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Mittwoch, 15. Juli 2015, 15:00 Uhr

10 Momente vom NOS Alive Festival

Der egoFM Festivalsommer 2015

Letztes Wochenende waren wir auf dem NOS Alive Festival unterwegs. Was da so ging, gibt's hier als Zusammenfassung.

Hi, wieder Anna aus der Online-Redaktion hier. Zusammen mit unserem Musikredakteur Julian war ich letzte Woche wieder auf dem NOS in Portugal. Was ich besonders an dem Festival mag ist, dass es nicht so ultrafett ist, sondern eher relativ klein. Da hat man nicht das Problem, sich zwischen drei gleichzeitig spielenden Bands entscheiden zu müssen, man kann sich alles ganz entspannt nacheinander anschauen. Ja. Und es ist eben in Lissabon - meiner zweiten Heimat, meinem Refugium, meiner Liebe. Dementsprechend gute Momente gab es auch heuer wieder - und einen, der leider nicht so gut war, aber dazu später. Jetzt erstmal:

#01 Nahtoderfahrung und Wiedergeburt bei The Prodigy
Zugegeben, The Prodigy sind jetzt nicht so Künstler, die sich auf meiner täglichen Playlist befinden. Eigentlich habe ich die nie wirklich gehört, eher immer nebenher und das Konzert wollten wir uns eigentlich auch nur wahnsinnig faul vom Pressebalkon aus anschauen. Wären da nicht gute Bekannte aus Lissabon gewesen, die die gefühlt größten The Prodigy Fans überhaupt sind. Mit denen haben wir uns dann eben doch von unserem Terrässchen runterbegeben, mitten in die Menge rein. Das war's dann: Die Energie, die The Prodigy bei ihren Live-Auftritten abgeben ist direkt in uns gefahren, dass die 30. Reihe plötzlich nicht mehr weit genug vorne war. Total wirr im Kopf - ihr müsst wissen, Julian und ich sind eher von der zarteren Sorte, Gedrängel ist eigentlich nicht zu unser Ding - sind wir einfach nach vorne gestürmt (was ganz am Rande gesagt überraschend einfach ging). Also gut: zweite Reihe The Prodigy also. Mit "hardcore" lässt sich das wohl am besten beschreiben. Irgendwann wurde es richtig wild, die Masse war ein einziger Moshpit, was uns, entgegen unserer gewöhnlichen, gemüseähnlichen Natur, sogar angesteckt hat und wir lediglich ein paar Sekunden Todesangst litten. Dann haben wir uns angeschaut, gesagt, was für tolle Freunde wir waren - und sind dann selber verschlungen worden. Spoiler: Wir haben es überlebt. Und es.war.SO GUT. Nach dem Konzert zelebrierten wir erstmal unsere Neugeburt.

prodigy menge

Die Meinungen über das The Prodigy Konzert waren übrigens mehr oder weniger einstimmig:



#02 Metronomy
Metronomy sind gerade auf bestem Wege, die Foals aufzuholen und meine meistgesehenste Band zu werden: Alleine schon seit April 2014 bis jetzt war ich viermal live dabei. Klar, die größte Innovation war der Auftritt beim NOS Alive Festival also nicht im Vergleich zu den anderen, somal sie seit 2014 hauptsächlich ihr neues Album spielen. Aber es ist jedes Mal einfach ein Riesenspaß, gerade, weil sich ihre kleinen Choreos dann doch immer ein bisschen verändern. Und überhaupt: Was gibt es besseres und ansteckenderes, als Bassisten Gbenga Adelekan beim Spielen zuzusehen - eben: nichts. Den kompletten nächsten Tag hallte noch der Echo von "Reservoir" nach.



Gegen Mitte des Konzertes haben wir es sogar geschafft, bis in die dritte Reihe vorzukommen, ganz ohne große Anstrengung. Was uns zum nächsten Punkt führt...

#03 Die Macht von "com licença"
Ich kann es immer noch nicht begreifen, woran das genau lag, aber es muss entweder an der Entspanntheit oder schlichtweg der Nettigkeit der Portugiesen liegen. Bei so gut wie jedem Konzert kamen wir erst an, als sich die Menschenmasse schon wie ein dichter Teppich vor der Bühne versammelt hat - doch bei so gut wie jedem Konzert haben wir es ohne großes Gerangel bis in die zweite Reihe geschafft. Ja, echt, das gleichte einem Spaziergang. Lediglich ein freundliches "com licença" genügte, dass die Leute ein kleines Stückchen zur Seite gingen und Platz machten. Keiner hat rumgemotzt von wegen "Eyyy, hier bleibst du fei nicht stehen" und niemand hat einen weggedrückt und sich dann breitgemacht. Jeder war entspannt und es war immer genug Freiraum für alle da. Heißt: Genug Platz zum Tanzen, keine Haare vom Vordermannes im Mund, kein Bier auf dem Shirt. Können wir uns das hier bitte auch angewöhnen?

