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Donnerstag, 14. Mai 2015, 00:00 Uhr

egoBLOG: Die Musik unserer Eltern

Weil Eltern eben doch wissen, was das Beste ist

Früher gab es deswegen Streit, heute herrscht gegenseitige Akzeptanz. Es geht um den Musikgeschmack von uns und unseren Eltern. Eine Hommage.

Wir vergessen oft, dass auch unsere Eltern verrückt nach Musik waren. Unsere Väter waren es, die heimlich zu Bob Dylan gekifft haben und ihre Black Sabbath-Platten, für die sie ihr erstes selbstverdientes Geld ausgegeben haben vor den Eltern verstecken mussten, weil "diese Teufelsmusik hier nicht ins Haus kommt". Und unsere Mütter haben tränenverschmierte Liebesbriefe an Heintje geschrieben und sind bei Beatles-Konzerten auch noch in der letzten Reihe in Ohnmacht gefallen. Alles Jahre bevor wir überhaupt nur geplant waren.

Dann kamen wir. Und alles, was Papa und Mama dann zu hören bekamen war unser Weinen, irgendwann die ersten Wörtchen, sinnloses Gebrabbel und dann, in der Pubertät, noch mehr noch viel sinnloseres Gebrabbel. Sachen wie: "Ich hasse die Beatles, die Beatles sind scheiße." Oder "nicht schon wieder dieses Dreckslied!". (Gemeint war "Bohemian Rhapsody".) Dinge, die kein normaler Mensch sagt.

Deswegen war das allerwichtigste Alltagsutensil der Walkman/Discman. Egal, ob eine Viertelstunde zu Oma oder sechs Stunden an den Gardasee: Wenn Papa am Steuer saß und uns über seine Wayfarer hinweg im Rückspiegel beobachtete, wie wir auf dem Rücksitz halbstark vor uns hin pubertierten, bekamen wir davon nichts mit. Die kleinen schmerzhaften Kopfhörerstöpsel so tief in den Gehörgang penetriert und bei voller Lautstärke, um ja keine Sekunde der schrecklichen Elternmusik mitzubekommen. Stattdessen: Backstreet Boys, Eminems Marshall Mathers LP, Nirvana.

Als ob es in der Pubertät nicht schon genug Schwierigkeiten zwischen Eltern und uns gab, war der Streit um Musik auch immer aktuell: "Mach diesen Lärm aus!, "Mach du doch deinen Schrott aus!", "Das ist wenigstens MUSIK! Bei dir ist's ja nur bumm bumm!" Jeder von uns hat diese Sätze hunderte Male gehört.

Zum Glück für alle sind diese Zeiten vorbei. Wir sehen unsere Eltern ein paar Mal im Jahr und da gibt es wirklich wichtigere Themen als Musik. Oma mal wieder besuchen, zum Beispiel. Einige Dinge sind anders geworden: Mutti steigt jetzt hinten ein und wir vorn, weil wir sie um mehrere Zentimeter überragen. Und Papa trägt jetzt nur noch Brille. Ohne "Sonnen-".

Anderes ist noch genau wie vor fünf, zehn, fünfzehn Jahren. Die Musik – das Pink Floyd-, Otis Redding- oder Kraftwerk-Album – von damals und plötzlich finden wir gut, was wir da hören und blicken tatsächlich mal für zwei Sekunden von unserem Smartphone hoch.

Ist es, weil wir den nostalgischen Moment mögen oder weil Retro so hip ist? Vielleicht. Fakt ist nur, dass es tatsächlich so ist.

Das bewies mal eine Studie. Amerikanische Forscher haben jungen Erwachsenen Musik der letzten fünfzig Jahre vorgespielt und bewerten lassen. So entstanden Sympathiekurven. Die schlugen besonders hoch aus bei Musik, mit der wir die letzten 20, 25 Jahre aufgewachsen sind. Und auch bei Musik, die aus der Jugendzeit unserer Eltern stammt, Musik, die unsere Väter seit 40 Jahren hören und eben besonders gerne beim Autofahren oder Musik, zu der Mütter früher ihre Blusen gebügelt haben, bevor sie tanzen gingen und zu der sie jetzt immer noch bügeln – unsere Hosen.

Die Studie beweist, dass wir die Musik, die unsere Eltern damals in unserem Alter gut fanden, heute mögen und wahrscheinlich immer gemocht haben. Deswegen gehen wir heute in Plattenläden und suchen Jimi Hendrix-Platten oder leihen uns das Best-of-Rolling Stones-Boxset unseres Vaters aus und ignorieren das ich-wusste-dass-du-zur-Vernunft-kommst-Schmunzeln.

