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weltkulturerbe
Freitag, 12. September 2014, 09:35 Uhr

Eine letzte Runde im Heilig-Geist-Stüberl

Boaznsterben in Bayern

Seit 1952, also seit mehr als 60 Jahren, gibt es das Heilig-Geist-Stüberl am Vikutalienmarkt. Nun muss ein weiteres Urgestein der Münchner Boaznkultur seine Türen schließen – alles zum Wohl des Stadtbilds versteht sich.


Es ist 09:30 Uhr und der Vikualienmarkt erwacht langsam zum Leben. Aus großen Lastwagen werden die Delikatessen aus aller Welt geladen und die Vorratskeller aufgefüllt. Einer davon liegt in der Heilig-Geist-Gasse gleich hinter Nordsee und Schlemmermeier, zwischen Konditorei und Frozen Joghurt – er gehört zum Lebenswerk von Bobby, der Wirtin des Heilig-Geist Stüberls und inzwischen steht fest: Es wird eine ihrer letzten Fuhren sein.

Schweres Holz, Bier, Gemütlichkeit

Die blonde Wirtin mit rotem Lippenstift, schwarzen Leggins und Nietengürtel kommt mit ihren zwei Hunden über den Platz. Schon von weitem drehen sich alle Köpfe nach ihr um, winken und grüßen. Die ersten Gäste warten schon und das, obwohl heute für die Wiesn dekoriert wird. Zum letzten Mal. Aber was hilft es - so wie dem Heilig-Geist-Stüberl erging es in den letzten Jahren vielen anderen Boazn.

Heiliggeist

Der Weißbierstadl, die Fraunhofer Schoppenstube, die Kärntner Stubn, Inges Karotte und 2015 nun eben auch das Heilig Geist Stüberl – sie sind nur einige der Kneipen, Stüberln, Schwemmen, Spelunken, Pinten und Schankstuben, die der sogenannten Gentrifizierung inzwischen zum Opfer gefallen sind.

Dabei sind es doch gerade die Eckkneipen und Boazn, die einer Stadt ihren eigenen Flair verleihen. Müssen sie schließen, so Wirtin Bobby, geht auch ein gutes Stück Tradition verloren:



Tradition PLUS Moderne hat Wirt Fabian in seiner "Gruam" geschaffen: Zwischen Großmarkt und Schlachthof hat die ehemalige Boazn ihren Charme bewahrt und das Konzept in die Neuzeit übersetzt.

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Die "Gruam" in München

Hölzerne Einrichtung, günstiges Bier und elektronische Musik - die Gruam ist derzeit wohl die gemütlichste Szenebar Münchens. Auch wenn er selbst nicht betroffen ist, bedauert Fabian das Boazn-Sterben. Seine Erklärung:


Ehemalige Arbeiterviertel entwickeln sich zu richtigen Szene-Stadtteilen, wer neu nach München zieht, möchte am liebsten mittendrin sein. Gärtnerplatz, Maxvorstadt, Westend. Je höher die Nachfrage, desto höher die Mieten. Und wer 700€ für 20qm zahlt, legt natürlich Wert auf eine ruhige Umgebung. Klar, die Kultkneipe will man schon in der Nähe haben, aber eben nicht direkt unter dem Schlafzimmerfenster.

Kneipe ja, aber bitte nicht unter dem Schlafzimmer

Dabei schafft eine Boazn das, was nur noch wenigen Locations in der Landeshauptstadt gelingt: Menschen aus allen Alters- und Berufsklassen an einen Tresen zu bringen. Als wir abends im Heilig-Geist-Stüberl vorbeischauen, sitzt dort der 23jährige Student neben dem 67jährigen Wasserinstallateur, der sich gerade mit einem russichen Model unterhält. Die Lichterketten blinken, an der Wand reihen sich Andenken an besondere Zeiten und besondere Gäste. Volksmusik untermalt die Atmosphäre, während immer wieder frisch gezapfte Bierkrüge auf die geränderten Bierdeckel gestellt werden.

Widerstand bis zur letzten Runde

Mit dieser bayerischen Gemütlichkeit soll zumindest im Heilig-Geist-Stüberl 2015 Schluss sein. Der Pachtvertrag wird nicht verlängert, man möchte gerne etwas anderes an diese hochfrequentierte Stelle am Viktualienmarkt bauen. Aber ganz so leicht will es Bobby ihren "Stadtverschönerern" nicht machen. Uns verspricht sie, bis zur letzten Runde um ihr Stüberl zu kämpfen:


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