#04 Róisín Murphy
Die Frau ist einfach der Wahnsinn, eine derartige Präsenz auf der Bühne habe ich noch nie erlebt. Ihre häufigen Kostümwechsel geben ihrer eh schon wahnsinnigen Aura noch etwas klassisch Diven-haftes. Muss ich mehr sagen? Ich kann es einfach nicht. Wir haben getanzt wie blöd.

roisin

#05 Chromeo
3.00 Uhr, kurz vor Sonntagmorgen - das Festival ist schon fast rum und die Stimmung schon dementsprechend gedrückt. Schweren Fußes gaben wir uns so nochmal den letzten Act für heuer, Chromeo. Und die haben es wirklich geschafft, uns aus jeglicher aufkommender Post-Festival-Depression nochmal rauszuholen. Das Ende wurde mit ihnen geradezu zelebriert, ich glaube, keiner ist irgendwie traurig vom Festivalgelände abgezogen, nachdem Chromeo gespielt haben. Es geht eben nichts über Funk, eine einzige Tanzparty war das - so sehr, dass der Julian sogar beinahe seinen Flug um 06.10 Uhr verpasst hätte, weil wir einfach "noch einen", "okay, noch einen", "na gut, einen echt letzten" Song sehen wollten.

Hier gibt's ein kleines Video in semiprofessioneller Qualität, für einen Eindruck reicht es aber:



#06 Chet Faker (natürlich)
Muss ich nicht groß erklären - eh klar. Chet Faker ist einfach einer der Künstler, den ich live am meisten bewundere. Einfach, weil er so sehr liebt, was er macht, man das hören kann und weil er so großen Wert auf Authentizität legt. Deswegen mischt er sich nicht alles Daheim vor, drückt dann nur noch auf den Knopf und trällert seine Arien plump ins Mikro. Ne. Er macht alles live und wird von einer Band unterstützt, was seinen doch recht elektronischen Live-Klang so organisch macht. Und ganz nebenbei - während er zwischen Klavier und Synths hin und her rennt - singt er sich das Herz aus dem Leib. Das ist pure Emotion. Besonders bewundernswert finde ich das diesmal, weil er eigentlich gar nicht hätte spielen sollen. Chet Faker war nämlich der spontane Ersatz für Stromae, der seine komplette Tour aus gesundheitlichen Gründen leider absagen musste. Ein bisschen skeptisch war ich vorher allerdings schon, da Chet Faker das erste Mal, das ich ihn erlebe, auf einer Main-Stage aufgetreten ist. Ich hatte Angst, es könnte seinem sonst so (ach, wie sagt man das, ohne cheezy zu klingen) intimen Klang schaden. Aber war nicht so.

#07 Sleaford Mods
Sleaford Mods haben wir schon auf dem Primavera Festival in Barcelona gesehen, damals allerdings in der kleinen Ray-Bahn Unplugged Box, vollgezwängt mit Menschen (die Stimmung war trotzdem gleich). Auf dem NOS allerdings waren nicht so viele Menschen scharf drauf, die beiden Briten zu sehen. Zu Beginn zumindest war das Zelt ziemlich spärlich besucht, kein Problem also, auch hier wieder in die erste Reihe zu kommen. Ich weiß nicht, was da mit mir passiert ist, aber seitdem kann ich auf jeden Fall nicht mehr zu normalem Pop tanzen. Ausschließlich Punk-HipHop, wie ihn Sleaford Mods machen. Da ist so viel Flapsigkeit, so viele clevere Seitenhiebe auf die britische Politik und so viel Selbstironie drin, dass ich die beiden einfach liebe. Andrew Robert Lindsay Fearn (der Beat-Bastler) stand während des kompletten Konzertes einfach nur einen Meter vor seinem Laptop, Bier in der einen, Kippe in der anderen Hand und hat bis auf ein paarmal Mitsingen und befürtendem Kopfnicken zu dem, was Jason Williamson da gerade von sich rapt, lediglich hin und wieder demonstrativ den Playbutton gedrückt - sonst nichts. Fantastisch.

 

#sleafordmods #nosalive2015 #wasmachtdertypdahinteneigentlich

Ein von Anna Lindener (@elefantterrible) gepostetes Video am



#08 Future Islands
Endlich hatten wir mal die Chance, das sagenumwobene Tanztalent vom Frontmann Samuel T. Herrings zu überprüfen. Soll ich das Ganze mal abkürzen? Ja: sie sind wirklich legendär - etwas irre vielleicht auch, aber hauptsächlich doch ziemlich interessant gut. Choreo-Beispiel: Samuel fällt quasi auf die Knie, dreht sich, verschwurschtelt seine Arme, geht wieder hoch, beugt sich vor, bückt sich, stellt sich wieder aufrecht hin, schlägt sich ins Gesicht und wiederholt dies. Hinzu kommt seine etwas verstörende Angewohnheit, hin und wieder mit der Stimme so richtig, richtig, richtig tief zu gehen und zu gröhlen, die eine Nachgeburt des Teufels. Abgefahren - aber eben auch ziemlich gut. Julian und ich haben es dann versucht, ein bisschen nachzumachen. Haben uns fast Schulter ausgerenkt und Oberschenkel ausgekugelt.

