egoBlog
PrayForParis
Montag, 16. November 2015, 14:10 Uhr

Über Paris sprechen oder nicht?

Gedanken der egoFM-Redaktion an diesem Montag

Über Paris sprechen? Oder es gar nicht thematisieren? Spielen wir einfach mehr französische Musik? Aber warum dann keine Libanesische? Müssen wir als Medium das Thema öffentlich machen? Wir wissen es nicht. Wie seht ihr das?

egoFM -  für viele von euch sind wir der Wecker, der euch an einem Montagmorgen mit Musik aus dem Bett holt. Oder der Begleiter, der euch auf dem Weg zur Arbeit erzählt, welche Alben diese Woche herauskommen werden. Wir berichten über Startups, die versuchen die Welt ein bisschen besser zu machen, über skurrile Dinge, die uns schmunzeln lassen, über Bands, ihre Touren und ihre Musik.
In den letzten Wochen haben wir im Zusammenhang mit unserer Rubrik "Stadt, Land, Club" sehr viel über die besten nationalen und internationalen Konzertvenues berichtet und euch die schönsten Clubkonzerte empfohlen.

An diesem Montag fragten wir uns in der Redaktionskonferenz: Was machen wir mit dieser Rubrik? Sollen wir sie aussetzen? Wenn ja, wie lange und ist das scheinheilig oder angebracht? Unsere Nachrichten berichten zwar über das politische Weltgeschehen, in unseren Moderationen haben wir Politik bislang aber weitestgehend herausgehalten. Nicht, weil es uns nicht interessiert, sondern weil es andere besser können. Unsere Lebenswelt, das, mit dem wir uns auskennen, sind die Bands, die wir gut finden, die Locations, in denen wir an einem Freitagabend feiern gehen, die Clubs, die wir euch empfehlen, die Freiheiten, die wir zelebrieren, die Gefühle, die wir mit Musik im Radio, auf Vinyl oder auf Konzerten erleben - all das war mit politischen Zusammenhängen im weitesten Sinne schon immer verknüpft. Aber einbezogen haben wir es nie - bewusst.
Und jetzt, kann man das weiter so machen? Ein unpolitisches Programm fahren.

Wir sind betroffen über das, was vergangenen Freitag in Paris geschehen ist. Es gibt unzählige schlimme Ereignisse auf der Welt, aber selten war etwas fühlbar so nah für uns. Einerseits geografisch, andererseits so nah an unserer Lebenswelt. Einige von uns standen gerade selbst in einem überfüllten Konzertsaal, als wir am Freitagabend die Nachricht gelesen haben. Wir lieben die Eagles of Death Metal, wir hätten uns sehr über einen Studiobesuch gefreut (sie hätten am Donnerstag in München gespielt und wir hatten einen Interviewtermin angefragt), wir haben Freunde in Paris und viele von uns waren schon oft in Paris.
Wir haben uns privat im Freundeskreis und in unseren Familien am vergangenen Wochenende emotionale Diskussionen über die Geschehnisse geliefert. Und wir haben auch festgestellt, dass wir - auf persönlicher Ebene - nicht zu jeder Zeit für diese Meldungen aufnahmebereit sind.

Also, was machen wir als egoFM-Team an diesem Montag mit dieser Betroffenheit? Wir sind kein Nachrichtensender, das ist nicht unsere Kernkompetenz und das erwartet auch niemand von uns. Wir können die Ereignisse aber auch nicht ignorieren, weil es uns eben real beschäftigt. In unserer Lebenswelt. Vielleicht spielen wir einfach mehr französische Musik? Aber warum dann keine Libanesische - im Hinblick auf die Anschläge in Beirut? Können wir euch zumuten, dass ihr euch auch noch auf diesem Kanal damit beschäftigen müsst? Soll der Kern des Senders, die Musik, dem Thema Terror wirklich Platz machen? Oder sollten wir viel eher ein möglichst normales Programm spielen und den Nachrichtensendern die Berichterstattung überlassen? Sollen wir die Reaktionen der Musiker wiedergeben oder sind das nicht einfach auch nur Reaktionen von Menschen, die geschockt sind? Nehmen wir im Endeffekt Musiker nur dazu her, um doch eine Thematisierung zu rechtfertigen?

Müssen wir uns seltsam fühlen, wenn wir euch heute zu Konzerten mitnehmen? Können wir guten Gewissens über unseren Lieblingstonträger der Woche sprechen, wenn doch eigentlich andere Fragen im Raum stehen? Sollen wir die bereits starke Präsenz dieser schrecklichen Tat in den Medien noch befeuern? Sollen wir sagen, wie schrecklich wir es finden, dass die "Bild" ein unverpixeltes Foto der Opfer auf ihrer Titelseite zeigt?

Sollen wir...? Müssten wir nicht eigentlich...? Wir haben uns entschieden, unsere Überforderung an diesem Montag mit euch zu besprechen, weil es uns erleichtert und wir eure Meinung dazu hören wollen. Wir haben uns außerdem entschieden, das Programm so normal wie möglich zu halten - wir werden nichts tun als durch Musik an unser Nachbarland zu erinnern. Und wir wollen diskutieren.


Helft uns gerne dabei. Wie viel wollt ihr, und wie viel könnt ihr ertragen, was wollt ihr hören, und was nicht? Wir freuen uns auf eure Meinungen: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Eure egoFM-Redaktion