egoBlog
Traumata
Montag, 21. September 2015, 09:20 Uhr

Die Kindheitstraumata der Redaktion

Warum wir so sind, wie wir sind

Wir sind alle ein bisschen kaputt in der Redaktion. Viele zittern unkontrolliert, manche schlagen ab und an mit dem Kopf auf die Tischkante. Woran das liegt, haben wir jetzt in einem Sitzkreis herausgefunden. Die Wurzel allen Übels liegt in unserer Kindheit. Vielen Dank Mama & Papa…


Paul und das Ameisenradio
Ich habe früher furchtbar gern Ameisen zertrampelt, ich habe über Leben und Tod entschieden. Mein Opa hat mir dann irgendwann erzählt, dass es ein Ameisenradio gibt und die Ameisen sich austauschen. Als dann Spielsachen von mir verschwunden sind, hat er behauptet, meine Teufelstaten wären im Ameisenradio gelaufen und die hätten mir dann die Sachen weggenommen. Ich war ziemlich verstört und habe seitdem keine Ameise mehr zertreten. Sind ja auch echt heftige Kerlchen, wenn man mal drüber nachdenkt, was die so tragen können. Auch Jahre später musste ich mir noch jedes Mal, wenn er mich wegen irgendwas verarscht hat am Ende den Satz anhören "Das kam bestimmt im Ameisenradio"...


Sandra und die Kabaverarsche
Kaba war bei uns immer ein knappes Gut. Meine Eltern kauften nur ab und zu eine Packung und bis dahin mussten mein Bruder und ich ziemlich haushalten. Mein Bruder, des Lesens bereits mächtig und von teuflischer Energie getrieben, erzählte mir, dass auf den Kaba Packungen ein großer Warnhinweis geschrieben stand, der ausdrücklich vor dem Genuss von mehr als 2 Löffeln des braunen Goldes auf einmal warnte.
Ich war natürlich der festen Überzeugung, dass mein Bruder nur das Beste für mich wollte und fragte ihn bei jedem Löffel, ob das nicht schon zu viel sei worauf er nur antwortete, es könne schon ein bisschen weniger sein.
Während ich also meine leicht braune, kabaartige Plörre trank, hatte mein Brüderchen 80% der Packung für sich allein. Erst Jahre später, als auch ich endlich lesen konnte, erfuhr ich von meinem Unglück.

Lola und Ritter Kunibert
Auf dem Grundstück meiner Eltern gibt es eine Palisade aus Holz. Und um den Hang dahinter richtig zu bewässern, hat mein Vater da wohl einen Gartenschlauch verlegt. Von vorne nicht zu sehen. Jahrelang hab ich geglaubt, dass in dieser Mauer ein Geist lebt mit den Namen Ritter Kunibert. Wie ich auf so ne beknackte Idee gekommen bin? Mein Vater und mein Opa haben sich einen Spaß daraus gemacht, immer wieder mal durch diesen verstecken Gartenschlauch mit mir und meinem Bruder zu reden. Da das Ende des Schlauchs um eine Hausecke lag, kam uns da auch nie ein großer Verdacht. Ich habe teilweise stundenlang vor dieser Holzmauer gesessen
und habe mich mit Ritter Kunibert unterhalten…. Irgendwann wurde die Mauer erneuert und Ritter Kunibert war verschwunden. Jahrelang hatte ich ihn auch fast vergessen, doch als ich etwa 15 war, ist mir die ganze Sache wieder in Erinnerung gekommen. Als ich meinen Vater darauf angesprochen hab, ist er endlich mal mit der Wahrheit rausgerückt….Danke dafür…

Und noch einer: mein Vater war ein ziemlicher Scherzkeks. Als wir Urlaub an der Nordsee gemacht haben, wollte ich gerne wissen, wie das so is mit Ebbe und Flut. Da war ich vielleicht 6 Jahre alt. Mein Dad meinte nur: "Das is hier so. Wenn du abends ein Glas Wasser ins Bad stellst, dann ist das morgens leer, und am Abend wieder voll."
Das musste ich natürlich ausprobieren. Und tatsächlich war das Glas Wasser am nächsten Morgen leer. (Nachdem mein Vater extra nachts aufgestanden ist, um es wegzuschütten)
War ziemlich toll, als wir das Thema in der Schule hatten, und ich darauf bestanden hab, dass meine Version von Ebbe und Flut definitiv die Richtige ist….

