. Die Titel setzen sich stets aus drei Buchstaben zusammen. Eine tiefe Bedeutung dahinter zu suchen ist zwecklos: Martin hat seine Songs extra so benannt, damit man eben nicht zu viel interpretieren kann. Man soll sich einfach unvoreingenommen die Stücke anhören, sich ihnen hingeben, in sie hineingesogen werden.

Ein paar seiner Stücke sind durch Experimentieren oder gedankenfreies klimpern entstanden. So habe er einmal, als Siebenjähriger, ewig lang nur die Note A gespielt. Dabei herausgekommen "ANT". Selbst sagt er, seine Tracks würden nie vollendet sein. So unterscheiden sich deutlich Album- von Konzertversionen. Oft entscheidet er auch spontan während dem Spielen, Elemente neu hinzuzufügen oder wegzunehmen. Dabei spielt er sich oft in Rage, haut auf einmal in die Tasten, wird dann urplötzlich wieder ganz sanft. Wenn er mit seinen Stücken fertig ist, harrt er oft noch sekundenlang am Klavier. Wartet, was ihm sein Gefühl sagt, manchmal fängt er dann wieder an, fügt noch ein paar Noten hinterher. Bis er dann die Hände von der Tastatur nimmt und in sein Publikum schaut. Dann wirkt es so, als würde er aufwachen, als ob er gerade tief in einem Traum gesteckt hätte.



Ryuichi Sakamoto
Zu Schulzeiten hat sich der Japaner noch eher in Jazz-Gefilden bewegt, in den 70er Jahren schwenkte er dann gemeinsam mit Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi in eine elektronische Richtung und gründete die Band Yellow Magic Orchestra, die man mit Kraftwerk aus Deutschland vergleichen könnte. Von 1979 bis 2011 veröffentlichte die Gruppe zwölf Alben.



Dawährend war Ryuichi Sakamoto allerdings auch schon ganz gut solo unterwegs: Im selben Zeitraum veröffentlichte er 22 Alben alleine. Seine letzte Platte Three, die 23., kam vor drei Jahren raus. Auf dem Werk befindet sich auch der Track "Bibo no aozora", den ihr eigentlich bestens kennen solltet - immerhin wurde die Melodie nicht nur in Jay Electronicas "Better in Tune With the Infinite" gesampelt, sondern auch in Ibeyis "Exhibit Diaz".



Doch als würden zwei Bandprojekte nebenher nicht reichen, hat Ryuichi Sakamoto außerdem noch an wahnsinnig vielen Film-Soundtracks gearbeitet, ein paar namhafte und relevante Meisterwerke sind beispielsweise "The Revenant", "Femme Fatale", "Silk", "Wilde Side" und "Miez und Mops - zwei tierische Freunde". Zusammen mit David Byrne (Talking Heads) entwarf er den Soundtrack für "Der letzte Kaiser". Für "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence" machte er nicht nur die Musik, sondern spielte neben David Bowie sogar noch eine Hauptrolle. Abgefahren, dieser Tausendsassa.


Ólafur Arnalds
Dass Island ein Land fantastischer Musik ist, wissen wir bereits durch Sigur Rós und Björk. Ólafur Arnalds verstärkt diese Idee. Sein Stil bewegt sich zwischen Klassik und Pop, wirkt aber nie zu überladen, immer eher schwerelos. Seine Stücke sind selten nacktes Piano, oft werden sie mit Streichern, Schlagezug oder elektronischen Elementen begleitet. Fun Fact: seine musikalische Karriere begann, indem er Schlagzeug für eine Hardcore Band spielte.



Bildquelle: Flickr, "piano" von Dr J Clarke | cc by-sa 2.0