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Donnerstag, 23. März 2017, 00:00 Uhr

Musik im digitalen Zeitalter

Mixtapekultur im Wandel der Zeit

Das hier soll weniger ein Mimimimi-Damals-War-Alles-Besser-Text, sondern viel mehr ein Analyseversuch sein - so tot wie gesagt ist das Mixtape nämlich gar nicht.

Unsere Eltern haben Stundenlange vor dem Radio gesessen und auf den einen Song gewartet. Und dann versucht, genau im richtigen Moment auf Record zu drücken, denn wehe die Stimme des Radiomoderatoren war noch drauf. Dann war die ganze Mühe für die Katz, oder noch schlimmer, der Song war nicht komplett aufgenommen, geschweige denn der Geduldsprobe mit dem verhedderten Tonband der Kompaktkassette. An dieser Stelle sei gesagt: Wer überhaupt keine Ahnung hat, wovon hier die Rede ist, dem sei dieses Video zu Herzen gelegt, in dem erklärt wird, was ein Mixtape überhaupt ist.

Reality killed the Radio StarDass sich viele Leute beklagen, dass der Musik durch die Digitalisierung in Dateien einiges an Gefühl verloren gegangen ist, ist allseits bekannt. Die Verfechter der Schallplatte sehen die Vorzüge des Mediums, sowohl in der Haptik, als auch in der Optik, als auch im Klang. Klar, so eine große Schallplatte bietet einiges, vom vorsichtigen Auspacken, bis hin zum gefühlvollen Auflegen der Nadel erlebt man schon einiges bevor die ersten Klänge überhaupt kommen. Aber auch die gute alte Kompaktkassette weiß, wie sie haptisch zum Erlebnis wird. Wer weiß denn bitte nicht mehr wie angenehm mühsam es war, mit einem Bleistift den Bandsalat wieder aufzurollen?

Auch der besonders hohe Stellenwert der Cover-Art beim Vinyl trägt einiges zur Optik bei, klar, so ist sie ja vorne groß auf den Umschlag gedruckt. Hier unterliegt die Kassette definitiv.

Individualität als AlleinstellungsmerkmalAber was ist denn dann nun das Alleinstellungsmerkmal, das die Quadratschachtel mit den Bändern von allen anderen analogen Medien abhebt? Die Antwort ist einfach: Es ist die Möglichkeit auf Abgrenzung durch Individualität. Der Ersteller des Mixtapes bestimmt, was drauf ist, indem er es aus dem Radio mitschneidet. Mit allen Ecken und Kanten, jedem Rauschen, jeder atmosphärischen Störung.

Auf dieses Mixtape aus Chicago, aufgenommen in den 90er Jahren, könnte man eigentlich heute auch noch auf jeder Party zu tanzen.



Was hat sich geändert? Mixtapekultur heuteMit dem Verschwinden der Kassette und dem Aufkommen der CD, beziehungsweise digitaler Vertriebswege, ist das individuell zusammengestellte Mixtape immer mehr verschwunden. An diese Stelle sind Compilations und digitale Playlists getreten.
Diese Lücke haben sich zuerst Produzenten zu Nutze gemacht, später auch unbekannte und bekannte Interpreten zu Promozwecken. Diese hosten möglichst viele Features auf ihre Werke singen oder rappen zu lassen. Genug Beispiele dafür lassen sich in den gängigen Mixtape-Portalen finden, wie Datpiff oder hotnewhiphop.

Das Mixtape als Promo2017 für den Grammy nominiert, 2016 ein exklusiver Apple-Deal mit dem Hinweis, er sei immer noch ein Independent Artist. Und davor nur zwei Mixtapes: Chance The Rapper weiß, wie der Hase läuft. Als er wegen Drogenbesitz zehn Tage von der Highschool suspendiert wird, nimmt der Rapper aus Chicago sein erstes Mixtapes 10 Days auf, um die freigewordene Zeit sinnvoll zu nutzen. Und das geht senkrecht durch die Decke. Anstatt seinen ersten Plattenvertrag zu unterzeichnen, bleibt er lieber unabhängig und bringt ohne ein Label im Rücken sein zweites Mixtape raus. Mit Acid Rap werden dann endgültig alle auf ihn aufmerksam.



Es folgen eine prominente Platzierung auf dem Opener vom letzten Kanye West Album, diverse Konzerte und Shows, sowie das dritte Mixtape, exklusiv über Apples eigenen Streaming-Dienst. Und die Grammy-Nominierung. Das Endprodukt wird von Anfang an für alle verfügbar ins Netz gestellt, unentgeltlich. So wird Nähe suggeriert und, bei ausreichender Qualität, auch ein nachhaltiger Hype ausgelöst. Chancelor Bennet ist nicht das einzige Beispiel für den, vom Majorlabel unabhängigen Aufstieg. Sicherlich aber das Maß aller Dinge. Action Bronson, Kid Cudi, Joey Bada$$, A$ap Rocky, Young Thug, Travis Scott und viele weitere - die Liste derer, die sich auf diese Art und Weise in den Mainstream katapultiert haben, lässt sich beliebig lange fortsetzen.

Das Mixtape und die ChartsAber auch zunehmend prominente Künstler nutzen das Mixtape für Werbezwecke. Klar, wer groß ist, über dessen Veröffentlichungen wird berichtet, egal ob Album oder nicht. Die Erfolgsformel ist dabei relativ einfach. Da es kein Album ist, muss es keinem klaren Konzept folgen. Da es kein Album ist, wird die Messlatte für qualitative Ansprüche niedriger angesetzt. Und wenn dann auch noch ein bis zwei Songs mit Hitpotential dabei sind, dann wird die Sache zum Selbstläufer.
Prominentes Beispiel? Drake. Der hat sich mit seinem Mixtape If You're Reading This It's Too Late nicht nur aus seinem Labeldeal freigekauft, sondern auch gleich noch einiges verdient. Das Mixtape wurde nämlich kommerziell releast. Sellout, mögen die einen jetzt rufen, und die anderen könnten auch noch zustimmen. Fakt ist: Kaum einer hat das digitale Musikgeschäft so gut verstanden wie das Team um Drake. Zweifel? Einfach einen Blick auf die Streaming Zahlen des vorletzten Albums „Views“ werfen. Trotzdem gilt, sowohl bei der Anzahl der Mixtapeveröffentlichungen als auch der erwirtschafteten Streams: Qualität vor Quantität. Und daran muss sich selbst ein Drake messen lassen.