Musikmeldungen
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Montag, 28. September 2015, 00:00 Uhr

Weltbekannt in Österreich

Künstler, die ihr kennen solltet

Diese Woche erscheint die neue Platte von Wanda - und auch wenn wir uns da drüber wie Bolle freuen, wissen wir: Österreich hat noch mehr Künstler zu bieten, die ihr unbedingt kennen solltet.

Ob Bilderbuch, Wanda oder von uns aus auch Moneyboy, die österreichische Musikszene scheint sich rein über eine Mischung aus Macho-Gehabe, einer ordentlichen Portion Selbstironie und Falco-Einfluss zu definieren. Das Phänomen ist bei weitem nichts neues, auch wenn es gerade mit Künstlern wie Moneyboy uraktuell erscheint. Viel mehr ist es etwas, das alle paar Jahre verstärkt wieder auftritt - gehen wir dazu nur zurück in das Jahr 2009, wo Skero gerade mit seiner "Kabinenparty" und The Discoparty Brothers mit "Disco Disco Party Party" aus den Lautsprechern Heranwachsender dröhnt, deren Eltern gerade die ersten Male sturmfreie Buden überlassen und ihre Zöglinge so den Gefallen an etwas zu viel Bier entdecken.
Doch irrerweise hat dieses hohe Maß an Selbstironie nie der Kredibilität des Austropops geschadet - auf das künstlerische Niveau wird trotz aller Selbstverarsche immer noch ein wahnsinnig hoher Wert gelegt. Freilich, Moneyboy ist da noch irgendwie eine Ausnahme. Aber nehmen wir doch mal sowas wie Ernst Palicek. Text, Video und Auftreten des Musikers sind lächerlich, Klang und Produktion aber ziemlich gut.



Uns stellt sich die Frage: Ist es den Österreichern eigentlich bewusst, dass sie gerade eigentlich nur für Satire bekannt sind? Vielleicht ist es allerdings auch ein cleveres Manöver, um nachher - falls die musikalische Karriere dann doch nicht funktioniert hat - einfach sagen zu können: "Ge bitte, das war ja sowieso nicht ernst gemeint." In Zeiten, in denen neue Bands in Österreich selten von ihren Plattenverkäufen leben konnten, in Deutschland aufgrund ihres Dialektes selten Freunde gefunden haben und die Österreichtour bereits nach sechs Tagen zu Ende war, hat sich dort außerdem wohl eine "S'is eh wuascht"-Mentalität entwickelt. Eine Haltung, die augenscheinlich ein sehr wohl fruchtbarer Boden für eine wildwachsende Musikkultur ist. Gebildet hat sich eine Art Neue Wiener Schule - nicht wirklich ein Gegenkonzept, viel mehr eine Weiterführung der Hamburger Schule, die in den letzten Jahren leider ein bisschen heruntergekommen ist. Und das feiern wir, enormst sogar (nehmen wir nur mal die Beispiele Wanda und Bilderbuch). Obwohl wir doch sonst so erpicht darauf sind, unseren Nachbarn bloß nichts einzugestehen.

Der Erfolg liegt eventuell gerade auch daran, dass die ordentlichen Deutschen sich im Gegensatz zu den Österreichern viel zu sehr darin verkrampfen, irgendwie kredibel zu wirken und was künstlerisch eingängiges, solides abzuliefern - um es beim Namen zu nennen: Wir scheißen uns ein. Bei rum kommt dabei meist belangloser Einheitsbrei (vgl. Cro, Silbermond, Andreas Bourani und Helene Fischer). Hauptsache es verkauft sich.
Vielleicht ist der Grund auch simpler und besteht lediglich darin, dass das Wienerische womöglich doch "das bessere Deutsch zum Singen" ist. Ganz sicher aber ist, dass Österreich sich seit den Erfolgstagen des Austropops der Granden Ambros, Fendrich, Danzer wohl auch darauf verlassen hat, dass ein DJ Ötzi- oder ein Hansi Hinterseerkracher auf dem Oktoberfest schon für genügend Kulturtransfer sorgt.