futureislands

#09 Lissabon an sich
lisbocollageLisboa - querida, querida Lisboa. Eine der schönsten Städte mit der wohl besten Mentalität der ganzen Welt: alles ist irgendwie cool so, wie es ist, deswegen muss man aber nicht hyper-fröhlich sein und das Leben inflationär zu Tode lieben. Man nimmt es einfach mit 'nem lässigen "pois" und Achselzucken hin und genießt schlichtweg den Moment, in dem gerade nicht alles scheiße ist. Es ist diese schwebende, süße Melancholie, die die Menschen dort so sympathisch macht. Und das Lebensgefühl erst: Man hockt einfach, da, auf irgendeinem Miradouro (Aussichtspunkt), schaut auf die Stadt oder den Tejo und sinniert ein bisschen über das Leben. Alles ist gut. In einer Welt, in der man alles mit vollem Herzen hypen muss, in einer Welt, in der man Gefallen nicht mehr einfach mit einem Lächeln hinnehmen kann, sondern es gleich rausschreien, beziehungsweise posten muss, ist dieser Gedanke, etwas bescheiden, aber trotzdem nicht weniger intensiv zu lieben, einfach wundervoll.

Doch um das zu verstehen, muss man wirklich mal dort gewesen sein. Man muss in den kleinen Cafés und Restaurants gewesen sein, die keinen großen Eindruck von außen machen, weil sie A) recht simpel eingerichtet sind und B) fast nur alte Menschen darin sitzen. Jedoch A) hält dies nur nervige, aufgedrehte Touristen ab, sich dort niederzulassen und B) wissen alte Menschen eben am genauesten Bescheid, wo es das beste Essen gibt. Man muss sich auch eine vierte Mahlzeit am Tag gönnen, den Lanchinho, mit einer Bica (sowas wie Espresso) und einem Pastel de Nata, zum Beispiel, am besten in einem Kiosk auf irgendeiner der zahlreichen Terrassen. Man muss sich einmal komplett in der Stadt verirren, einfach gehen und sich jedes Haus und vorallem die bunte, aber doch etwas heruntergekommene Schönheit der Stadt einprägen, die engen Gässchen, die ganzen Grafittis, die gelben alten Trambahnen und auf dem etwas zu willkürlichem und rutschigen Pflasterstein rumstolpern. Na herrlich, nun habe ich wieder Fernweh.

Noch mehr Bilder aus Lissabon und vom Festival findet ihr übrigens HIER, auf Instagram.


#10 Die Enttäuschung um Flume
Der einzige enttäuschende Act, den ich gesehen habe, war - und mir blutet dabei fast das Herz - Flume. Seit er Anfang 2012 so langsam aus Australien nach Europa schwappte, waren Julian und ich riesen Fans und haben ungefähr allem entgegen gefiebert, was er von nun an veröffentlichte. Als er sich dann mit Chet Faker zusammenschloß war das für uns so ziemlich die musikalische Nonplusultra-Kombination. Doch langsam rieche ich da einen Braten, der mir Magenschmerzen bereitet. Ich habe nämlich den Verdacht, dass sich Flume zu sehr an der Masse orientiert - jetzt, wo er weiß, wie gut er mit seinen Brettern ankommt - und sich sein Klang so nach und nach zu einem Großraum-Soundbrei entwickelt. Das Konzert auf dem NOS war eigentlich schon die perfekte Bestätigung.

Ihr glaubt ja gar nicht, wie sehr ich mich auf Flume gefreut habe (wie wahnsinnig). Aber schon als er den ersten Track aufgelegt, nein, nein, ich meine: angeschalten hat, wusste ich, dass das nicht gut enden wird. Flume machte nämlich, glaubt es oder glaubt es nicht, Flume machte tatsächlich David Guetta Moves! Heißt, dass er wie wild am Pult rumfuchtelte, dann die Hände in die Luft warf, vor das Pult trat, klatschte und irgendwas ins Mikro wie "ooooaaaaääääääääh Lisboooooooooon, you thääääööööööre?!" schrie. Ganz nebenbei. Die Musik lief dabei natürlich ganz normal weiter. Wenn das Set nicht vorher schön Daheim abgemischt wurde.. dann. Dann weiß ich auch nicht. Ich war auf jeden Fall ziemlich enttäuscht, weil mir Flume immer so sympathisch war, weil er eben wie dieser nerdige DJ/Produzent wirkte, der Musik wirklich mit seinem Herzblut macht und sich dementsprechend auch auf der Bühne verhält. Naja. Wenigstens die Visuals waren genial!


Alles in Allem war's aber doch wieder fabelhaft und Julian und ich leiden gerade ziemlich stark unter der Post-Festival-Depression. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr. Und den offiziellen Aftermovie! Vorerst hier mal noch einen kleinen Eindruck vom ersten Festivaltag: