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Mittwoch, 25. Februar 2015, 00:00 Uhr

Werdet wieder Fans!

Julia bloggt

Die Zeiten, in denen wir die Namen aller Bandmitglieder und deren Drogengeschichten kannten, sind vorbei. Leider! Denn eigentlich spricht nichts dagegen, endlich wieder richtig Fan zu sein.

Wer Fan von etwas ist, muss leidensfähig sein. Im Fußball fließen die Tränen auf den Abstiegsplätzen und in Sachen Bands riskiert man jedes Mal schiefe Blicke, wenn man sagt: "Die Arctic Monkeys sind heute das, was früher die Beatles waren". Denn wenn es um Musik geht, ist Fan sein leider so gar nicht mehr in. Wer immer die gleichen Bands hört, wirkt langweilig, in dem schnelllebigen Geschäft muss immer etwas Neues her. Gestern alt-j, heute Hozier, morgen Bilderbuch. Harte, klare Fanfronten (du warst entweder überzeugter Backstreet Boys- oder Kelly Family-Fan sein) gibt es nicht mehr.

Schneller, neuer, besser?

Gründe für diese Entwicklung finden sich viele.
► Immer mehr Künstler landen mal DEN EINEN Treffer - ein Song, der wie ein Virus um die Welt geht. Dadurch legen sie die Messlatte nicht nur für die anderen sehr hoch, sondern vor allem für sich selbst. Wankelmut zum Beispiel mit seiner Version von Asaf Avidans "One Day". Was haben wir zu diesem Titel getanzt und mitgesungen! Aber bitte gebt mal ein kurzes Handzeichen: wer weiß denn, welche Projekt die beiden aktuell haben? 

► Ein weiterer Grund ist das Alter. Die Zeiten, in denen wir kreischend in der ersten Reihe standen und unsere Zimmerwände mit Starschnitten tapeziert haben, sind vorbei. Mittlerweile stehen wir auf Konzerten in Bar-Nähe und haben Kunstdrucke überm Küchentisch hängen. Wir googlen nicht mehr nach dem Aszendenten unseres Idols und warten auch nicht mehr vor dem Hotel, um ein Autogramm abzubekommen.

► Dann das Geld: Vielleicht haben wir jetzt einfach mehr davon als noch zu Taschengeldzeiten. Aber das Musikbesitzen ist auch viel günstiger geworden. Für 10€ im Monat gibt's ein Streaming-Abo und dank individueller Playlisten müssen wir keine ganzen Alben mehr durchhören, sondern kommen direkt zu DEM EINEN Song. Von dreihundert verschiedenen Bands.

► Dazu gibt's das Phänomen der Bands als Status-Symbol. H&M sei dank kann nun jeder für 9,99€ Ramones-Fan werden - ohne auch nur einen Titel der Band zu kennen. Aber das ist ja auch egal: Ramones klingen nach weltoffen, nach Rock, nach Musikahnung. Sie sind gesellschaftlich einfach akzeptiert. 

► Lustigerweise entwickelt sich dazu gerade auch noch ein Gegentrend: Das Tragen von Merch-Stuff von wirklich unbekannten Bands. Hauptsache, die Band hat ein Logo mit vielen Rauten und Dreiecken, im besten Fall auf eine Jutetasche gedruckt. Wer es trägt, sieht nach dem Mega-Musiknerd aus, eben dem Szenen-Insider, der heute schon die Bands kennt, auf die wir erst morgen tanzen werden.

All diese Gründe verwässern das Fan-Dasein irgendwie. Und langsam aber sicher verlernen wir es: das Fiebern auf den einen Gig der Lieblingsband. Das Album-Vorbestellen. Das stundenlange Scrollen durch Facebook- und Instagram-Timelines. Das ein-Album-solange-hören-bis-ich-es-komplett-mitsingen-kann. Das stolze erste Tragen des brandneuen Bandshirts. Der ich-werde-mich-nie-wieder-waschen-Vorsatz nach einem Handshake. Das Auswendigkennen aller Bandmitglieder und deren Besonderheiten. Das Aufheben von Konzerttickets und Eintrittsbändchen. Das Schwärmen mit der Kollegin, die auf die gleiche Band steht. Das Diskutieren der neuen Songs. Und die Gänsehaut, kurz bevor sie die ersten Takte spielen. Denn das da oben, das ist nicht irgendeine Band. Das ist unsere Band.


Bildquelle: Crowd | Partie Traumatic | Flickr cc by 2.0