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Handy_fl
Donnerstag, 11. Februar 2016, 12:00 Uhr

Weisheiten einer Handylosen

Wie lässt es sich ohne Handy aushalten?

(Fast) jeder von uns hat eins und würde sehr ungern darauf verzichen. Aber was passiert eigentlich, wenn man plötzlich auf sein Handy verzichten muss? Unsere Praktikantin Daphne bloggt.


Kurze Zusammenfassung der Geschehnisse

Mein Handy ist mir auf dem Oktoberfest ins Wasser gefallen. Das ist tatsächlich bei der Arbeit passiert und hatte nichts mit einer Bierkrug-Anekdote zu tun. So musste ich notgedrungen mehrere Woche ohne Handy zurecht kommen, da ich kein Zweithandy zur Hand hatte und mir auf die Schnelle kein Neues kaufen konnte.

Wie einer meiner heimlichen Lieblingskünstler Passenger schon sagte:

Only know you love her when you let her go.
Damit will ich nicht sagen, dass ich absolut vernarrt in mein Handy bin, geliebt habe ich es trotzdem. Es gibt mir soviel, denn...

Ich verwende es für Telefonate und Nachrichten - aber das ist ja offensichtlich. Weniger offensichtlich war für mich aber, dass damit auch jegliche kurzfristige Spontan-Navigation erschwert werden würde. Sowas wie: "Wo war nochmal das nette Café von letzter Woche?" kann man getrost vergessen. Da muss man dann halt wieder die Straßenkarte rausholen und seinen mutmaßlichen Weg nachvollziehen. Viel Glück dabei.
Oder auch "Warte mal, hab gerade noch blabla wiedergetroffen. Brauche noch zehn Minuten" - das ist vollkommen tabu. Weil erstens heutzutage keiner mehr zehn Minuten wartet ohne benachrichtigt zu werden und ich zweitens ja auch niemanden benachrichtigen könnte. Pünktlichkeit wurde also meine Primärtugend in den letzten Wochen.

Der Handyverlust hat also erstmal für eine kurze Dauer meine Angwohnheiten ein bisschen durcheinander gewürfelt. Man verlässt sich eben schon krass aufs Immer-Erreichbar-Sein.
Im Urlaub oder bei Festivals macht man das Handy ja mal ganz gerne aus - oder hat halt keinen Empfang. Da ist man nicht unbedingt auf sein Handy angewiesen, weil man sich erstens um nichts kümmern muss und zweitens die Leute um sich hat, die in dem Moment auch am wichtigsten sind.

Keine Moralpredigt
Das wird jetzt kein Vortrag darüber wie schlecht die Handystrahlungen sind und dass wir am Ende alle ein drittes Doppelkinn und einen Quasimodo-Buckel vom Handykonsum bekommen. Mir sind einfach ein paar Sachen aufgefallen, die ich mit euch teilen möchte. Der ein oder andere mehr oder weniger freiwillige Handyverzichter wird mir da vielleicht zustimmen.

#1 Man kommt wieder in den Genuss, Menschen bei ihren (teilweise echt witzigen) Unterhaltungen in der S-Bahn zuzuhören.

#2 Man findet alternative Kommunikationsmittel: mündliche Vereinbarungen oder sogar Festnetzanrufe (Facebook ist ja was für Anfänger).

#3 Man plaudert mehr mit Leuten. Also vielleicht nicht ganz auf dem Oma-im-Supermakt-Niveau aber man ist im Allgemeinen einfach offener gegenüber Femden und quatscht auch gern mal mit seinem Warte-Nachbarn an der Bushaltetelle.

#4 Man wird pünktlicher und zuverlässiger, kurz durchgeben, dass man die S-Bahn doch nicht erwischt hat, weil man zu lange rumgetrödelt hat, funktioniert leider nicht.  

#5 Back to Old School. Man verwendet wieder mehr Papier und Stift, um sich Dinge zu merken (siehe Notizbücher oder Terminkalender). Vorteil davon: Der Akku geht nicht einfach mal aus, wenn man dringend etwas nachschauen muss. Was man natürlich auch machen kann, falls man wagemutig genug dafür ist, ist auch mal wieder sein Gedächtnis anzuschmeißen, um sich Termine oder Vereinbarungen zu merken.

#6 Zeit für sich haben, ohne ständig auf sein Handy zu schauen, weil man meint, es hat gerade vibriert. Man kann überrascht davon sein, wie viel und worüber man alles nachdenkt.

#7 Tatsächlich büßt man nicht seine komplette Spontanität ein. Wenn du beispielsweise gerade bei irgendjemandem in der Nähe bist, schaust du einfach mal vorbei, ganz ohne Ankündigung. Die Leute freuen sich auch tatsächlich darüber.

Kurzum, dieser Zeitabschnitt war am Anfang recht kompliziert und stressig aber ich habe mich daran gewöhnt. Auf längere Zeit gesehen wäre es aber vermutlich nicht so einfach gewesen, weil es inzwischen einfach vorausgesetzt wird, dass wir ein Handy besitzen und es uns tatsächlich vieles erleichtert. Aber da seit gestern die Fastenzeit angefangen hat, wäre das doch ein interessante Herausforderung, oder? Handy-fasten sozusagen.

 
Bildquelle: flickr l "Wrapped up with technology" von Mathew G l cc. by 2.0