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Donnerstag, 18. Juni 2015, 12:00 Uhr

Über die Leichtigkeit des Off-Seins

Und die Belanglosigkeit von manchen Apps

Es gibt mal wieder eine neue App, die euch dabei hilft, das Handy einfach mal weg zu legen und Zeit für euch selbst zu gewinnen. Absurd!

Wir wissen mal wieder nicht so ganz genau, was wir wollen: Einerseits sind wir für die totale Karriere, legen andererseits aber auch großen Wert aufs Zurückschalten. So kommt es mir zumindest vor. Gefühlt jeden Tag kommt eine neue App in den Store, die uns Leistungssteigerung verspricht, sei sie körperlich oder geistig. Dazu kommen zahlreiche Programme, die unsere Zeit managen und strukturieren, uns in einen Stundenplan zwängen, damit wir ja keinen der ultrawichtigen Termine unseres ultrabusy Lebens verpassen. Andererseits gibt es dann mindestens genauso viel Apps, die uns beim Ausschalten helfen.

Aber brauchen wir wirklich Technik, um uns von Technik zu lösen? Ich finde das absurd. Wir machen Technik etwas menschlicher, während die Technik uns dabei hilft, immer mehr zur Maschine zu machen, die auf Befehl reagiert. Du musst jetzt arbeiten. Du musst jetzt Kniebeugen machen. Du musst jetzt abschalten. Du musst funktionieren. Biep bup bieb. Dabei stellt sich mir die Frage: Wer programmiert hier eigentlich wen?


Jetzt versteht mich nicht falsch. Das soll hier kein Hetzartikel gegen Technik sein, ich finde Technik wunderbar. Nur kann ich es nicht ganz verstehen, warum wir es 18 Jahre unseres Lebens nicht erwarten können, endlich auszuziehen und unabhängig zu sein, wenn wir uns dann Apps runterladen, die die Aufgaben unserer Mutti übernehmen. Beim Essen das Handy ausschalten. Mal frühzeitig ins Bett gehen. Auf gesunde Ernährung achten. Und so. Doch auch das soll jetzt nicht im Vordergrund meines Kotzens stehen. Im Vordergrund meines Kotzens steht nämlich die neue App Offtime. Diese kümmert sich für euch darum, dass ihr - wie der Name unschwer erkennen lässt - einfach mal abschaltet und so mehr Zeit für euch, Freunde und Familie habt. So ein Schwachsinn! Das, was die App anbietet, kann man doch auch wirklich prima alleine machen.

Auf ihrer Homepage werben sie:

( OFFTIME ) hilft dir besser abzuschalten, dank App-Blocking, Kommunikationsfilter und Einblicken in deine Smartphone-Nutzung
- aber rumheulen, dass uns die Geheimdienste dieser Welt ausspionieren, ja hervorragend! Desweiteren:

Steigere deine Selbstkontrolle: Schränke Deinen Zugriff auf ablenkende Apps ein. Statt sinnlos zu prokrastinieren, widme Dich den Dingen, die genau vor Dir liegen.
►Steigere deine Selbstkontrolle??? Steigere deine SELBSTkontrolle, indem du eine App dazu beauftragst????ß????ßßscharfesEs????? Das macht doch absolut keinen Sinn.

Ach Kinnas, ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich finde, das entwickelt sich in eine etwas falsche Richtung. Es ist nämlich gar nicht mal so schwer, einfach off zu sein, im Ernst.

Hier hab ich ein paar sinnvolle Tipps für euch, besser abzuschalten:

#01 Ihr nehmt euer Handy, geht in die Einstellungen, aktiviert den Ruhemodus. Etwas Radikalere (so wie ich es bin) wählen gleich den Flugmodus. Und die ganz Radkalen nehmen ihr Handy und werfen es, werfen es einfach ganz, ganz weit weg. Ruhe.

#02 Ihr nehmt euren Computer, öffnet das Menü, klickt auf "Herunterfahren". Ruhe.

#03 Zum Abschalten im Büro: Setzt Kopfhörer auf - völlig egal, ob ihr gerade Musik hört oder nicht. Wenn euch ein Kollege ansprecht, ignoriert ihr ihn einfach und nickt mit dem Kopf. So kommt es nochmal glaubwürdiger. Wenn es nichts wichtiges ist, gehen sie irgendwann von alleine weg. Ruhe.

#04 Erstellt euch eine Playlist mit Musik zum Runterkommen. ►Oder folgt einfach meiner. Ruhe.

#05 Macht Urlaub auf irgendeinem Bauernhof, bei euren Großeltern oder in einem (vermeintlich) beschissenen Hotel, wo es kein WiFi gibt. Nein, mal im Ernst, ich merke das immer, wenn ich meine Großeltern in Portugal besuche. Die haben nämlich sowas wie Internet nicht und dementsprechend entspannt ist es dort auch. Es dauert vielleicht zwei, drei Tage, bis die Nervosität, gerade ungefähr alles zu verpassen, nachlässt. Aber spätestens am dritten Tag kannst du dich endlich mal zurücklehnen und Dinge machen, von denen dich das Internet sonst abhält. Du fängst wieder an zu zeichnen, statt stundenlang mit der Ausrede, "Inspiration zu suchen", auf Kunstblogs abzuhängen. Du liest wieder mal ein Buch, statt alle VICE-Reportagen der letzten zehn Jahre zu überfliegen. Und ganz wichtig: Du machst einfach mal wieder gar nichts und döst beispielsweise stundenlang am Meer in der Sonne. Es ist unglaublich, wie leicht der Kopf dabei wird und auf was für Ideen man dabei kommt.


Wenn ihr bessere Tipps habt oder meine Ansicht einfach fertig machen wollt, könnt ihr mir auch eine Mail schreiben
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Bildquelle: Flickr | "Chilling Out" von guldfisken | cc by 2.0