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Music Class von starmanseries_flickr
Freitag, 17. März 2017, 00:00 Uhr

Beats für die Bildung

Civil War mit Swag

Ein amerikanischer Lehrer rappt seinen Schülern den Bürgerkrieg vor und alle gehen ab - zu Recht! In Amerika ist Bildung mit Swag gar nicht so selten, hierzulande leider schon. Wir fragen uns: How Come?

Wann hat das Universum eigentlich angefangen, sich auszudehnen? Hier in der Redaktion können das fast alle ohne zu zögern beantworten. Vor knapp 14 Milliarden Jahren. Das liegt nicht (nur) daran, dass wir hier alle Superbrains sind. Denn wahrscheinlich konnte sich das wirklich jeder merken, der mal eine Folge Big Bang Theory gesehen hat, ohne das Intro zu überspringen.



Der genaue Geburtstag des Universums ist wahrscheinlich für die meisten von uns nur so mittelwichtig fürs Überleben. Trotzdem merken wir uns die Zahl, während unsere Mathelehrerin jahrelang vergeblich versucht, uns die Quadratzahlen von elf bis 20 einzutrichtern. Hoffstaedter & Co. – beziehungsweise die Barenaked Ladies – haben einfach einen entscheidenden Vorteil: Sie singen sich in unser Gedächtnis.

Genau das tut auch dieser Geschichtslehrer aus New York, der sich den HipHop Track "Bad and Boujee" ausleiht, um damit seinen Schülern den amerikanischen Bürgerkrieg näher zu bringen:
tweet

Über die musikalische Schiene finden Informationen einfach leichter den Weg ins Gehirn. Das sagt auch Ben von der Rap Art Schule:



In den USA hat man das schon lange verstanden. Auf der Seite von educationalrap zum Beispiel können sich Lehrer ganze Songpakete zu verschiedenen Themen downloaden, aber auch online findet man gesungene Lerninhalte zu Hauf.

Wie geht Photosynthese? Was ist die Hauptstadt vom Staat Vermont? Was sind Onomatompoeia? Wie war das noch mit Merkur? Ach ja: „It’s made out of rocks and metal, you see. Just chilling on his axis terrestrially.“ Egal wie die Frage lautet, wer auch mit einer Antwort auf Englisch zufrieden ist, der findet diese ziemlich sicher online in vertonter Art. Lernsongs scheinen in den USA eine richtige Tradition zu haben. Selbst die Ex-First Lady punched ganz ohne falsche Scham Lines für die Bildung. Von daher wirkt die gerappte Geschichtsstunde auf die New Yorker Mittelschüler vielleicht gar nicht so wundersam wie auf uns. Wir hier knien ehrfürchtig nieder, tausende Schüleraugen leuchten auf und sagen: das will ich auch!



Und bei uns?

Gut, zwischen einer rappenden Angie und der rappenden Michelle liegen nicht nur die tatsächlichen 6.700 Kilometer Luftlinie, sondern mindestens Welten, wenn nicht ganze Sonnensysteme. Aber auch ein Blick auf das, was es hier schon gibt, ernüchtert eher. Das Angebot an deutschsprachigen Lernsongs ist, gelinde gesagt, überschaubar. Während man englische Songs für verschiedene Altersgruppen und zu fast jedem Thema findet, geht die deutschsprachige Bildungsplaylist kaum über „A,B,C“ oder das „Zahnputzlied“ hinaus. Die Zielgruppe? Tendenziell im einstelligen Alter. Es kommen einem Begriffe wie „Musizieren im Unterricht“ in den Sinn, dazu Bilder von einer Horde Achtjähriger mit Blockflöten. Ganz schön uncool, das alles. Aber mehr ist irgendwie nicht.

Ben, der Gründer der Rap Art Schule, sieht das ebenfalls so und versucht, etwas daran zu ändern. Er bietet Workshops für Schulen an, in denen er den Schülern den Weg zum Flow bereitet und sie dann Unterrichtsthemen selbst zu Raptexten zusammenbauen lässt. Die Schüler legen dabei oft überraschendes Talent an den Tag, aber leider beißt er sich noch viel zu oft am deutschen Bildungssystem die Zähne aus:



Seinen ersten Raptext mit Bildungsanspruch hat Ben verfasst, als er in der Schule die Fälle auswendig lernen musste. Die deutsche Grammatik gibt jede Menge beattaugliche Regeln und Formeln her, aber auch mit Mathematik und Erdkunde hat er gute Erfahrungen gemacht. Sein Alphabetsong, der eigentlich für Neffe und Nichte geschrieben wurde, kommt heute an Deutschschulen für Ausländer, in Grundschulen und sogar am Goethe-Institut zum Einsatz.



Deutsche Schulen trauen sich oft nicht oder halten die Idee für zu experimentell. Das richtige Ergebnis ist immer noch wichtiger als das richtige Werkzeug, Notendurchschnitt und Zeugnis zählen mehr als das Entwickeln einer eigenen, kreativen Herangehensweise. Da ist also noch viel unerforschtes Terrain und viel Luft nach oben. Dabei könnte es so einfach sein:



Bis sich in Deutschland eines Tages Musik und Bildung über den Weg laufen (oder zumindest mal in derselben Hood abhängen), können wir also Zuhause schon mal üben (two, three four...).


Bildquelle Titelbild: flickr | Music Class von starmanseries | cc by 2.0