Musikmeldungen
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Dienstag, 18. Oktober 2016, 07:00 Uhr

Adam Green zu Gast in München

Film, Konzert, Improvisation & ganz viel Magie

Normalerweise schreiben wir keine Konzert-Reviews - nur in den allergrößten Ausnahmen. Und darunter fällt das, was gestern in München passiert ist, allemal: Adam Green war zu Gast im Strom und hat eine Show vom anderen Universum abgeliefert. Ein Erfahrungsbericht.

Innerhalb von drei Stunden ist so viel passiert, dass wir irgendwann angefangen haben, eine Erlebnisliste zu erstellen. Deswegen gehen wir am besten chronologisch vor...

#01 Aladdin - Der Film
Zu allererst wurde Adam Greens neuer Film gezeigt. Und der ist wahnsinnig schwer mit menschlichen Attributen zu beschreiben. Surreal, skurril, abgefahren, wahnsinnig, pappig, dadaistisch - schon der Trailer hinterließ einen damals mit der brennen Frage: What the fuck did I just watch? So kommt darin beispielsweise ein Dschinn vor, der quasi Aladdins Sperma ist, ein Sparbüchsen-Eunuche, eine Revolution mit Macaulay Culkin und natürlich massenhaft Drogen.
In den Rollen neben Adam Green und Culkin sieht man unter anderem noch Devendra Banhart, Rodrigo Amarante, Francesco Clemente, Natasha Lyonne, Jack Dishel, Nicola LaLiberte, Alia Shawkat, Zoë Kravitz undundundundundund so viele mehr. Definitiv anschauenswert! Findet auch irgendwie Adam Green, der es für die Leute, die den Film sehen wollen, deswegen ziemlich einfach macht: Er hat den kompletten Aladdin auf YouTube hochgeladen.

Als der Film zu Ende war, kam Adam Green nochmal ins Publikum und freute sich ganz authentisch wie ein kleines Kind, dass der Film so gut ankam. Dann verschwand er nochmal kurz, denn dann kam erstmal...

#02 Support: Ryder The Eagle
Den hätten wir beinahe gar nicht als Support erkannt - Ryder The Eagle ist nämlich gleichzeitig auch der Roadie von Adam Green und Band und hat erstmal alles fein eingestellt. Bis er dann einfach angefangen hat, eigene Songs zu spielen.
Live ist sein Klang sphärischer Psych, lediglich auf Stimme und E-Gitarre minimiert. Durchproduziert sind die Songs ein kleines bisschen poppiger und schrammiger.



#03 Tanzeinlagen
Wie entzückend Adam Green tanzen kann (auch Ballett und Bauchtanz), hat er während der Show kontinuierlich gezeigt. Die Bewegungen adäquat zu beschreiben, fällt schwer. Sicher ist: Würden wir das ausprobieren, würden wir ziemlich deppert dabei aussehen und bei weitem nicht so grazil wie Adam Green.

#04 Crowdsurfen
Dreimal! Er ist dreimal gecrowdsurft. Sein Kommentar dazu: "Wow, ich seid echt ein starkes Publikum!"
Dass das so gut geklappt hat, könnte auch an folgendem Punkt liegen...

#05 Kaum Smartphones
Dass es niemanden gab, der das komplette Konzert über fotografierte oder filmte, könnte daran gelegen haben, dass schlichtweg zu viel passiert ist - am laufenden Band. Da müsste man ja eigentlich vom Gegenteil ausgehen, dass gerade dann die Handys empor schießen. Allerdings war es dadurch auch ziemlich riskant, die kleinste Kleinigkeit zu verpassen und die Show in all seiner Fabelhaftigkeit nicht vollends genießen zu können.

Woran auch immer es lag: Es war mal wieder ziemlich angenehm, nicht ständig einen Bildschirm vorm Gesicht zu haben.

#06 Support: Coming Soon
Mitten im Konzert meinte Adam Green dann: "Übrigens, die Band, die mich hier supportet, ist wirklich eine Band, also so ganz für sich selbst". Dann spielten Coming Soon ein paar ihrer Songs und präsentierten uns damit ihre großartige Mischung aus Psych-Pop-Rock.