Jeder von uns hat ihn also, den Lieblingskünstler, der schon der Lieblingskünstler unserer Eltern war. Künstler, die uns mit ihren Songs immer wieder zurückversetzen, auf die Rückbank mit King-of-the-Road-Papa vorne mit seiner Sonnenbrille auf der Nase und dem passenden Soundtrack im Ohr. Das hier sind unsere:


Andrea (Kultur/ Verwaltung): ABBA & die Beach Boys
Es gibt diverse Songs, die mich umgehend in meine Kindheit zurückversetzen. Nachdem ich mit sechs Jahren ohne Aufsicht an den Plattenspieler meiner Eltern gelassen wurde, gab es dann zwei spezielle Bands, zu denen ich lauthals in phonetischem Pseudo-Kinderenglisch mitgesungen und seltsam getanzt habe. Noch heute erfasst mich jedes Mal, wenn ich ABBA, oder die Beach Boys höre, ein wildes Zucken in Körper und Gesangsmuskulatur und ich tanze in spastischen Verrenkungen durch die Gänge des Supermarkts. Das kann man sich dann ungefähr so vorstellen.


Anna Lindener (Redakteurin): Pink Floyd & Rolling Stones
Gerade an düsteren, etwas melancholischen Herbsttagen werde ich oft weit in der Zeit zurückgeschmissen, wenn ich auch nur die Millisekunde eines Pink Floyd-typischen Riffs höre. Ich denke dann an regnerische Sonntage, an denen die hallenden Klänge das ganze Haus erfüllt haben – bis in den zweiten Stock, in mein Zimmer. Und auch wenn ich damals noch eher auf den Sound von "I'm blue dabe die dabe dei" und Konsorten stand, fand ich Pink Floyd ebenfalls super angenehm. Die Musik hat auch so ganz hervorragend zu meinen dramatischen Barbie-Blockbustern gepasst, die sich bei mir im Zimmer abspielten.

Mit den Rolling Stones war ich allerdings nicht ganz so d'accord. Ich weiß mittlerweile wirklich nicht mehr, was ich da wohl für ein Problem hatte, es war wohl auch eher etwas Mick Jagger basiertes. Der hat mich so fürchterlich aufgeregt, wie er so rumstolziert ist und immer komische Grimassen mit dem Gesicht gemacht hat. Meine Güte, habe ich mich da immer aufgeregt, wenn ich mit meinen Eltern (gefühlt jeden dritten Abend) vorm Fernsehr saß und mit ihnen die Rolling Stones Live-DVD angeschaut habe. Naja, wurscht. Heute weiß ich, was hinter Mick Jaggers Gesten steckt: ein waschechter Rockstar. Doch nach dem ganzen Rumgenörgel wollte ich nie zugeben, als ich mir mal heimlich Papis CDs gemopst und mir die komplette Rolling Stones Diskografie auf meinen MP3-Player gespielt habe. Neulich hab ich's ihm gebeichtet und mich für meine Dummheit entschuldigt. Er war stolz wie Oskar.


Julia (CvD): Jimi Hendrix...
...auf dem Woodstock-Festival - Legendär! Allerdings war bei uns zuhause Musikhören immer an den Plattenspieler von meinem Papa gekoppelt. Jeden Sonntag, wenn wir vom Spazieren wiedergekommen sind, wurde der heilige Schrank mit den Platten geöffnet, und mein Bruder und ich haben eine neue Lektion in Musikgeschichte bekommen. Diese Titel sind natürlich hängengeblieben. Noch heute bekomme ich Gänsehaut bei dem 25jährigen Joe Cocker, der in Batikshirt "With a little help of my friends" singt. Die Valentyne Suite von Colosseum erkenne ich an den ersten drei Takten. Emerson, Lake & Palmer mit "Jerusalem" ebenso. Pink Floyd, Deep Purple - ich könnte jetzt noch stundenlang weiter namedroppen. Sie alle waren Bestandteil unserer Abhör-Sonntage. Auf jeden Fall: Wenn ich mal Kinder habe, werde ich mir einen Plattenspieler zulegen. Und einen Schallplattenschrank. Und wir werden fabelhafte Sonntage haben.


Lola (Moderatorin): Schlager
Ich bin tatsächlich hauptsächlich mit deutscher Schlager Musik groß geworden. Bis heute kann ich noch unzählige Titel auswendig und ja, mein allererstes Konzert war von Nicky (Kennt die überhaupt noch wer? Liebe Kinder, das war mal eine ganze berühmte bayerische Sängerin). Wenn mein Vater und ich Auto fahren, singen wir noch bis heute Peter Cornelius mit oder schmettern Udo Jürgens vor uns hin. Und ich erinnere mich auch daran, dass meine Mutter mir, als ich klein war, zum Einschlafen "Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund" von Nicole vorsingen musste. Und trotzdem is musikalisch was aus mir geworden. Ja, manchmal gibt mir die Welt das Gefühl, ich müsste mich dafür schämen. Tu ich aber nicht!


