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AdPTessRocholz
Dienstag, 08. März 2016, 09:00 Uhr

Frauen im Musikbusiness

Ein Gespräch mit Labelmanagerin Tess Rochholz

"Viele Frauen denken einfach sie müssten hübsch und sexy sein, um Musik machen zu dürfen" - Moderatorin Sandra hat sich mit Tess Rochholz von AdP Records zum Thema Frauen im Musikbusiness unterhalten:

Heute ist Weltfrauentag. Ein Tag, der zu Zeiten des ersten Weltkriegs als Initiative im Kampf um die Gleichberechtigung, das Wahlrecht für Frauen und die Emanzipation von Arbeiterinnen ins Leben gerufen wurde. Etwa hundert Jahre später frage ich mich, ob wir diesen Tag wirklich noch brauchen, noch brauchen sollten, und ob wir darüber sprechen sollten. Ich sehe mich ungern in der Rolle einer Feministin. Feministin klingt immer so, als wünschte man die Frauen an die Macht. Ja, aber nicht mehr an die Macht als Männer. Sondern einfach gleich.

Wenn ich durch unser Lokalhelden-Archiv blicke – dort sind jene lokalen Bands gesammelt, die sich mit ihrer Musik bei uns bewerben und dann sonntags von 15 bis 16 Uhr in die Sendung Lokalhelden bei Maria eingeladen werden – komme ich zu dem Entschluss, dass wir darüber reden müssen. Denn ein Großteil der Bandbewerbungen kommen von Männern. Bands, wie Claire oder Cosby mit weiblichen Frontfrauen sind selten, aber wie sich zeigt, nicht minder erfolgreich. Und auch wenn wir uns Festivallineups ansehen, bestehen diese größtenteils aus Männern. Woher kommt das? Und ist das gesamte Musikbusiness eine Männerdomäne? Das wollte ich zum Weltfrauentag wissen und habe mich daher mit Tess Rochholz unterhalten, Labelmangerin von AdP Records:


Interview mit Tess Rochholz (AdP Records)
Sandra Gern: Was ist bei AdP Records genau deine Aufgabe?
Tess Rochholz: Meine direkte Jobbeschreibung ist Labelmanagerin, ich bin verantwortlich für die Auswahl der Bands und für die Veröffentlichung von Platten.

SG: Welche Bands habt ihr denn auf eurem Label?
TR: Unsere bekannteste Band sind I Heart Sharks aus Berlin oder auch I Am Not A Band aus Berlin. Wir haben aber teilweise auch ausländische Künstler wie Bloodgroup aus Island, The Eclectic Moniker aus Dänemark, aber auch regionalere Künstler wie Wrongkong aus Nürnberg oder Wyoming aus Köln unter Vertrag.

SG: Wie bist du denn zu deinem Job im Musikbusiness gekommen?
TR: Das war ganz lustig, denn bevor ich angefangen habe in der Musikbranche zu arbeiten, war ich auch schon immer sehr musikinteressiert und deswegen auf einem Festival. Ich hatte für dieses Festival bei einem Gewinnspiel mitgemacht, da musste man so ein kleines Rätsel basteln und das habe ich zu einer Band gemacht, die ich damals kannte. Ich wurde dann vor Ort zu diesem Gewinnspiel und zu dieser Band befragt, das Ganze wurde gefilmt und im Fernsehen ausgestrahlt. Das hatte damals mein heutiger Kollege zufällig gesehen und hat mich daraufhin gefragt, ob ich nicht bei ihm mit einem Praktikum einsteigen möchte.

SG: Heute steckst du ja quasi mittendrin im Musikbusiness. Würdest du sagen, es ist eine sehr männerlastige Branche?
TR: Ja, ich finde schon, dass die Branche sehr von Männern dominiert ist. Ich habe damit jetzt kein Problem und es gibt auch viele Frauen, die in der Musikbranche arbeiten, aber gerade in Führungspositionen sind meistens die Männer am Zug. Das heißt, Frauen arbeiten zwar in der Musikbranche, aber nicht an den Schlüsselpositionen, wo Entscheidungen getroffen werden. Und das finde ich sehr schade.