Ein paar Eckdaten: Ihr Debütalbum New Grids veröffentlichten die vier Jungs aus Kidderminster und Frankreich 2008. Kurz darauf steuerten sie als Antsy Pants zwei Songs zum Soudtrack von Juno bei. 2014 kam das zweite Album raus, Tiger Meets Lion. Ihr neuester Kreativauswurf ist die Sun Gets In EP, von der der gleichnamige Track seit gestern in Dauerschleife bei uns läuft.



#07 Publikumsbezug
Auf Musikerfloskeln wie "Es ist so toll in dem wundervollen [beliebige Stadt einsetzen] zu spielen" hat Adam Green verzichtet. Stattdessen hat er Witzchen gemacht, mit uns gequatscht (z.B. über seine Begegnung mit der Münchner Polizei), er hat Songwünsche von Leuten im Publikum gespielt, er reichte das Mikro weiter, damit jeder mal mitsingen durfte - er hat uns sogar mehr oder weniger zum Mitsingen von "Kokoma" von den Beach Boys gezwungen. Zumindest hat er es zweimal probiert: einmal eher zu Beginn, wo wir aber noch etwas zu schüchtern waren, dann noch mal gegen Ende, wo so gut wie jeder mitgröhlte, weil mittlerweile ziemlich aufgewärmt.

#08 Alles und dann auch noch a Cappella
Nicht nur die Songs seines neuen Albums, auch die geliebten Klassiker, den man noch aus viel jüngeren Jahren auswendig kann, hat Adam Green rausgehauen. "Jessica", "Emily, "Dance With Me", "Bluebirds", "Friends Of Mine" - alles! Und diese Songs dann auch noch in einer besonderen a Cappalla-Version: alle Wörter mit "bing" ausgetauscht und in der richtigen Tonhöhe vorgetragen. Fantastisch.

#09 Stimmungsschwankungen
Während des kompletten Konzertes hat es Adam Green geschafft, die Stimmung mehrmals zu drehen: Von einem kreischenden, zu einem hin- und herschunkelnden, bis hin zu einem pogenden Publikum konnte er jedes Gefühl auslösen!

#10 Umarmungen für alle
Vor dem allerletzten Song versprach er dann noch jedem Umarmungen. Man solle doch einfach beim Merch vorbeischauen, dort stünde er im Anschluss. Das war's dann endgültig. Da war das Herz geschmolzen. Adam Green war damit vielmehr Kumpel, als gottgleiches Jugendidol. Die ganze Menge gleichte eher einer glückliche Hippie-, als einer willkürlichen Konzertgemeinschaft.


Das Fazit: Liebe. So viel Liebe zu diesem Weirdo.

adamgreen concert

Zum neuesten Album Aladdin

Aladdin ist zu einem grandiosen Meisterwerk geworden, was wir allerdings schon vorher anhand der beiden veröffentlichten Tracks "Never Lift a Finger" und "Nature Of the Clown" ahnen konnten. Neben anspruchsvollen Melodien kommt man so auch wieder in den Genuss von Greens Talent als Songwriter mit absurden Gedanken und merkwürdigen Texten - die ebenso als Musik, wie auch als Drehbuch funktionieren.

Das Album ist allerdings nicht komplett Adam Greens alleiniger Verdienst. Viele Gastmusiker steuern ihren Teil bei, wie etwa der Schlagzeuger Rodrigo Amarante (Little Joy), Stella Mozgawa (Warpaint) und den Bassisten Josiah Steinbrick, der Devendra Banhart oft bei Konzerten unterstützt hat. Produziert wurde das Ganze von Noah Georgeson (u.a. hat der schon für The Strokes, Charlotte Gainsbourg und Devendra Banhart gearbeitet).

Herrje, wir sind so verliebt in die neuen Songs.
 Gerade der "Birthday Mambo" bläst mit seiner Cumbia-Anmutung so hervorragend alle bedrückenden Gedanken aus dem Hirn. Jetzt, wo Aladdin draußen sind, merken wir erst so richtig, wie sehr Adam Green die letzten Jahre gefehlt hat.