Na gut, es ist nicht so, dass sich die Szene ausschließlich musikalischen Querulanten zusammensetzt. Österreich adaptiert auch prima Elemente aus anderen Ländern, wie etwa Jazz, Chanson und eben, wie bereits erwähnt, ein bisschen unserer Hamburger Schule.

Wir stellen euch diese Woche in "Weltbekannt in..." ein paar Künstler vor, die ihr definitiv kennen solltet - ob urironisch oder nicht. Einige werden gerade erst noch groß, andere sind schon gut bekannt - aber lediglich bis zur Grenze bei Bad Reichenhall.

Leyya
Absolut ernstzunehmen sind Leyya aus Wien. Feinster Elektro-Pop mit recht melancholischer Anmutung, was etwas an an Phantogram erinnert. Live sind Leyya zu viert, Songwriting und Produktion liegt jedoch lediglich an Sophie und Marco, den wir hier auch gleich noch mit seinem anderen Projekt Ant Antic vorstellen wollen.

Mit ihrem Track "Superego" kennt ihr Leyya bereits aus dem egoProgramm:



Aufgefallen sind sie uns allerdings schon vor knapp einem Jahr, als sie ihre Drowning in Youth Debüt-EP veröffentlichten. Das erste Album, Spanisch Disco, folgte im Mai dieses Jahres und wird definitiv in der ein oder anderen internationalen Bestenliste auftauchen.

Ant Antic
Um beim Thema zu bleiben: Ant Antic ist quasi das Gegenstück von Leyya. Ebenfalls ein Duo, ebenfalls etwas düsterer Elektro-Pop - hier singt jedoch ein Mann, nämlich Tobias Koett. Marco wiederum ist für Beats und Klangsubstanz verantwortlich.
Ihr Debüt-EP Blood Sugar kam Ende April 2015 raus und resultiert hauptsächlich aus einer Fernbeziehung via Mail. Damals wollte Marco lediglich einen Sänger für sein Solo-Projekt Karma Art (ja, der Marco ist ein musikalischer Tausendsassa) haben und hat über einen Freund den Kontakt zu Tobias aufgenommen. Wegen diverser Live-Auftritte haben sie es aber mittlerweile geschafft, sich doch noch persönlich kennen zu lernen. 



Garish
Garish sind in Österreich urbekannt. Seit 1997 macht das Quartett schon Musik, sechs Alben haben sie bereits veröffentlicht. Das letzte, Trumpf, wurde 2014 veröffentlicht. Ihr Klang erinnert wegen des Akkordeons und Thomas Jarners gefühlvollem Gesang etwas Chanson-artiges.
Garishs Musik hat zudem etwas wahnsinnig warmes und jazzig organisches - solltet ihr also definitiv kennen, wenn ihr vom arg populären Sound Österreichs à la Berg Money Gang nichts anfangen könnt.
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Fijuka
Das weibliche Duo haben wir euch erst neulich als unseren Free-Download des Tages vorgestellt. Abgefahrener Synth-Pop mit 80s Schlag. Beide hatten schon diverse Bandprojekte am Laufen, zusammengeschlossen haben sie sich dann 2011. Ihr selbstbenanntes Debütalbum wurde im April 2013 veröffentlicht, die zweite Platte folgt irgendwann diesen Herbst. "Ca Ca Caravan" ist die zweite Single daraus:



