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BeyonceXFatherJohnMisty
Mittwoch, 27. April 2016, 00:00 Uhr

Mainstream vs. Alternative

Sandra bloggt: Warum wir den Mainstream nicht mehr hassen müssen

Die ganze Welt spricht über Beyoncés neues Album. Beyoncé ist Mainstream und nicht unsere Baustelle? egoFM Sandra findet, dass sich Mainstream und Alternative kaum noch unterteilen lassen.

Wenn wir heute mit unseren Eltern über die 60er Jahre reden, dann ist oftmals von "zwei Lagern" die Rede. Das Beatles- und das Rolling Stones-Lager. Auch in meiner eigenen Jugend gab es Lager. In der Schule gehörte man zu den kiffenden Hip Hop- und Reggae-Leuten, zu den Metallern in schwarzen Mänteln, zu den Billy Talent hörenden Emos mit tiefem Seitenscheitel, zum Kurt-Cobain-Flanell-Hemd Lager, zum Indie-Oasis-Blur-Lager mit Britpop-Frisur usw... Manch einer durchlebte verschiedene Lager, doch jedes Einzelne diente zur Identifikation, zur klaren Abgrenzung durch Klamotten, Frisur, Attitüde und vor allem durch Musik. Das bedeutete auch, dass man sich klar gegen den Mainstream wandte, wenn man sich dem Alternative zugehörig fühlte.

Coldplay als Verräter
Es war nur logisch, dass wir Coldplay irgendwann scheiße finden mussten, weil sie sich schon vor vielen Jahren Richtung Mainstream bewegt haben - wann immer man in ein Musiknerd-Gespräch gerät, lässt sich gut beobachten, dass gar nicht oft genug betont werden kann, wie gut Coldplay früher und wie Mainstream sie heute sind. Coldplay haben die Alternative-Welt, die vor über zehn Jahre stolz zu Songs wie "The Scientist" oder "Yellow" geweint hat, verraten. Und dafür gehören sie abgestraft.

Beyoncés neues Album "Lemonade"
Beyoncé kann man nicht abstrafen. Denn sie war irgendwie immer Mainstream. Ihr neues Album Lemonade kam vergangenes Wochenende mit Pauken und Trompeten heraus, wie wir uns das von Beyoncé erwartet hätten. Aber es präsentiert eine Kollaborations-Liste, mit der sie auch der größte Mainstream-Gegner nicht mehr ignorieren kann. Samples von den Yeah Yeah Yeahs oder von Led Zeppelin, James Blake, Kendrick Lamar oder Jack White als Features, Melodien und Texte von Father John Misty (Fleet Foxes), produziert unter anderem von Ezra Koenig (Vampire Weekend). Gerade die Kollaborationen mit Ezra Koenig und Father John Misty kamen für manche überraschend, weshalb sich Ezra Koenig in einem Tweet dazu äußerte:

ezra koenig tweet

Auch Father John Misty kommentierte seine Zusammenarbeit mit Beyoncé nach ein paar unverständlichen Tweets nochmal in einer ausführlichen Erklärung:

