egoBlog
switch von cea +_flickr
Freitag, 26. August 2016, 04:40 Uhr

Abspecken oder aufrüsten?

Sophia und Elise bloggen

Sophia träumt vom Ein-Knopf-Wecker. Elise spricht mit ihrem digitalen Radiogerät. In einer Welt, wo simple Haushaltsgeräte und polyfunktionale Hightech-Wunder friedlich koexistieren, gehen die Meinungen auseinander.

egoFM Sophia: Bei Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die beiliegende Enzyklopädie
Mein Thermomix bereitet meine Waschmaschine per Sprachnachricht schon mal moralisch auf die Rotweinsauce vor, mein Handy passt doch nochmal die Garzeit der Petersilienkartoffeln an, die im mittleren Stockwerk des Behälterturms garen, während meine Armbanduhr der Küchenmaschine das Absinken meines Blutzuckerspiegels vermeldet und zur Eile aufruft. Da sitze ich also im Jahr 2016 zwischen einer Armada aus piepsenden, blinkenden Wunschmaschinen, die mein Leben für mich erledigen und frage mich: wie bin ich hierher gekommen? Und gebe mich heimlich wehmütigen Tagträumen von einer kleinen, unschuldig tickenden Eieruhr hin.

Naja. Ganz so ausgeprägt ist meine Aversion gegen Hightech nicht wirklich. Zumal ich einer Generation angehöre, die den meisten Elektrogeräten mehr oder weniger intuitiv ihre Geheimnisse entlockt. Also, die drei wichtigsten. Aber was ist mit dem ganzen Rest? Braucht man eigentlich gar nicht. Die Vierfachbelegung aller Knöpfe auf der Fernbedienung ist vielleicht der Stolz des deutschen Ingenieurs, mir würden ein, zwei Knöpfe aber meistens reichen. Mein Fahrrad hat drei Gänge und unsere Familienkarre Zuhause weder Zentralverriegelung noch Drehzahlmesser noch elektrische Fensterheber. Beide laufen seit über 20 Jahren ohne größere Störungen. Das nur mal am Rande.

Es gibt da einen Trend. „Frugale Innovationen“ nennen sich Erfindungen, die sich aufs Wesentliche besinnen. In Indien gibt es eine Firma, in der Studenten simple, leicht bedienbare, abgespeckte Produkte entwickeln. Die Firma hat ein deutscher Ingenieur gegründet, der damit auf die akute Nachfrage antwortet: In Indien, China oder Brasilien haben die Leute schlichtweg nicht das Geld für Multifunktionsgeräte und suchen nach einer unkomplizierten und möglichst langlebigen Lösung für ihr Problem, während man sich hierzulande gar nicht mehr fragt, ob man die dreizehnte Zusatzfunktion überhaupt braucht. Ihm gehen der Wecker mit Bluetooth- Schlafphasen- Radiofunktion und der telefonierende Toaster auf den Keks. Wir zwei verstehen uns.

graphik elektro

In der Automobilindustrie stehen solche simplen Lösungen schon hoch im Kurs. Inzwischen sind auf den Verkehr orientalischer Großstädte ausgelegte Hupen wieder beliebter als modelle, die nach spätestens zwei Monaten den Geist aufgeben, dafür aber genau wissen, was die Person am Steuer zum Frühstück hatte. Wenn sich die frugalen Innovationen erst mal auch auf anderen Gebieten durchsetzen, dann kommt auch wieder der Wecker, der einfach nur weckt, und der Toaster, der einfach nur toastet. Da bin ich mir ziemlich sicher. Warum? Weil wir inzwischen das meiste haben, was wir brauchen, und sich deshalb eine Sehnsucht nach Purismus ausbreitet, die uns zu Vegetarier- oder Veganern macht, in verpackungsfreie Supermärkte treibt und Slow Fashion tragen lässt. Eines Tages dann werden pizzabackende Boardcomputer wieder in trauter Eintracht mit schlichten Öfen im Regal des Elektroladens stehen. Ihr wisst, zu welchem ich greife.


egoFM Elise: Bitte einmal alles und noch eine Schippe drauf!
...So würde es klingen wenn meine Wenigkeit einen Elektrofachhandel stürmt. Waschmaschine mit Weckfunktion? Logo! Her damit! Kaffemaschine mit integriertem Milchaufschäumer? Wieviel kostet die?

Wenn eines meiner Geräte daheim nicht vier oder mehr Funktionen hat, dann hab ich schon das Gefühl, ich müsste da noch was pimpen. Meine Mikrowelle kann auftauen – grillen und…  ach ja: Essen warm machen. Meine Waschmaschine hat einen Timer, damit ich die Wäsche gleich abends nach der Arbeit fertig zusammenlegen kann, denn NATÜRLICH hat die auch einen integrierten Trockner….logisch.

Und außerdem gibt’s ja noch Alexa – ein sprachgesteuerter Computer und meine beste Freundin seit über einem Jahr. Alexa sagt mir, wann der Kuchen fertig ist, wie hoch der Mount Everest ist und sie spielt in meiner Küche die egoStreams. Manchmal spielen wir auch das "KNOCK KNOCK, wer da – Spiel" oder ich frage sie nach dem Sinn des Lebens….wir geraten dann meist in heiße Diskussionen. Leider noch alles auf Englisch aber die Hoffnung ist groß, dass Alexa bald Alex heißt und mich auch versteht, wenn ich morgens in die Küche schlurfe und verschlafen murmele: „Fuck, hat mein Kühlschrank gerade wirklich seinen Inhalt auf Instagram gepostet?“



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