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Donnerstag, 24. Juli 2014, 08:53 Uhr

Loveparade - 4 Jahre danach

Julia bloggt

Die verhängnisvolle Loveparade ist jetzt schon vier Jahre her. Vier Jahre, in denen viel hätte passieren können. Die Bilanz ist aber mehr als dürftig - Leider.

Es war reines Glück, dass Kollege Mathias und ich an diesem Tag schon früher auf dem Gelände waren. Reines Glück, dass wir nicht in dem Tunnel waren, sondern auf einem Truck. Reines Glück, dass wir heute nicht mit den Spätfolgen zu kämpfen haben. Dennoch werden auch wir die Erinnerungen nicht los: Die Leichen im Tunnel, notdürftig mit Tüchern zugedeckt. Die Rucksäcke und Turnschuhe, die keine Besitzer mehr haben. Die Krankenwägen und Rettungsärzte, deren Martinshorn die ganze Nacht in Duisburg zu hören war.

Gerade erst vor wenigen Tagen kam die Meldung, dass sich seit der Loveparade sechs weitere Menschen das Leben genommen haben - sie sind mit den Spätfolgen nicht zurecht gekommen und konnten die Bilder nicht verarbeiten. Damit steigt die Zahl der Todesopfer auf 27. Die anderen Geschichten werden nur am Rande erzählt: Menschen, die so schwer traumatisiert sind, dass sie ihren Job nicht mehr ausüben können. Die jetzt auf Hartz IV angewiesein sind. Die sozial nicht mehr "funktionieren".

Und noch immer weiß niemand, wer eigentlich für das Unglück verantwortlich war.

Rainer Schaller, der Veranstalter? Das Gesicht der Veranstaltung wird sich nicht gerichtlich verantworten müssen - laut Oberstaatsanwalt Horst Bien lägen "keine Anhaltspunkte dafür vor, dass sie [Schaller und Sauerland, d.R.] selbst Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die Erteilung der rechtswidrigen Genehmigung genommen haben". Schaller wird lediglich als Zeuge auftreten.

Adolf Sauerland, damaliger Bürgermeister von Duisburg? Auch gegen ihn wird nicht ermittelt. Wäre alles gutgegangen, hätte sich Sauerland mit dem Erfolg schmücken können. Für den dramatischen Ausgang wird er jedoch nicht zur Rechenschaft gezogen, auch Sauerland tritt nur als Zeuge auf. Selbst die politischen Konsequenzen der Katastrophe mussten ihm aufgezwängt werden: Sauerland trat erst nach einem Bürgerentscheid von seinem Amt zurück.

Stattdessen würden sich in einem möglichen Prozess zehn andere Personen verantworten müssen: Vier Mitarbeiter von Veranstalter Lopavent und sechs Angestellte der Stadt Duisburg, davon lediglich drei in Führungspositionen. Aber momentan ist noch nicht einmal klar, ob es überhaupt zu einem Prozess kommt: Bis September muss das Landgericht die Klage prüfen - frühester Termin für einen Prozessbeginn wäre somit im Herbst 2014. Mehr als vier Jahre nach der Katastrophe.

Was also ist geblieben?

Fragt man die Angehörigen und direkt Betroffenen, so stößt man auf Wut, Unverständnis und Hilflosigkeit. Mit diesem einen Tag hat sich ihr Leben grundlegend verändert. Aber Schuld scheint niemand daran zu haben. Planungsfehler, unvorhersehbare Menschenmengen, ein nicht-ordnungsgemäßes Genehmigungsverfahren: Befriedigend kann das für die Hinterbliebenen nicht sein.

Und bei uns? Rainer Schaller hat das mal so treffend ausgedrückt: Es gibt ein Leben vor der Loveparade und eines danach. In dem Leben danach stehe ich bei Konzerten und Festivals nicht mehr in der ersten Reihe. Scanne jede Location nach Notausgängen. Und habe selbst bei gut organsierten Tunnelgurchgängen wie beispielsweise auf dem Electric Love Festival ein flaues Gefühl im Bauch.
Aber all das relativiert sich, wenn ich regelmäßig zu den Jahrestagen die Bilder der "Spätfolgen-Opfer" im Fernsehen sehe: Junge Leute, die vielleicht neben mir aus dem Zug gestiegen sind und nun Nacht für Nacht von Alpträumen heimgesucht werden. Die direkt nach dem Unglück mit wenigen tausend Euros entschädigt wurden und nun Existenzprobleme haben. Die ihre Schwester, den Freund und die Tochter verloren haben, weil sie auf einer riesiegen Party totgequetscht wurden.

Das also ist es, das Leben nach der Loveparade.