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Montag, 12. Juni 2017, 12:00 Uhr

Warum singen wir nach Terroranschlägen

Ein Musikwissenschaftler hat Antworten

Die Zeit der Terroranschläge hinterlässt Trauer und Wut in unserer Gesellschaft. Einen kleinen Trost können wir uns - wie beim jüngsten Beispiel in Manchester - durch gemeinsames Singen geben. Wir haben uns gefragt, warum wir in solchen Momenten singen.

Der Anschlag in Manchester während eines Ariana Grande Konzerts hat Personen während einer Schweigeminute für den Anschlag dazu gebracht „Don’t Look Back In Anger“ von Oasis zu singen. Auch bei der Terrormeldung für das Rock am Ring Festival sangen Personen die Lieder „Eins kann uns keiner nehmen – und das ist die pure Lust am Leben“ oder „You’ll Never Walk Alone“.

Aber warum singen wir in Trauer- oder Schreckensmomenten? Und warum fühlen wir uns dabei gut und müssen womöglich auch lächeln, obwohl wir dabei an etwas Furchtbares denken?

Wir haben den Musikwissenschaftler und Musiktherapeuten Andreas Heye von der Universität Paderborn Fragen zu diesem Thema gestellt.

#01 Wieso haben Menschen das Bedürfnis in solchen Momenten des Terrors zu singen?

Es hänge von der Situation ab, sagt Heye. Der Terroranschlag fand auf einem musikalischem Event statt - durch das gemeinsame Singen würde man mit so einer schrecklichen Situation besser klarkommen, vermutet der Musikwissenschaftler.



#02 Welche Art von Musik eignet sich in Ihren Augen besonders dafür, eine Hymne gegen den Terror zu werden?

Andreas Heye meint, es gäbe keine nennbare Musikrichtung für eine sogenannte Terrorhymne. Es sei abhängig von der Situation, aber die Musik, die danach zur Hymne wird oder geworden ist, hätte dadurch eine große Symbolkraft.



#03 Warum singen alle sofort bei den Liedern mit? (Bei einer Schweigeminute ist man eigentlich still und trotzdem wurde gesungen)

Für solche schrecklichen, auch oft traumatischen Momente werde Musik als Ressource benutzt, sagt Heye. "Wir versuchen mit dem gemeinsamen Singen das Ereignis zu verarbeiten und auch bei einer Schweigeminute kann man durch gemeinschaftliches Singen gedanklich bei den Opfern sein."



#04 Wie würden Sie das Singen in der Gruppe deuten?

Musik habe eine große Symbolkraft und bringe in verschiedenen Situationen ein Gemeinschaftsgefühl (Terroranschlag oder auch Fußballspiel), welches einer Gruppe oder einer Einzelperson helfen könne.



#05 Hat das Singen gegen Terror damit zu tun, dass der Anschlag während eines Konzertes stattfand?

"Ja, absolut", sagt Andreas Heye. Musik werde immer abhängig vom Kontext anders benutzt. Auf Festivals oder Konzerten läge Musik natürlich im Vordergrund, deshalb spielt das Singen dort eine große Rolle.



#06 Einige Personen hatten während des Singens ein Lächeln auf dem Gesicht, wie man auf Videos erkennt. Warum löst es für manche Freude und nicht Trauer aus, da man eigentlich an ein schreckliches Ereignis denkt?

Es sei Trauer, aber auch Trost den wir durch gemeinschaftliches Singen bekommen. Aktiver Teil eines Gesanges zu sein, könne positive Emotionen hervorbringen, die Angst-mindernd wirken können.



#07 Was würden Sie dem Thema gerne noch hinzufügen?

Musik werde schon länger zur Bewältigung traumatischer Ereignisse eingesetzt. Dadurch könne sich der Wert von Musik ändern, wie zum Beispiel das Lied "Don't Look Back In Anger". Viele würden damit immer den Terroranschlag in Manchester verbinden.



Wir haben die gleiche Meinung wie Herr Heye und finden, dass Singen in solchen schlimmen Momenten eine wunderbare Art ist, sich gegenseitig Trost zu spenden und man Teil einer großen Gemeinschaft wird.


Bildquelle: flickr | Jimmy Baikovicius | cc by-SA 2.0