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Donnerstag, 12. Februar 2015, 00:00 Uhr

Cannabis als Medizin

Update: ab 2016 soll Cannabis legal für Schwerkranke erhältlich sein

Letzten September endete die Petition Cannabis als Medizin und verfehlte die benötigten 50.000 Unterschriften. Dennoch wird die Petition am 23.3. vor dem Petitionsausschuss vorgestellt. Mittlerweile scheint die Politik jedoch von selbst eine Kehrtwende einzulegen.
+++Update 12.Februar +++

Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung Marlene Mortler sprach sich letzte Woche dafür aus, dass Cannabis als Medizin für mehr Menschen zur Verfügung gestellt werden soll. Die wenigen Patienten, die die Pflanze aktuell zu therapeutischen Zwecken in Apotheken erhalten dürfen, müssen diese jedoch selbst zahlen. Auch das will Mortler ändern und dafür sorgen, dass hier die Krankenkassen in Zukunft einspringen. Wie sie der WELT im Interview berichtete, soll ein mögliches Gesetz bereits nächstes Jahr in Kraft treten.

Währenddessen erzielt auch die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin kleine Fortschritte. Obwohl ihre Petition von 2014 nur 33.342 anstatt der verlangten 50.000 Unterstützer auflisten konnte, war das öffentliche Interesse so groß, dass man nun die Möglichkeit hat, die Petition dem Petitionsausschuss vorzulegen. Der Initiator Dr. Grotenhermen hat am 23. März also die Möglichkeit sein Anliegen vor dem Ausschuss zu präsentieren.

Wir werden euch weiterhin zu der Thematik auf dem Laufenden halten. Bis dahin könnt ihr hier noch mal alle Infos, die uns Dr.Grotenhermen im September zu dem Thema gab, nachlesen:

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Die „Petition 52664“ klingt erst einmal harmlos, bringt aber einige Brisanz mit sich. Gefordert wurde sowohl die Kostenerstattung für Behandlung mit Cannabismedikamente, als auch die Einstellung von Strafverfahren gegen Patienten, die eine von ihrem Arzt empfohlene Selbsttherapie durchführen.

Der Initiator der Petition Dr. med. Franz Josef Grotenhermen (Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin) erklärte uns in einem Interview, dass es sich nun noch zwei bis vier Monate hinziehen kann, bis alle Stimmzettel ausgewertet worden sind. Selbst wenn die benötigten 50.000 Unterschriften (das sogenannte Quorum) aber nicht zusammen gekommen sind, kann es vielleicht trotzdem zu einer öffentlichen Beratung des Peditionsausschusses kommen. Hier zählt letztendlich der Inhalt der Petition und das öffentliche Interesse daran.

Stand bis heute (9.September 2014): Seit 2011 können auf einem Betäubungsmittelrezept in Deutschland drei Medikamente auf Cannabisbasis verschrieben werden. Außerdem konnten bisher mit einer Ausnahmeerlaubnis von der Bundes-Opiumstelle sogenannte Medizinal-Cannabisblüten in der Apotheke erworben werden. Jedoch muss der Patient diese teils sehr hohen Behandlungskosten selbst tragen. Grotenhermen ist der Meinung, dass das Zustände einer Zweiklassenmedizin wären. Nur wohlhabende Bürger können sich die Behandlung aus der Apotheke leisten. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich abseits des legalen Weges selbst mit Cannabis zu versorgen.

In deutschen Apotheken war es ab 1872 erlaubt „Indischen Hanf“ zu kaufen. Das erste Verbot von Cannabis kam 1924 auf der zweiten internationalen Opiumkonferenz zustande. Es erscheint einem heute skurril, aber der Grund hierfür war, dass man den zwei großen Exportschlagern der Pharmaindustrie nicht weiter schaden wollte: Heroin (Bayer) und Kokain (Merck).  Die Ägypter hatten Cannabis in ihrem Land bereits verboten und wollten ein internationales Verbot durchsetzen. Als es auf der Opiumkonferenz zu einer Abstimmung darüber kam, drohten sie ihren Import von Heroin an das Deutsche Reich zu beschränken. Um das zu vermeiden, stimmte das Deutsche Reich dem Verbot zu. Bis zum 20. Jahrhundert gab es das „Problem Cannabis“  jedoch schlichtweg nicht. Erst mit der revolutionären 68er-Bewegung wurde der Konsum der Pflanze wieder ein Thema in der Politik.

Dass Cannabis nicht nur auf Grund seiner psychoaktiven Wirkung verboten wurde (Grund hierfür ist übrigens das darin enthaltene THC), klingt im ersten Moment nach einer Verschwörungstheorie. Tatsache ist jedoch, dass die wenigsten Menschen wissen, in wie vielen Wirtschaftszweigen die Pflanze eine wichtige Rolle spielt. Hanf erweist sich beispielsweise in der Papierherstellung und als Dämmstoff in der Automobil- und der Baubranche als äußerst nützlich. Vor allem führende Firmen jener Industriezweige unterstützten in Amerika den Kampf gegen die Pflanze, die der Chef des Drogendezernats Harry Anslinger ab 1933 dort führte. So wurde der unliebsame Konkurrent mit negativen Kampagnen (man propagierte einen direkten Zusammenhang zwischen Gewalttaten und Cannabis) erfolgreich aus dem Weg geräumt.

In China wurde Hanf jedoch schon vor mehr als 10.000 Jahren als Heilmittel gegen Krankheiten eingesetzt. Freunde der Pflanze sind daher nach wie vor der Meinung, dass eine Legalisierung bzw. Verwendung von Cannabis in Krankheitsfällen vor allem der Pharmaindustrie ein Dorn im Auge wäre. Das Berliner Hanfmuseum nennt auf seiner Homepage eine Reihe von Krankheiten gegen die Cannabis hilfreich sei, darunter Asthma, Epilepsie, Aids und Depressionen.

Im Juli diesen Jahres fällte ein Kölner Verwaltungsgericht das Urteil, dass Cannabis in Einzelfällen selbst angebaut werden darf. Chronisch kranke, austherapierte Schmerzpatienten, für die es keine anderen Behandlungsmöglichkeiten mehr gibt und die sich die Medizinal-Blüten aus der Apotheke nachweislich nicht leisten können, dürfen die illegale Pflanze nun selbst anbauen. Drei von fünf Anträgen muss das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nun neu bearbeiten, die zwei anderen Klagen wurden abgewiesen. Franz Josef Grotenhermen erklärte uns im Interview, dass dies zwar ein Schritt in die richtige Richtung sei, es sich aber, nachdem das Bundesinstitut in Berufung gegangen ist, noch Jahre hinziehen kann, bis es hier zu einer engültigen Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts kommt.

Unbhängig davon, wie die Petition ausgehen wird, betreibt die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin weiterhin Informations- und Medienarbeit und unterstützt Kläger bei Musterprozessen. Ziel sei es, so Grotenhermen im Interview, dass alle Patienten die Cannabis oder Cannabinoide benötigen, diese auch bekommen.


Bildquelle: Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin Austria // Facebook