Elise (Moderatorin): Fröhliches Potpourri
Meine Eltern konnten fast nie eigene Musik hören – jedenfalls keine, an die ich mich erinnern kann. Meine fünf älteren  Geschwister haben immer den Plattenspieler oder Kassettenrekorder und später natürlich auch den CD Player in Beschlag genommen. Ich bin also mit einem Mix aus Bruce Springsteen, den Levellers, Fury in the Slaughterhouse, a-ha und Sting groß geworden. Ich glaub in stillen Momenten (sehr selten) haben sie dann The Lords und die Rolling Stones gehört. Meine Mum mochte die Beatles nicht.


Anna (Moderatorin): Rolling Stones & die Beatles
Sommer 1885 bis 1990. Gelber VW Bus. Campingkrams hintendrin. Mutter, Vater, Kind und Kind. Nach Frankreich ans Meer. Und jeden - jeden! - Sommer derselbe Soundtrack: die Rolling Stones. vorallem "Sympathy For The Devil". Die Beatles gab's natürlich auch, klar. Aber eher Sonntags zum Mittagessen oder auf dem Weg zu Omi und Opi. Aber wenn Papa alleine am Kochen war, den Rasen gemäht oder sich unbeobachtet gefühlt hat, dann mussten es Songs von den Stones sein, die er vor sich hergepfiffen hat. Heute macht er das auch noch. Er wollte mich mit seiner Stones-Liebe anfixen und hat mir mal eine Konzertkarte geschenkt, zum 15. Geburtstag. Die hab ich weiterverkauft, weil ich Lenny Kravitz cooler fand. Sorry Papa, jetzt isses raus.


Maria (Moderatorin): The Cure
Man sagt ja immer, entweder man ist ein Mama- oder ein Papa-Kind – beides geht nicht. Und ich muss zugeben: Musikalisch gesehen bin ich auf jeden Fall ein Papa-Kind. Das was Papa gut findet, finde ich gut und das, was ich ihm zeige, mag er meistens auch. Die erste Band, die er mir nahegelegt hat, war The Cure. Ich war wahrscheinlich ungefähr 16, da hat er mir die CD Disintegration in die Hand gedrückt und ich war verliebt! Erst vor ein paar Jahren hab ich dann das Album als Schallplatte von ihm bekommen und seit alldem muss ich bei The Cure sofort an meinen Papa denken. Fast schon mit Tränen verbunden war das dann auf dem Southside Festival, als ich die Band live gesehen habe und Robert Smith "Love Song" geträllert hat. Gänsehaut.


Noemi (Praktikantin): Buena Vista Social Club
Eigentlich war ich immer diejenige, die lautstark Musik in der Wohnung gehört habe. Entweder gab ich meine Version der Königin der Nacht zum Besten oder die Anlage wurde von mir und meinem Aupair-Mädchen genutzt, um dann gemeinsam zu "Try Again" die Video-Choreographie nach zu tanzen. Aber manchmal wurde nach dem gemeinsamen Essen noch die ein oder andere CD eingelegt. Vorallem die Filmmusik von Buena Vista Social Club. Mein Vater hat auf volle Lautstärke gedreht, die Fenster aufgerissen und dann mit meiner Mama Salsa getanzt. Mein Bruder und ich haben weniger graziös daneben getanzt und die gute Laune unserer Eltern genossen. An diese Abende erinnere ich mich gerne zurück und das Album höre ich heute noch. Und selbst jetzt bekommen unsere Nachbarn hin und wieder lateinamerikanische Musik zu Ohren und sehen dann vier Leute lachend im Wohnzimmer tanzen.


Dominik (Praktikant): Frank Sinatra - "My Way"
Wenn ich an die Musik meiner Eltern denke, muss ich automatisch an zwei sehr prägende Elemente denken: das ständig laufende Radio und die nur zu besonderen Anlässen mit dementsprechend besonderer Leidenschaft ausgekramten alten Platten. Ich komme also aus einem Haushalt mit einer sehr gut sortierten Plattensammlung, die trotzdem viel zu selten genutzt wurde. Obwohl das wahrscheinlich nicht der ausschlaggebende Grund war, die Musik an diesen Vinyl-Abenden war immer viel intensiver. Für mich besonders hervorgetan hat sich bei diesen Anlässen vor allem die Singer-Songwriter-Fraktion um Leonard Cohen, Joan Baez und Bob Dylan. Aber der beste Moment war immer dann, wenn mein Papa mit einem breiten Grinsen zu seinen Frank Sinatra-Scheiben gegriffen hat und dann "My Way" gekommen ist – tolle Vater-Sohn-Erinnerungen.


Bildquelle: Flickr, "Vinyl" von [Duncan], unter CC-Lizenz