Koenigleopold
Koenigleopold ist ebenfalls ein Duo aus Wien. Seit 2005 machen Leo und Lukas bereits Musik, damals waren sie aber noch im Jazz daheim. 2011 haben sie sich dann aber dazu entschieden, etwas abgefahrener unterwegs zu sein und sind mit ihrem Track "Heat the Water" (und gerade dem Video dazu, das wurde nämlich als One-Take aufgenommen) viral gegangen. Damit hat sich ihre Kombi aus Sprechgesang und knarzigen Synths als Stil etabliert. 2013 wurde ihr Debütalbum Eure Armut kotzt mich an veröffentlicht, mit dem sie sogar Shows in Japan und Serbien gespielt haben.
Mittlerweile ist aus Koenigleopold viel mehr noch ein Kreativkollektiv junger Wiener geworden. So ist nun auch die Szenenbildnerin ihrer Videos, MC Rhine, festes Mitglied Koenigleopolds. Anfang dieses Jahres veröffentlichten sie ihre gemeinsame, selbstbetitelte EP.



Worried Man & Worried Boy
Worried Man & Worried Boy - das sind Herbert Janata, Frontmann der Worried Men Skiffle Group und sein Sohn Sebastian Janata, der Schlagzeuger von Ja, Panik. Ihr gemeinsames Debütalbum wurde heuer erst veröffentlicht. Gemeinsam interpretieren sie alte Worried Men Skiffle Group Klassiker neu und arbeiten an älteren, aber unveröffentlichten Songs vom Vater.

Dem Song "Der schönste Mann von Wien" leiht der Nino aus Wien seine Stimme.



Crack Ignaz
Crack Ignaz bezeichnet sich selbst als Austrias Sweetheart und ist Vertreter des österreichischen Rap/ TripHops à la Yung Hurn, der gerade doch so gehypt wird. Allerdings wirkt Crack Ignaz dann doch ein bisschen authentischer, trotz gelentlichen Auto-Tune-Einsätzen - denn die werden ja freilich ironisch angewendet. Auch was Lyrics angeht kann man Crack Ignaz etwas ernster nehmen.
In sein erstes (Free-Download) Mixtape aus Dezember 2014, Ewige Nacht 500000, solltet ihr definitiv mal reingehört haben. Das komplette Debütalbum Kirsch folgte im Juli dieses Jahres.



Kreisky

Mit Kreisky haben wir dann endlich auch Vertreter des Postpunk/Rock-Pops in unserer Sammlung. Frontmann der Band ist Franz Adrian Wenzl - den ihr eventuell als Austrofred (einer Imitation Freddy Mercurys) kennt.



Als Satire darf man Kreisky aber nun wirklich nicht bezeichnen - ihre Selbstironie ist lediglich Reflexion und Kritik an der Alpen-Gesellschaft. Benannt nach dem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky gründeten Wenzl und Martin Offenhuber die Band um 2005. Mittlerweile sind Kreisky jedoch zu viert.
2007 wurde das erste selbstbenannte Album veröffentlicht, die vierte Platte, Blick auf die Alpen, kam 2014 raus. Sie selbst beschreiben dies als einen "lässigen Lärmbrocken". Im April 2015 hauten sie noch das Live-Album Vor Publikum hinterher.



Die Buben im Pelz
Die Wienerlied-Kapelle Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune muss wohl irgendwie das Gefühl gehabt haben, die Einwienerung vom legendären The Velvet Underground & Nico Albums würde der Welt noch fehlen. Also haben sie sich wieder zusammengerauft - nur eben in neuem Gewand, äh Pelz, also Namen - und Die Buben im Pelz & Freundinnen aufgenommen. Mit Wurst, statt Banane. Und diversen anderen Veränderungen: Statt in Lexington 125 werden beispielsweise die Drogen hier am Schwedenplatz verkauft. Ja, was soll man dazu sagen. Das Ganze klingt irgenwie absurd gut.



Übrigens: Solltet ihr die Tage mal gute 20 Minuten über haben und nicht wissen, was ihr damit anfangen sollt - die Sendung ohne Namen hat sich die österreichische Musik auch mal zum Thema gemacht. Und gen Ende einfach mal so noch alle wichtigen Musiker Österreichs ins Studio eingeladen.



Bildquelle: Flickr | "alpine cow" von Leo-setä | cc by-sa 2.0