Entdeckt
LISTEN von Britt Reints_flickr
Donnerstag, 24. August 2017, 15:00 Uhr

Cities and Memory

Die Vertonung der Welt

Cities and Memory ist ein Projekt, das Orte der Welt hörbar macht. Einmal als Rohmitschnitt direkt vom Ort des Geschehens und einmal professionell abgemischt. Das neueste Projekt: Remixes von Protestlärm.

Der Klodeckel im Badezimmer der ersten eigenen Wohnung: ach…damals! Der Schritt auf der drittletzten Treppenstufe: eindeutig Papa! Die Lieblingstasse auf dem Küchentisch: mmmh… Grüntee! Ein kleines Klicken, Quietschen oder Schaben und schon reisen wir durch Raum und Zeit. Bäm, Erinnerungsflash!

Das gilt nicht nur für Personen oder Gegenstände, sondern auch für Orte. Die Geräuschkulisse an einem bestimmten Fleckchen Erde formt unsere Vorstellung davon genauso wie die Bilder. Doch Orte nehmen wir selten mit den Ohren wahr. Das Netzprojekt Cities and Memory ändert dies. Quasi Instagram für die Ohren.

In Unterprojekten werden Soundschnipsel nach Themen gezielt gesammelt und zur Bearbeitung freigegeben. Dann kann jeder, egal ob Profi oder Laie, die Aufnahmen zu „Memory Versions“ remixen. So ist zum Beispiel eine Klangkarte der Londoner U-Bahn entstanden, von der wir letztes Jahr schon berichtet haben. Am Ende gibt es auf der Webseite dann eine Übersicht mit allen aufgenommenen Sounds, eine Sound Map, die anzeigt, wo welcher Ton aufgenommen wurde, Hintergrundinformationen zum Thema, eine Playlist mit den Remixes und eine Liste mit allen Künstlern.

Das neueste Projekt heißt Protest & Politics. Die Tonaufnahmen dafür kommen von verschiedensten Demos: Für Trump, gegen Trump, gegen den Brexit, gegen Sparmaßnahmen, für Frauenrechte, Demokratie, Bildung.



Londoner U-Bahnsounds lassen vermutlich am ehesten die Herzen echter Londoner höher schlagen, in denen sich ein warmes Heimatgefühl breitmacht, wenn sie den Stahlwurm durch das Tunnelsystem Donnern hören. Aufnahmen von Bahnlärm ist dann doch eher was für die Playlist echter Liebhaber. Auch die Remixes der Demonstranten klingen teilweise ganz schön befremdlich. Bei einer Demo in Louisville zum Beispiel wurde eine Tonspur aufgezeichnet, die den neutralen Titel „For and Against Trump“ trägt.


Lisa Rae Bartolomei hat sich diese Aufnahme vorgeknöpft:

I decided that I only wanted to use the raw materials of the field recordings to create the audio experimenting with changing their textures through use of audio processing such as filters, delays and modulations.
Und so ist daraus der Track mit dem Titel "Trump’s Dark Cloud Descends" entstanden. Und ohne den hier irgendeinen Teufel irgendwo hinmalen zu wollen – der könnte auch problemlos der Soundtrack zu einem Film über die nächste Alien-Apokalypse sein.


Klar ist: Hier haben wir es nicht mit musikalischen Postkarten zu tun. Eher mit Bildern aus Krisengebieten. Die politische Komponente macht dieses Projekt zu einem vielschichtigen Zeitzeugendokument.

No sounds define the age we’re living in more clearly than protest sounds – and Protest and Politics is the world’s first global mapping of the sounds of protest and demonstration.
Aber es geht trotzdem auch melodischer. Zum Beispiel bei Richard Watts, der aus einer Aufnahme aus Argentinien den Tango de Silencio macht. Der Mitschnitt stammt von einer Verhandlung an der National University oft he South in Bahia Blanca, bei der ein Dozent wegen früherer Menschenrechtsverletzungen von der Uni verwiesen wurde.



Natürlich gibt es auch weniger aufregende Sammlungen als Protestmärsche und U-Bahnen. Anlässliche des 100-jährigen Jubiläums des Cabaret Voltaires in Zürich hat Cities and Memory Anfang 2016 nach Dada-Sounds gesucht. In dieser Sammlung kann man zum Beispiel siebeneinhalb Minuten dem Treiben auf der Hafnargata in Seyðisfjörður, eine Küstenstraße auf Island, lauschen – oder besser gesagt: der Abwesenheit jeglichen Treibens. Muss das schön sein dort! Im bislang größten Projekt „Sacred Spaces“ sind Aufnahmen von Orten der Einkehr verarbeitet. Die sphärischen Klänge gaben so schöne Musikstücke her, dass davon sogar ein komplettes Album zusammengestellt wurde. Und im Projekt „Prison Songs“ wurden Gesänge der Sträflinge des Staatsgefängnisses von Mississippi aus den 50er Jahren verarbeitet. Beinahe radiotauglich. So eindrucksvoll kann gehörte Erinnerung sein.


Titelbild: flickr | LISTEN von Britt Reints | cc by 2.0