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Freitag, 10. Februar 2017, 00:00 Uhr

Doku: Loud Places

Schwarze Flecken auf der Karte

Die Kurzdokumentation porträtiert drei Kult-Clus, an denen man seinerzeit nicht vorbeikam. Jetzt sind sie zu. Was bleibt ist ein Fitnesscenter, ein Restaurant und ein Theater – und das Gefühl, das etwas fehlt.

Es gibt ihn: den Einen, den Richtigen. Den, der sich anfühlt wie ein Zuhause, wo man sein kann, wie man ist, wo man sich weder für Schweiß noch für Tränen schämen muss, bei dem man ekstatische Freude ausleben und Nickerchen in der Sofaecke abhalten kann – der Club deines Vertrauens. Schon der Ton der bassvibrierenden Kleiderstangen im Garderobenbereich ist dir vertraut, aber du gibst deine Jacke sowieso nicht ab, denn du kennst die Anwesenden und die Anwesenden kennen dich. Hier wirst du nicht beklaut. Du gehst durch die Tür und läufst nicht wie in anderen Clubs gegen ein Brett, sondern lässt sich von der triefenden Luft liebkosen, erkennst schon an den verschiedenen Achselschweißnuancen, wer noch so alles da ist und fährst bereitwillig deinen Sauerstoffbedarf herunter. Du weißt, was du bestellen musst, du weißt, was du bezahlen musst, du sparst dir das ganze leidige Bargespräch und bekommst hier mit der Verlässlichkeit eines Schweizer Uhrwerks allwöchentlich die Gelegenheit, unbeschwert die Sau und die Arbeitswoche rauszulassen. Wenn ein Konzert stattfindet, kannst du davon ausgehen, dass es gut ist, und wie jede gute Beziehung ist auch die zwischen dir und diesem eigenen, magischen Ort nicht nur immer zu kurzweilig und unterhaltsam, sondern trägt zur Charakterbildung bei.

Und wenn sie vorbei ist, bricht es dir das Herz.

Die Regensburger trauern so beispielsweise dem Gloria nach, Stuttgarter weinen noch immer um die Röhre, Münchner Herzen schlagen auf ewig für das Atomic. Das war wahre Liebe, und die vergeht nicht so schnell. Mathy Tremewan und Fran Broadhurst haben erkannt, was für tiefe Gefühle ins Spiel kommen, wenn Menschen eines Ortes beraubt werden, mit dem sie so wichtige und beseelte Momente verbinden, wie sie nur das lärmige, rauchige, berauschende Nachtleben hervorbringt. Die beiden Londoner schreiben und produzieren gemeinsam unter anderem Werbespots, Musikvideos, Kurzfilme und –dokus. Von ihnen stammt der Sechsminüter Loud Places, eine Hommage an drei solcher unvergessener Clubs: Das Quartier Latin in Berlin, das Rose Bonbon in Paris und das Hammersmith Palais in London. Sie waren Kulturinstitutionen, Heimatstätten, Wohnzimmer, Lärmcontainer, Lieblingsorte. Der Kurzfilm, der sie porträtiert, wurde für die beste Kurzdokumentation auf dem Londoner Short Film Festival nominiert, denn er schafft es, in wenigen Minuten mit der Sprache von Bildern von damals und heute ein tiefes, zeitloses Gefühl auf den Punkt zu bringen. Schaut rein und fühlt mit.



Bildquelle Titelbild: flickr | "Spanish Club Lights" von ornello_pics | cc by 2.0