About a year and half ago, my friend Emile Haynie played Beyonce some of my music, along with some tunes I've written for other people, back when she was looking for collaborators for the record...Pretty soon after they sent along the demo for "Hold Up", which was just like a minute of the sample and the hook. I'm pretty sure they were just looking for lyrics, but I went crazy and recorded a verse melody and refrain too that, unbelievably - when you consider how ridiculous my voice sounds on the demo - ended up making the record - right between picking up the baseball bat and decapitating the fire hydrant. I was mostly kind of in the dark, my involvement with the record kind of ends with me just sending off the demo, it wasn't until she came to my Coachella set in 2015 and told me personally it had made the record that I really had anything concrete with which to convince my friends that I hadn't actually gone insane.
Beyoncé, die mit Lemonade von Pitchfork gerade als "Best New Music" bezeichnet wurde, ist nicht die Erste, die in den "Alternative-Markt" einsteigt. Auch Rihanna erobert die Tame Impala Fans, in dem sie den Tame Impala Song "New Person, Same Old Mistakes" covert. Genauso wie Haim, die neben ihrem Tame Impala Remix auch schon mit Calvin Harris kollaborierten. Ryan Adams, der "Morrissey für die Country Szene", macht mit seinem Cover Album das erfolgreiche Taylor Swift Album 1989 in der Off-Mainstream-Welt salonfähig. Die einst kitschige Countrypop-Prinzessin, die in früheren Videos von ihrem Prinzen aus Schlosstürmen befreit werden wollte, kann plötzlich beim noch so coolsten Subkulturinteressierten im Auto bei heruntergekurbelten Fenster aus den Lautsprechern dröhnen. Eben in Form von Ryan Adams. Oder im Original. Ist doch dann eigentlich auch schon egal.


Der mandelmilchtrinkende Hybrid-Musikhörer
Beyoncés Album ist mit der Besetzung von Ezra Koenig und Father John Misty daher nur eine natürliche Reaktion auf neue Hörgewohnheiten. So lassen sich sowohl der Mainstream- als auch der Alternative-Markt erschließen. Wie Blur Gitarrist Alex James schon einmal feststellte, definieren wir uns immer weniger über die Musik. "The spirit of Independence" ist in der Musik gestorben, wird aber in der Essenkultur neu geboren.

Wir definieren uns mehr über unsere Essensgewohnheiten, als über eine strenge musikalische Genre-Trennung. So kann man den mandelmilchtrinkenden Metal-Shirt-Träger durchaus mal bei einem José Gonzales Konzert spotten. Oder den Vintage-Klamotten-tragenden, Steak-essenden, alternativen Musikzeitschriften-Abonnenten bei einem Rihanna Konzert. Und vielleicht ist es ihnen noch nicht mal mehr peinlich. Warum auch. Die gerade erschienene Sinus-Studie untermauert diese Beobachtung: "Mainstream ist kein Schimpfwort mehr, sondern ein Begriff, mit dem sich die Jugendlichen selbst charakterisieren" ist eine Erkenntnis der Studie. Auch wenn wir uns selbst nicht mehr unbedingt zu den Jugendlichen zählen, gilt dennoch: Wir können hören, was wir wollen und wann wir wollen. Vielleicht ist uns an dem einen Tag nach Jazz, am anderen nach Hip Hop, am Tag darauf nach Indie, Elektro, oder wie diese ganzen Genres früher hießen. Kann sich kein Mensch merken und sie vermischen sich doch sowieso immer mehr.


Mainstream vs. Alternative?
Vielleicht sollten wir die Mainstream-Alternative-Unterteilung daher endgültig begraben. Es hat nämlich schon längst eine neue Unterteilung stattgefunden, die zwischen qualitativ hochwertiger Produktion und gutem Songwriting und schlechter Produktion und schlechtem Songwriting unterscheidet. (Um hier vorweg zu greifen: Mit guter Produktion können auch gut produzierte und arrangierte Lo-Fi Elemente gemeint sein)

Vielleicht sollten wir aufhören, ein neues Coldplay Album noch nicht einmal anzuhören, weil sie nicht mehr "Alternative" genug sind, sondern ihm eine echte, objektive Chance geben. Und meinetwegen es anschließend dann für schlecht befinden. Vielleicht sollten wir zugeben, dass das neue Rihanna Album echt gar nicht schlecht ist. Und akzeptieren, dass sich Beyoncé beim Coachella Festival die Show von einem ehemaligen Fleet Foxes Mitglied ansieht und ihn für sein Album gewinnen möchte. Und warum sollten wir verteufeln, wenn die breite Masse etwas Gutes gut findet. Nur weil wir es schon früher für gut befunden haben. Wir müssen uns nicht mehr abgrenzen. Von was. Von wem.

Quelle: Facebook | Beyoncé | Father John Misty