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Mittwoch, 23. September 2015, 00:00 Uhr

Wie du deine Credibility als "Musiknerd" stärkst

Level-Up

Phrasen wie "Das erste Album war immer noch das beste" und "Ich kannte sie, bevor sie groß waren" beherrscht mittlerweile jeder. Es ist nun an der Zeit, das prätentiöse Musiknerdtum auf ein neues Level zu bringen. Wir haben da mal was zusammengeschrieben.

In dieser Anleitung geht es nicht darum, sich einfach einen Plattenspieler zu kaufen. Das kann und macht mittlerweile sowieso jeder. Hier geht es um richtig deepes Zeug. Jenes, das dich wirklich kredibel erscheinen lässt - aber möglicherweise auch dazu führt, dass sich bald keine Sau (erstrecht kein echter Musiknerd) mehr mit dir unterhalten will. Win-Win, also. Denn niemand nervt mehr als ein Mensch, der derart verkrampft in seinem Musiknerdtum ist und damit alle anderen schlecht und unwissend fühlen lässt (hey, wir wollen nicht drüber reden).

#01 Lerne Bands kennen, die sonst keinem Schwein bekannt sind
Hilfreich ist dabei Forgotify - eine Seite, die dir Songs präsentiert, die auf Spotify noch kein einziges Mal abgespielt wurden. Hör dich einfach mal durch und notiere jeden Künstler, dessen Musik einigermaßen okay ist. Sollte dich dann wieder einer dieser wahnsinnigen Musiknerds mit irgendwelchen euch unbekannten Künstlern in die Ecke drängen, haust du einfach ein paar von denen raus - bleib dabei aber ernst und tu ganz verstört, wenn er sie nicht kennt.

#02 Schwärme (im Notfall) von ganz offensichtlich grausamer Musik
Oder noch besser: Schwärme von ganz offensichtlich gar keiner Musik. Die Rede ist von John Cage. Sorry, falls wir dich als harten Groupie verletzen sollten, aber John Cage macht bei bestem Willen keine Musik. Da, hör doch selbst:



Aber noch viel wichtiger: Wenn er mal Musik macht, macht er (wissentlich) ziemlich grausame Musik. So setzen sich manche Stücke aus den Noten zwischen den eigentlichen, miteinander harmonierenden Noten zusammen. Das kommt dir aber ziemlich gut. Nämlich folgendes: Lass dir nicht anmerken, dass diese Stücke ganz offensichtlich grauenhaft sind. Und immer, wenn ein Musiknerd die Diskussion mit Worten wie "Ach, du hast ja gar keine Ahnung, das ist Kunst und einfach viel zu hoch für dich" beenden will, schmeißt du einfach sowas wie John Cage in den Raum. Das sollte sie für eine Weile außer Gefecht setzen.

#03 Stehe zu Guilty Pleasures
Damit meinen wir nicht, dass du die DJs fortan mit Songs deiner Bravo Hits nerven sollst - allzu viel und allzu oft solltest du damit nicht hausieren gehen. Streue Guilty Pleasures einfach mal hin und wieder in Gespräche über Musik, provozier dabei ruhig etwas und geh aufs Ganze (zum Beispiel mit sowas wie "Eine Insel mit zwei Bergen" von Dolls United). Dein Ziel soll es nämlich sein, dass sich jemand darüber lustig macht. Dann kannst du nämlich sowas sagen wie: "Ich denke nicht, dass man wirklich sagen kann, dass dieser oder überhaupt ein Song scheiße ist. Musikgeschmäcker sind immerhin verschieden und verkopfte Meinungen braucht keiner. Es gilt, eine Meinungsvielfalt zu wahren. Wer sagt, dass du die einzig richtige Meinung hast? Und mit ihrer Attitüde und den diversen Klang-Elementen kann man sie durch in dem ein oder anderen Punkt als Pioniere und Inspiration für kontemporäre Musik bezeichnen. Bla blubbedi bla..." (Oh, bitte hab dazu eine Brille auf, die du dir vor deinem ultra philosophischen Monolog erst abziehst und dann denkerisch ans Kinn hältst).
Du musst nur selbstsicher und Arsch genug dabei sein, dann ist dir der Respekt sicher.

#04 Nimm auf Facebook an so vielen Konzertveranstaltungen unbekannter(er) Künstler wie möglich teil
Natürlich sollten diese aber gut und nicht einfach wahlloser Schmarrn sein. Es geht darum, all deinen Facebook-Freunden zu zeigen, wie sehr du dich über musikalische Events auf dem Laufenden hältst. Dazu solltest du auch möglichst früh zusagen - am besten bist du unter den ersten zehn Teilnehmern. Dann denken deine Freunde nämlich (über die Tatsache hinaus, dass du ziemlich viele unbekanntere Bands kennst), dass du schon so deep in der Musikszene deiner Stadt drin bist, dass du die Einladungen zu den Konzerten schon von den Konzertveranstaltern persönlich bekommst. Lade dann auch Leute dazu ein, denen du imponieren willst. Das zieht nochmal doppelt so viel. Und! Ganz wichtig: Nimm auch an Konzertveranstaltungen außerhalb deiner Heimatstadt teil, also zum Beispiel in Paris, Marseille oder gar Peking. So erweckst du den Eindruck, dass du Musiknerd Level 500 bist und dir für Live-Musik deiner Lieblingsband keine Reise zu weit ist.

