Entdeckt
2016 Trip to Sweden - Swedish Beauty Factory von Mrs
Donnerstag, 23. Februar 2017, 15:00 Uhr

Bezahlter Mittagsquickie in Schweden

"Wenn die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt..."

Man muss schon einfallsreich sein, um die traumhaften Arbeitsbedingungen in Schweden noch besser zu machen. Der nordschwedische Lokalpolitiker Per-Erik Muskos kann sich diesbezüglich nichts mehr vorwerfen lassen.

In der schwedischen Stadt Övertornea, ganz nahe an der finnischen Grenze, können Stundenhotels in Gewerbegebieten vielleicht bald rasante Umsatzanstiege verzeichnen. Denn der Stadtrat Per-Erik Muskos hat diese Woche den Vorschlag auf den Tisch gelegt, dass Arbeitnehmer eine Stunde am Tag bezahlt bekommen, um nach Hause zu fahren und mit ihren Partnern Sex zu haben (und das ist ja wohl, je nach Heimweg, eine optimistische Kalkulation). Sex sei schließlich gesund, so der Politiker, was ausreichend durch Studien bewiesen sei, und außerdem litten Beziehungen heutzutage oftmals unter dem Tribut, den eine Vollzeitanstellung fordert. Also: Anrufbeantworter an, ab nach Hause und dann entsprechend erquickt zurück an die Arbeit. Was hierzulande wenn überhaupt unbezahlt und nicht ohne einen Hauch von Skandal vonstattengehen würde, könnte in Schweden also bald institutionalisiert werden.

Unverfängliche Schwedencollage
Bildquellen Collage: flickr | Ebbas Fik von Hakan Dahlström | cc by 2.0 / flickr | Swedish flag von Guillaume Speurt | cc by 2.0


Romantisch, oder? Schon allein, dass ein Stadtrat eine solche Idee überhaupt laut ausspricht, ist in Deutschland schwer vorstellbar – hier traut sich das höchstens die EAV. Irgendwie sieht man da gleich eine kittelschürzige Oma vor sich, die die Arme verschränkt, vorwurfsvoll die Lippen zusammenkneift und den Kopf schüttelt. Hier sagt uns die Firma: Tu was! Und in Schweden: Tu was Gutes für dich und dann was Gutes für uns!

Das scheint generell die Einstellung im Land der erschwinglichen Möbelstücke und des lang haltbaren Brotes zu sein. Bei allem, was man so liest, scheinen die Schweden vor lauter optimierten Prozessen gar nicht mehr zum Arbeiten zu kommen: sechs Stunden arbeiten und acht bezahlt bekommen, ständig Kaffeepausen, locker-flockiges Arbeitsklima – vielleicht sind die Schweden auch einfach so daran gewöhnt, dass man sich auf offizieller Ebene um ihr Wohlbefinden am Arbeitsplatz kümmert, dass ein entsprechender Punkt im Programm eines jeden Lokalpolitikers ein Must-Have ist. Und da musste der gute Herr Muskos – pardon, Per-Erik – eben kreativ werden, um offensichtlich allerorts vorherrschenden Arbeitsbedingungen wie verringerten Anwesenheitszeiten bei gleicher Bezahlung oder hochfrequenten Kaffeepausen noch ein wirkliches Novum hinzuzufügen.

Was auch immer der Grund war: In Schweden schätzt man schon lange den Wert eines glücklichen, ausgeglichenen und gesunden Mitarbeiters. In Europa arbeiten nur die Finnen und die Franzosen weniger Stunden im Jahr als die Schweden. Doch der Sechs-Stunden-Tag und die Kaffeepausen tun der schwedischen Wirtschaft nicht sonderlich weh. Es ist also gar nicht so abwegig, dass Per-Eriks Rechnung aufgeht. Auch wenn es bei uns wahrscheinlich wie immer bei neidischen Blicken Richtung Skandinavien und einem kleinen Stich bleibt, der und durchzuckt, wenn mitten am Tag beim schwedischen Kollegen nur der Anrufbeantworter rangeht.


Bildquelle Titelbild: flickr | 2016 Trip to Sweden - Swedish Beauty Factory von Mrs. Gemstone | cc by 2.0