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Dienstag, 26. April 2016, 05:05 Uhr

Entschuldigung, Sie stehen auf meinem Schlips.

Sophia bloggt

Eigentlich sind wir doch alle wohlerzogen. Warum wissen wir unter Fremden manchmal plötzlich nicht mehr, was angemessenes Verhalten ist? Der Verhaltensknigge.

Montags, halb 10 in Deutschland: eine Praktikantin auf dem Weg zur Arbeit knuspert gedankenverloren eine Schnitte aus Waffel, Milch und Haselnuss, als ein Herr einsteigt, der einfach nur ein Herr ist. Trotzdem: Wie ungewollte Nachrichten im Messenger ploppen die Fragen im Kopf der Praktikantin auf. „Sollte ich meinen Platz anbieten? Oder ist der Herr noch gar nicht so alt und fühlt sich dann angegriffen? Wieso bietet mein Sitznachbar nicht seinen Platz an? Kann der mich nicht einfach fragen? Oha, der Kerl gegenüber von mir hat mächtig Zahnpastaränder am Mund… soll ich dem das sagen? Oder ist das dann peinlich? Geht mich das überhaupt was an? Mist, der sieht aus, als würde er zu einem wichtigen Meeting fahren. Bin ich Schuld, wenn er da mit verschmiertem Mund ankommt? …Können die mich nicht alle man in Ruhe lassen? Ich hasse Montag!“ Die Zwickmühle mahlt. Logische Abfolge: Verwirrung – Zögern – Gewissensbiss – Trotz – Ärger.

Natürlich alles nur rein hypothetisch und zu Veranschaulichungszwecken völlig übertrieben. Aber auch nicht so ganz fernab der Realität. Und ohne da jetzt den Katalog der kulturellen Vorurteile aus dem Regal ziehen zu wollen – meiner Erfahrung nach hat Deutschland im internationalen Schlipsvergleich meistens den Längsten. Noch heißer wird die Sache, wenn es sich nicht um einen Zahnpastabart, sondern um einen Popel handelt, oder um einen offenen Hosenladen, oder um eine Schachtel Kondome, die jemandem im Vorbeigehen aus der Tasche fällt. Innerlich zappelt man auf einem brodelnden Fass aus unterdrückten Abwägungen und schwitzt im Wechselbad der Gefühle, aber von außen betrachtet sitzt da einfach nur jemand, der da einfach nur sitzt.

Woran liegt das? Irgendwie will man fremden Menschen nicht zu nahe treten. Vielleicht nur, um das Potential für Wohlwollen uns gegenüber nicht von vornherein zu zerstören. Bei Freunden kommt es und locker über die Lippen, beim Gegenüber im Bus finden wir plötzlich keine Worte mehr, um genau dieselbe Sache höflich genug zu verpacken.

Was also tun? Mit rationalen Denkversuchen kommen wir da nicht weit. Die Skala an Handlungsoptionen von 1 - „Wegschauen und ignorieren“ bis 10 - „Ohne Umschweife und in voller Lautstärke“ kann man ja auf unterschiedliche Weise betrachten. Bei manchen gilt die 1 als höflich, weil das Gesicht des anderen – zumindest für den Moment – gewahrt wird. Für andere wäre Verschweigen total unhöflich, weil es schließlich im Sinne des anderen ist, frühzeitig gewarnt zu werden. Unten an der Skala steht also Rücksichtnahme gegen Bringschuld, oben die Prävention von Peinlichkeiten gegen emotionales Trampeln, alles in allem, eine riesige Grauzone. Um elegant aus der Sache rauszukommen, müsste man wohl einschätzen können, wie der andere die Sache sieht, ob er oder sie eher dankbar oder eher peinlich berührt wäre. Nur handelt es sich beim Sitznachbarn im Bus eben meistens um uns völlig unbekannte Personen.

Das Phänomen ist so lästig wie verbreitet. Es tritt ja auch in anderen Situationen auf. Zusätzlich zum kalten Nackenschauer fallen einem vielleicht schlagartig noch Wörter wie "Trinkgeld", "Weihnachtsgeschenke", oder "Geburtstagseinladungen" ein. Unterschiedliche Anlässe, ähnliche Bredouille. Unser Retter in der Not ist, wie so oft, das Internet. Wenn uns schon keiner sagt, was wir konkret tun sollen, dann können wir uns wenigstens mit anderen Etikettegeplagten austauschen. Und wer sonst als der Knigge selbst könnte dafür die richtige Plattform bieten: Der Knigge verspricht "Manieren per Mausklick", dort werden täglich die brennendsten Fragen beantwortet, später nach Themengebieten sortiert und sollte das noch nicht reichen, dürfen sonstige Stilfragen im Forum anständig diskutiert werden. Gut zu wissen, wenn man auf dem Weg zur Arbeit schon an den Rand der Verzweiflung getrieben wurde.

Wir haben mit der Knigge Trainerin Vera Reich gesprochen:







Meine persönliche Strategie könnte auch original so im Brigitte-Abreißkalender stehen: wie du dir wünschst, dass man dir tu‘, so füg‘ es auch den andern zu. Hemmungsloses Von-sich-auf-andere-Schließen lautet die Devise. Feier dich ruhig als Held des Alltags, wenn du anderen ein wohlgemeintes Angebot auf einen Sitzplatz oder zum Schutz vor Peinlichkeiten machst, und nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen, wenn derjenige es ablehnt. Schlipse kann man schließlich auch waschen.


Bildquelle: flickr | New Years Eve von Kent Wang | cc by 2.0