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Freitag, 08. Januar 2016, 09:00 Uhr

"Mein Kampf" erscheint als kritische Edition

Muss man sich damit heute noch beschäftigen?

Die Urheberrechte für Hitlers "Mein Kampf" unterliegen seit Anfang des Jahres nicht mehr dem Freistaat Bayern. Heute erscheint eine kommentierte Edition des Buches.

"Fuck, vollkommen falscher Zeitpunkt" - das war mein erster Gedanke. Der zweite Gedanke dann, dass es natürlich nie einen richtigen Zeitpunkt für dieses Scheißbuch gab. Ein besonders schlechter Zeitpunkt scheint es mir aber momentan zu sein, weil alles so fragil ist - die Gemüter sind verunsichert und das politische Weltgeschehen ist chaotisch, auch in Europa.

Vielleicht ist die Relevanz des Buches längst nicht mehr gegeben, vielleicht muss man sich damit überhaupt nicht mehr beschäftigen?
Vielleicht ist Hitlers Pamphlet aber doch noch relevant und fällt erneut auf - wie man so schön sagt - fruchtbaren Boden.

Davor graut es mir.


"Springtime for Hitler" aus dem Satirefilm "The Producers" von 1968.


Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" ist seit heute wieder legal in Deutschland erhältlich. 
Die Urheberrechte lagen seit der Nachkriegszeit beim Freistaat Bayern, dem Rechtsnachfolger des Münchner Franz-Eher-Verlags - der Zentralverlag der NSDAP. Das bayerische Finanzministerium ist bisher damit umgegangen, wie es die Allierten nach dem zweiten Weltkrieg wollten: es durfte während der letzten 70 Jahre in Deutschland nicht mehr verlegt werden.

Seit dem 1. Januar 2016 ist das Buch wieder gemeinfrei. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte bringt heute eine kritische Edition von "Mein Kampf" heraus, damit der "Zünder aus einer alten Granate ausgebaut" wird. Das Buch soll entmythologisiert werden - mit Vorwort und Anmerkungen.

Natürlich hat man, wenn man wirklich wollte, das Buch bisher auch unter der Hand bekommen - jetzt bekommt man es aber ganz einfach, zum Beispiel im Hugendubel. Geht man da dann einfach rein, nimmt es aus dem Regal und läuft damit zur Kasse? Oder bestellt man es lieber aus Angst damit gesehen zu werden online? Würde man es dann in der U-Bahn lesen oder lieber versteckt zu Hause? Wieso würde man es überhaupt lesen wollen?

Ich will es lesen. Weil mich der Inhalt interessiert, die Gedankengänge Hitlers und weil man in der kritischen Edition etwas zu den Hintergründen erfährt. Ich denke, es bleibt wichtig, sich damit zu beschäftigen.

Man denkt, so eine menschliche Katastrophe wie damals kann nicht mehr passieren. Ich denke, man sollte Gruppendynamiken nicht unterschätzen. Wo früher gegen Juden gehetzt wurde, hetzt man heute gegen Einwanderer, Flüchtlinge, Ausländer.
"Die wollen sich doch nur bereichern", "Das sind zuviele, uns geht' s bald auch nicht mehr gut", "Wir haben ja nichts gegen die Fremden, aber Angst machen sie uns schon". Ich verstehe einige dieser Kommentare. Niemand ist vor solchen Gedanke gefeit. Ich glaube nur ernsthaft, dass unsere Generation und die Generation unserer Eltern nicht viel aus dem zweiten Weltkrieg gelernt haben - einfach weil ihn die wenigstens miterlebt haben. Wir wissen weder, was es bedeutet im Krieg zu leben, noch wie Krieg eigentlich zustande kommt und - das ist vielleicht am wichtigsten - wir wissen nicht, wie wir uns in Extremsituationen gegenüber anderen Menschen verhalten würden.
Wir unterschätzen, wie schnell sich Gruppendynamiken zu einer unkontrollierbaren Situation hochschaukeln können. Und da ist der Link zu Hitlers Buch und der Zeit, in der es entstanden ist.

Man kann es Kulturpessimismus nennen aber Menschen denken einfach, sagen einfach Dinge, von denen sie, in einer difusen globalen Welt nicht den Zusammenhang überblicken können. Sie können allgemein wenig wissen, behaupten aber viel. Das ist das Gefährliche - Aussagen sind immer auch Handlungen, sie machen etwas mit der Welt.

Krautreporter haben zu den englischsprachigen unkommentierten Ausgaben ein paar Amazon Buchrezensionen gesammelt. Fun Fact: man kann sie mit fünf Sternen bewerben.

Hier die fünf besten Kommentare ( Achtung - keine Satire).

Als hätte ich gerade fünf Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis auf Planet Pobacke verbracht.
Echt langweilig erzählt – und eine vielleicht zu einseitige Sicht?
Ich würde dieses Buch nicht für die Allgemeinheit empfehlen. Der Autor ist kein Intellektueller.
Ich konnte nicht umhin, hier und da ein wenig Rassismus zu bemerken.
Adolf Hitlers Leben zeigt, wie Menschen ihre Existenz sichern und wie sie im Leben kämpfen. Wie ein Mensch sein Ziel trotz harter Umstände erreichen kann.
hitler

Die rechte Szene lebt weltweit auf ist und das sollte man nicht aus dem Blick verlieren. Grenzen werden geschlossen. Das ist nicht faschistisch, aber es ist national. Nationaler als wir es in den letzten 25 Jahren erlebt haben.  

"Mein Kampf" ist deshalb weiter relevant, weil ein europäisches Selbstverständnis entstanden ist, dass so etwas nicht wieder passieren kann - vor allem nicht in Deutschland. Aber ich glaube, das stimmt nicht. 
Hitler ist nicht so out, wie manche denken mögen, sondern steht immer noch als Symbol.


Bildquelle: Flickr| "Hitler Street Art" von Freenerd | cc by 2.0