Entdeckt
eisbach
Freitag, 24. März 2017, 04:00 Uhr

Neue Deutsche Wellen

"Down By The River We Surf"

Surfen auf dem Fluss ist nicht nur möglich, sondern auch ganz schön beliebt. Die Münchner Eisbachwelle ist europaweit bekannt, jetzt kämpft auch Stuttgart um einen eigenen Surfspot.

Über 240 Jahre ist es her, da landete James Cook mit seinen beiden Schiffen auf Hawaii. Der Anblick muss unbezahlbar gewesen sein: Surfende Ureinwohner hießen ihn in der Bucht willkommen. So putzig das klingt, die Geschichte nimmt einen traurigen Verlauf: Hundert Jahre später gehört Hawaii zu den vereinigten Staaten von Amerika, die Ureinwohner und ihre Kultur sind vom Aussterben bedroht. Auch das Surfen ist inzwischen von den Missionaren als „unnütze, heidnische und unsittliche Zeitverschwendung“ abgestempelt und deswegen verboten.

Aber wie die meisten unnützen, heidnischen und unsittlichen Zeitverschwendungen macht es halt einfach Spaß. Und zwar so viel, dass sich in den frühen 1900ern immer noch leidenschaftliche Surfer heimlich in abgelegenen Buchten treffen und im Untergrund weiter surfen. Und so viel, dass sich in den späten 1900ern, genauer gesagt um 1985, die Münchner Jugend zum „Brettlfahren“ am Eisbach trifft. So bezeichnet es zumindest Dieter „The Eater“ Deventer in der Dokumentation „Keep Surfing“ über die Münchner Surfkultur. Es ist also immerhin schon gute 30 Jahre her, dass die ersten Jugendlichen im Englischen Garten das Brett erklommen. Dann banden sie besagtes Brettl ans Flussufer, hielten sich an einem Bügel am Seilende fest und fuhren hin und her.

Plötzlich haben wir gemerkt, dass das Seil durchhängt, und das Brett eigentlich von ganz allein auf der Welle steht. Damit war das Isarsurfen geboren


Auch ganz ohne Meer und (deshalb) mit einiger Verzögerung kam man also auch hier, mitten auf der europäischen Landmasse, auf den Geschmack dieser unsittlichen Zeitverschwendung. So wie sich Schlittenfahrer im Winter Schanzen aus Schnee bauen, fanden auch die Surfer Mittel und Wege, um auf dem Fluss richtig in Schwung zu kommen. Doch auch der hiesigen Obrigkeit passt das nicht so recht:



Kaum eine Welle ist also genehmigt, sagt uns Tao Schirrmacher, der praktisch an der Eisbachwelle groß geworden ist. Wie sich das für eine ordentliche Underground-Location gehört, gab es damals noch einen Wächter der Welle, an dem er erst mal vorbei musste, bevor er sein Brett aufs Wasser werfen durfte. Einmal drin, wurde Tao zum festen Bestandteil des Münchner Wellenreiterclans und hat sich seinen Weg nach oben gesurft, inzwischen schon dreimal zum Europameistertitel.

Am Eisbach hat sich einiges getan. Inzwischen hat die dortige Welle offiziellen Status, taucht in Reiseführern auf und ist europaweit bekannt. Das wurde unter anderem dadurch möglich, dass die Stadt München mit dem Freistaat Bayern Landstücke getauscht hat und die Haftung für die Surfer jetzt bei ihr liegt. Der Hauch des Halblegalen ist hier beseitigt, inzwischen können auch Neulinge einfach dazu stoßen:



Doch die Münchner Welle hat damit einen Sonderstatus. Viele andere Surfspots an deutschen Flüssen klemmen in den Mühlen der Bürokratie und bringen Zahnräder wie Finanzierung, Haftung, Fischvorkommen, Schiffsverkehr oder Grundbesitz zum Knirschen. Es ist ein langer Weg bis zur offiziellen Welle.

In Stuttgart könnte sich die Mühle allerdings bald ein Stückchen weiterdrehen. Vor Kurzem wurde die Neckarwelle zur Abstimmung bei der Stadt eingereicht, jetzt dürfen alle Stuttgarter bis zum 27. März ihre Stimme abgeben. Ist der Vorschlag populär genug, wird er vom Stadtrat auf Machbarkeit geprüft. Entschieden wird also am Ende im Rathaus, doch die Idee scheint bisher gut anzukommen. Wer seine Stimme für die Neckarwelle abgeben möchte, kann das ►HIER tun. Und dann heißt es Daumen drücken. Und wie realistisch ist der Plan?



„Möglich, aber nicht einfach“ – hoffen wir, dass Tao damit richtig liegt.