Elise und das Massaker
Elise - 8 Jahre alt - steht vor dem Kaninchen-Meerschweinchen-Gehege der Cousine. Mit den Händen voller Löwenzahn und Klee - völlig versunken in das niedliche Herumgehopse der drei süssen Kaninchen und zwei Meerschweinchen. Hinter mir ein Bellen - der Jagdhund des Onkels - warum so nah? Neben mir springt das braunschwarze Tier knurrend in den Kleintierstall und schafft es innerhalb von einer Minute ein Gemetzel zu zaubern - schlimmer als Reservoir Dogs und Saw 1-7. Ich stehe noch drei weitere Schreckensminuten einfach da und beobachtete das fröhliche treiben des Hundes, bis ich dann schreiend weglaufe und seitdem einen weiten Bogen um Kleintiere mache.....Hunde finde ich aber immernoch toll.

Anna Häberle und der Falsche Name
Entweder wohnt man im tiefsten schwäbischen Land oder man war 1931 kulturell interessiert. Dann könnte – könnte! – man die beiden Kabarettisten Häberle & Pfleiderer kennen. Eine Art Dick & Doof.
Mein Vater kommt aus dem tiefsten Schwäbischen – also kann er mit diesem Duo durchaus was anfangen.
1980 wurde ich geboren – in Heidelberg. Also weit weg vom schwäbischen Hinterland, wo Häberle & Pfleiderer null bekannt waren und nach wie vor sind.
Wenn man meinen Vater fragt, wie man denn Häberle schreibt, dann ist seine Antwort: Na, wie Pfleiderer! Dass manche Leute ihn daraufhin mit Fragezeichen in den Augen anschauen und ihn mit einem milden Lächeln abnicken, ist ihm nicht so wirklich bewusst.
So kams also, dass mir früh gesagt wurde: Kind, wenn dich jemand fragt, wie man Häberle schreibt, dann sag einfach „Wie Pfleiderer“.  Dann sparst du dir das Buchstabieren (was grundsätzlich schon kompliziert genug ist).
So wurde ich losgeschickt zum Gebügelte-Wäsche-Abholen, zum Semmeln-Sonntagmorgens-Abholen oder zum Kinokarten-Reservieren. Tatsächlich fragten mich die Leute immer: Häberle? Mit ä oder e oder wie schreibt man das? So stand ich als 8-jährige vor den Leuten und sagte völlig selbstverständlich: „Wie Pfleiderer“. Wie bitte? Wie schreibt mans? „Na wie Pflei-der-er“. Irgendwie wurden die Semmeln dann doch gefunden, die Wäsche irgendwie mir zugeordnet und die Kinokarten wurden auf meinen Vornamen reserviert.
Papa, ich hab dich lieb, aber sei mir nicht böse, dass ich meiner Tochter das Häberle-Trauma ersparen will und nächstes Jahr meinen Nachnamen bei meiner Hochzeit abgebe!
Dann heiße ich nämlich Fasciani. Wie man das schreibt, Papa? Ganz einfach. Wie Pfleiderer!

Anna Lindener und die Schocktherapie
Wo soll ich mit meinen Traumata anfangen. An den meisten sind eigentlich meine Brüder Schuld, hier nur einmal ein kleiner Auszug an den Dingen, vor denen ich wegen ihnen Angst oder Ekel verspüre: Rote Laser Pointer, Freiraum unterm Bett, Pudel, Heizungsräume, diese komischen weißen Popel im Eiweiß, aufgewirbelter Sand im Meer und ich bin mir sicher, dass sie auch irgendetwas mit meiner Luftballon-Phobie zu tun haben.
In diesem Blog soll es aber ja eher weniger um Geschwister gehen, sondern viel mehr um Eltern. Und da wären wir: Wegen meiner Mutter habe ich diesen Tick, keine Bodenritzen (und erst recht keine Schienen) zu berühren. Nämlich war es so: Meine Mutter hat mir gesagt, dass es sein kann, dass man einen furchtbaren Elektroschock bekommt, wenn man eben Schienen betritt. Es folgte eine kleine Erläuterung der grauenhaften Schmerzen eines Elektroschocks. Diese Angst, keine Schienen zu betreten, hat sich schließlich auch auf Bodenritzen übertragen. Ja. Danke Mutter.


Bildquelle: Flickr | ALexander Normand,Noland Tears | by cc2.0