SG: Was glaubst du, an was das liegt?
TR: Ich glaube das Frauenbild im Musikbusiness hängt sehr stark mit dem Frauenbild in der Gesellschaft zusammen. Ich kann es mir eigentlich nicht anders erklären, denn wir Frauen haben ja viel drauf und sind auch sehr kreativ, aber ich habe manchmal das Gefühl, Frauen trauen sich einfach nicht so nach vorne zu gehen. In der Gesellschaft ist immer noch verankert, dass Frauen in der Karriere eher zurückstecken müssen, gerade wenn irgendwann das Thema Familienplanung aufkommt. Außerdem überlegt man sich auf dem Independant Markt immer zwei Mal, ob man sich selbstständig macht, ob man das Risiko eingeht. Und Frauen sind da vielleicht weniger risikofreudig.

SG: Wie ist das denn bei euch im Team? Seid ihr mehr Männer oder mehr Frauen?
TR: Bei uns ist der Frauenanteil im Team relativ hoch, wir sind derzeit drei Frauen und ein Mann, vorher waren wir tatsächlich nur Frauen, aber natürlich besetzen wir hier die Stellen nicht gendertechnisch, sondern wir schauen, wer passt zu uns und wer hat eine Affinität für das, was wir tun.

SG: Und wie ist der Frauenanteil bei euren Bands?
TR: Es könnten durchaus mehr Frauen sein, aber ich denke, das liegt eher an den Bands selbst, und nicht so sehr an uns. Denn es gibt tatsächlich wenig Frauenbands oder wenige Frauen in Bands.

SG: Warum, glaubst du, ist das so?
TR: Ich denke, dass auch das ein gesellschaftliches Problem ist. Ich denke, dass sich viele Musikerinnen vor allem im Pop-Kontext in gewisse Geschlechterrollen gedrängt fühlen, das heißt, man muss irgendwie sexy sein, man muss gut aussehen und man muss alles super können, gerade Frauen sind da ja auch immer sehr selbstkritisch. Und ich glaube, dass den Frauen eben genau das vermittelt wird, wenn ihr nicht sexy seid und nicht gut ausseht, dann seid ihr auch keine guten Musiker. Ihnen wird erst gar nicht zugetraut, dass sie beispielsweise ein Instrument beherrschen oder technisch versiert sind.

SG: Jetzt hast du ja, um genau dem entgegen zu wirken, eine Organisation namens Music Industry Women ins Leben gerufen. Was macht die denn genau?
TR: Die hab ich nicht alleine ins Leben gerufen, sondern innerhalb des VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmen) in Kooperation mit der Berlin Music Commission. Wir sind im Vorstand vom VUT jetzt aktuell zwei Frauen (Désirée Vach und ich) , aber der war jahrelang wirklich nur von Männern besetzt. Und da haben wir uns gedacht, Désiré, Verena Blättermann aus der Geschäftsstelle und ich, das kann so nicht weitergehen, wir sind die Independents, wir sind unabhängig, deshalb müssen wir da etwas ändern. Wir fanden, dass das so kein Spiegelbild für die heutige Gesellschaft ist, deshalb wollten wir Frauen motivieren rauszugehen und sich für Führungspositionen zu bewerben. Und deshalb haben wir Music Industry Women gegründet.

SG: Wo hilft Music Industry Women denn in der Praxis?
TR: Wir haben beispielweise ein so genanntes sechsmonatiges Mentoring-Programm, das wir in Kooperation mit der Berlin Music Commission durchführen. Dafür haben wir Frauen aus der Musikbranche gesucht, die schon langjährige Erfahrung aus diesem Business mitbringen und die dann jeweils einen Mentee bekommen, also eine junge Frau, die ihre Karriere im Musikbusiness gerade erst startet. Diese Mentor-Mentee-Paare treffen sich dann monatlich, wodurch der Mentee vom Mentor lernen kann. Also, dadurch bekommen junge Frauen einfach eine Art große Schwester an die Hand, die sie alles fragen können.




Interessante Links
Artikel: Top 50 der erfolgreichsten Frauen im Musikbusiness 2015
Female Pressure
Österreichische Musikerinnendoku: Oh Yeah, She performs
Organisation: Music Industry Women
Mentoring-Programm von Music Industry Women
Festivallineups ohne Männer
Interview: Mit DJ Clara Moto
Artikel: Where are the female Producers

Quelle: AdP Records