#05 Kaufe dir Shirts von unbekannteren Bands
Ja klar, ungefähr jeder zweite Sepp läuft mit einem Ramones, Rolling Stones oder Nirvana Shirt von irgendeinem Klamottenramschladen rum, dass es mittlerweile wirklich schon peinlich ist. Wir sollten aber nicht aufhören, uns dadurch entmutigen zu lassen. Wir sollten zu unserer Musik-Credibility ganz offen stehen und sie jedem vor Augen führen - ohne dabei aber einen schlechten Stil zu haben. Deswegen gilt auch hier, Shirts von unbekannteren Musikern zu kaufen. Wir empfehlen ja Künstler wie Slow Magic und OFWGKTA. Die haben nämlich den stilvollsten Merch.

#06 Steigere deine Euphorie
Musiknerds sind ja bekanntlich die coolsten Säue auf Erden und gehen mit Emotionen recht geizig um - bis es eben um Musik geht, dann flippen sie komplett aus und stürzen sich in Schwärmereien. Wenn du sie zum Beispiel fragst, warum ihrer Meinung nach die Husbands die beste Band der Welt seien, fangen sie an die Geschichte, die Komposition, Einflüsse und Besonderheiten bis ins kleinste Detail zu erläutern. Dabei setzen sie ein schwärmerisches Gesicht auf, um auch jedem klar zu machen, WIE TOLL diese Band ist und WIE VIEL Ahnung sie davon haben. Kannst du auch. Am besten du bringst das aber auf ein ganz neues Level: Such dir am besten auch hier Künstler aus Forgotify raus. Umso besser, wenn es über die noch nichts im Internet gibt - dann kannst du nämlich einfach alles frei erfinden.....

#07 Hasse die Songempfehlungen deiner Freunde
Sei es der Nahrungsexperte, Schlafexperte oder eben der Musikexperte - alle Existenzen bestehen in dem Sinn, einfach alles scheiße und falsch zu finden, was du, also der N00b sagst. Schließlich hast du keinen Doktor in Essen gemacht und auch keine fünftausend Stunden auf Soundcloud verbracht. Eine unerträgliche Eigenschaft von diesen Musiknerds ist es deswegen, dass sie eine sehr taktlose Art und Weise haben zu sagen, dass sie den Song, den du ihnen gerade geschickt hast und auf dessen Entdeckung du sehr stolz bist, einfach kacke finden. Ohne dies wirklich begründen zu können. Du siehst also: Als richtiger Musiknerd geht es nicht darum, selbst wirklich ein Musiknerd zu sein. Es geht größtenteils einfach darum, die anderen klein zu machen. Das ist nicht schön aber hey, wir haben nie gesagt, dass man keinen Pakt mit dem Teufel eingehen muss, um kredibel zu wirken.

#08 Lerne, musikwissenschaftliche Ausdrücke zu gebrauchen
Staccato, Legato, Portato, Potatoe: All diese herrlichen Begriffe, mit denen du bereits im schulischen Musikunterricht gequält wurdest, darfst du nochmal auswendig lernen - sofern du es wirklich ernst damit meinst, ein Musiknerd 2.0 zu werden. Dann musst du dich nämlich nicht einfach auf die schwammigen Gefühle berufen, die die Musik in dir auslöst.
Ach weißt du, eigentlich musst du die Wörter nichtmal richtig benutzen können. Weiß ja eh keiner mehr, was das alles bedeutet.

#09 Steh dazu, wenn du mal wen nicht kennst
Ganz wichtig: Menschen werden dir - dem kredibilen Musiknerd par excellence - Fallen stellen. Denn Menschen können keine pedantischen Menschen leiden. Verrückt, oder?
Deswegen: Steh ruhig dazu, wenn du mal eine Band nicht kennst und sie dir auch vom Namen her absolut nichts sagst. Dann kann dir auch folgendes nicht passieren:



#10 Verfolge unsere Rubrik "Weltbekannt in..."
Ohja. Nichts schindet derart großen Eindruck wie die Fähigkeit, notfalls eine viertelstündige Power Point Präsentation über moderne Musik aus Honduras halten zu können. Aber mach dir keine Sorgen, allzu große Arbeit musst du dir dabei nicht machen. Schau einfach regelmäßig in unserer Rubrik "Weltbekannt in..." vorbei - dort stellen wir jede Woche fünf Künstler aus Ländern vor, die man musikalisch nicht so auf dem Radar hat. Mexiko zum Beispiel. Oder Syrien.


+++++ Obacht: Der Text könnte Spuren von Ironie enthalten +++++



Bildquelle: 
Flickr | Amy Carter | cc by 2.0