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Montag, 10. Oktober 2016, 15:00 Uhr

Kate Tempest - Let Them Eat Chaos

Wenn Gänsehaut den Kopfnickermuskel küsst

Kate Tempest ist aus England, sie ist weiß und sie ist eine Frau, die in den 80er Jahren geboren wurde. Ganz klar, dass sie nicht dafür prädestiniert ist eine beeindruckende, nachhallende Rap-Platte rauszubringen - hat sie aber.

4:18 Uhr und die Zeit steht still

Wer hätte das gedacht - es gibt diese musikalischen Wunder immer wieder, die einen von hinten überfallen. Diese Musik schafft es in deinem Gehörgang ein Gefühl zu pflanzen, das durch den ganzen Körper wächst. Kate Tempests Album Let Them Eat Chaos ist genau diese Art von Musik. Im Intro ihrer Platte wird man vorbereitet auf eine Reise, die einer Fabel gleicht. Viele kleine Geschichten setzen sich zu einem Konzeptalbum zusammen, welches von Menschen in London, in einer Straße voller Charaktere erzählt, dich sich selbst verlieren und zwar um 4:18 Uhr in der Nacht.
Da gibt es zum Beispiel Gemma, die sich mit ihrem Körper nach Liebe sehnt, aber nicht das Futter ihrer Vorstellungen in Männern findet, sondern in Drogen. Davon berichtet Tempest in Ketamine for breakfast.

Desperate for a body who could save me but I never really wanted what they gave me.
Neben dieser Geschichte verliert sich die gebürtige Londonerin in Erzählungen, die auf Metaebenen stattfinden, welche sich nur erschließen, wenn man sich komplett hineinbegibt in die Texte der Rapperin und Poetry Slammerin. Tempest schafft es aber besser als im Vorgänger Everybody Down, einzelne Lieder, die auch autark funktionieren, zu produzieren.



Das Gesamtkunswerk Let Them Eat Chaos wird dabei lebendig durch die kraftvolle Stimme, mit der sie Zeilen in einem Flow kickt - böse, stark, gewaltig, klar und verletzlich, dass sich andere Rapper davon eine Authentizitätsscheibe abschneiden können. Hier ist jemand real - und zwar erschreckend real. Außerdem wird klar, dass der Ursprung des Raps vielleicht in den Hinterhöfen der Süd-Bronx liegt aber eben auch im Storytelling. Es geht hier um die Metapher, um die kluge Verwendung eines Anschauungsobjektes und darum, das Offensichtliche zu einem verstörenden Spiegel der Gesellschaft zu verzerren. Und genau das schafft Tempest und ist dabei zwar intensiv, aber nicht negativ, denn in ihren Texten sind die Apokalyptischen Reiter gekommen, um die Welt zu bewahren, indem sie die Menschen belehren - so wie Kate selbst.

Unterstrichen wird Tempest glühende Ausdruckskraft in diesem Album durch die Kraft der Produktion von Dan Carey, der unter anderem auch für Alben von Hot Chip, Fatboy Slim und Django, Django verantworlich war. Blechernd, manchmal wie einer rauhe Lagerhalle in den Vororten von London in einer regnerischen Nacht, fühlt man sich plötzlich als wäre man dem Untergrund nahe. Es geht hier darum, tief zu sein - tief in der Ehrlichkeit, tief in der Verantwortung die dem Hörer übertragen wird, tief im Untergrund und tief in der Musik gefangen. Kate Tempest erschafft ein Chaos und zwar ein unglaublich intensives, gutes Chaos.

Trackliste: Kate Tempest - Let Them Eat Chaos
01. Picture a Vacuum katetempest letthemeatchaos cover

02. Lionmouth Door Knocker”

03. Ketamine for Breakfast

04. Europe is Lost

05. We Die

06. Whoops

07. Brews

08. Don’t Fall In

09. Pictures on a Screen

10. Perfect Coffee

11. Grubby

12. Breaks

13. Tunnel Vision


Let them eat Chaos von Kate Tempest erscheint am 7.10.2016 via Caroline (Universal Music).