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Dienstag, 16. Mai 2017, 00:00 Uhr

Die MP3 ist tot

Das Ende des Audioformats - ein Nachruf

Die MP3. Jahrelang haben wir sie täglich mit uns herumgetragen, haben uns nach ihr benannte Player gekauft und ihre Dateien ausgetauscht. Nun wird das MP3-Format offiziell beerdigt.

Liebes mp3-Format,

du warst etwas ganz Besonderes. Du hast die Musikbranche verändert, ihr beinahe das Leben gekostet und ihr trotzdem auch ihre Zukunft gezeigt. Jetzt, nach 35 Jahren haben dich deine eigenen Eltern für tot erklärt.

Deine Eltern kommen aus Erlangen und Nürnberg. In den 80er Jahren haben sie dich in den Laboren der Fraunhofer-Gesellschaft gezeugt. Du warst ein Wunder, schon bei der Geburt. Deine Dateigröße so klein und kompakt und trotzdem klang dein Geschrei wie bei allen anderen, normalgroßen Babys auch. Wie du das gemacht hast? Du hast einfach all die unnötigen Töne und Geräusche, die wir nie so wirklich genau zuhörenden Menschen ohnehin nicht wahrnehmen, weggelassen. Stattdessen hast du uns nur das vorgespielt, was wir wirklich hören konnten. Das hat dich so schlank gemacht.

Dank dir haben wir gelernt, was die Abkürzung kbit/s bedeutet (oder gibt es etwa ernsthaft noch Leute, die nicht wissen, dass das für Kilobit pro Sekunde steht?!). Je größer die Zahl davor war, desto besser klangst du. Aber auch umso dicker, also ich meine größer, wurdest du. Dank dir haben wir ein Gefühl dafür bekommen, wie groß beziehungsweise klein 512 MB auf einem mp3-Player sein können. Und so haben wir uns immer überlegt: gute Qualität oder doch lieber mehr Songs auf den Player packen?

Dein Name war zwar etwas sperrig, aber gleichzeitig auch deine Lebensversicherung. Denn wann immer irgendein Gerät deinen Namen tragen wollte, musste es Geld an deine Eltern bezahlen. Viel Geld. Daran haben nicht nur deine Eltern verdient, sondern du hast rund 9.000 Menschen in Deutschland direkt oder indirekt Arbeit gegeben. Sogar dem Staat hast du Freude bereitet: jährlich rund 300 Millionen Euro Steuereinnahmen durch dich. In den 90ern und 00er Jahren wollte einfach jeder deinen Namen tragen und verstehen, wie du das mit dem Geschrei machst. Ziemlich clever.
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Der Musikindustrie hast du dadurch allerdings fast einen Todesstoß verpasst. Da du so klein warst, konnte man dich so hervorragend übers Internet verschicken. Selbst die noch langsamen Internetleitungen von vor 15 Jahren haben dein Leichtgewicht tragen können. Und wenn man deine Datei einmal hatte, ließt du dich ganz einfach kopieren. Ohne nochmal Geld dafür zu bezahlen. Ja, das war deine dunkle Seite.

Aber wie das so ist, du wurdest älter und deine eigenen Eltern zeugten dir Geschwisterchen. Geschwisterchen, die noch leichter und lauter waren als du. Sie hören auf so seltsame Namen wie aac oder MPEG-H Audio und sie wurden plötzlich beliebter als du. Letztlich haben sie dich zwar immer nur nachgeahmt. Aber eben besser. Das brachte auch die Musikindustrie auf Ideen. Dich haben sie zwar weiter verkauft, deine Geschwisterchen konnten aber viel kleiner verkauft werden und sie konnten auch Streaming. Und das gefiel der Musikindustrie. Denn damit konnten sie endlich wieder Geld einnehmen. Und so wurdest du über die letzten Jahre immer weiter verdrängt und unwichtig.

Nun haben deine Eltern deinen endgültigen Tod besiegelt. Sie haben dir deine Lebensversicherung genommen. Denn ab sofort wollen sie kein Geld mehr für dich und entwickeln dich nicht mehr weiter. Sie haben dich vor wenigen Wochen offiziell zu Grabe getragen.

Danke dir für die musikökonomische Früherziehung, die du uns gegeben hast.

Aber nun ruhe in Frieden auf unseren Festplatten, liebe mp3.


Bildquelle: "cheap china mp3 player" von Daniel Ng | cc by 2.0