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Dienstag, 10. Oktober 2017, 00:00 Uhr

Depression und der schwarze Hund

Wenn das Leben keine Freude mehr macht

Am Mental Health Day wollen Organisationen auf die Erkrankung aufmerksam machen. Denn obwohl fünf Prozent der Deutschen mit der Krankheit zu kämpfen haben, werden seelische Erkrankungen noch zu häufig tabuisiert.

Um fast keine andere Krankheit kursieren so viele Halbwahrheiten und Spekulationen wie um Depression. Dabei leiden offiziellen Statistiken zufolge 4,1 Millionen Menschen in Deutschland an der seelischen Erkrankung. Dr. Christine Rummel-Kluge arbeitet schon viele Jahre als Psychiaterin und ist mittlerweile die Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Versorgung der Erkrankten zu verbessern, sie zu unterstützen und das Thema Depression an die Öffentlichkeit zu tragen.

Depression verstehen

Für Außenstehende ist es oftmals sehr schwer, sich in die Lage von Betroffenen hinein zu versetzen und zu verstehen wie es dem anderen geht. Wie soll man nachvollziehen können, warum sich der andere nicht gut fühlt, wenn alles um ihn herum in geregelten Bahnen zu verlaufen scheint? Es ist nicht leicht, die Erkrankung zu verstehen und in all ihren Ausprägungen zu begreifen.

Was kann man sich unter einer Depression vorstellen?


Was früher mal Spaß gemacht hat, ist für den Betroffenen nun eine Tortur. Neben einer gedrückten Stimmung, einer Verminderung des Antriebs und einer Interessen- und Freudlosigkeit leiden viele unter Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und einem verringerten Selbstwertgefühl, was die Lebensqualität für viele zerstört.

Wie fühlt sich jemand, der an einer Depression erkrankt ist?


"Ich schaffe das nicht. Ich bin nichts wert. Mir gelingt nichts." Oftmals plagen Betroffene sehr negative Gedanken, die dafür sorgen, dass sie nicht mehr an ihrem alltäglichen Leben teilnehmen können und sich zurückziehen.

Mit der Krankheit leben

Zwar wird mittlerweile mehr diskutiert und über das Thema gesprochen als früher, trotzdem scheint die Krankheit in vielen Freundeskreisen, in der Familie und unter Kollegen immer noch ein Tabuthema zu sein, das selten angeschnitten wird – wenn doch, dann meistens nur kurz und oberflächlich. Oft wird vergessen, dass es sich bei der Erkrankung nicht um ein gebrochenes Bein oder eine Grippe handelt, sondern die Ursachen und Symptome viel komplexer sind. Dabei sind mehr Menschen davon betroffen als man zunächst annimmt, auch in der direkten Umgebung.

Gibt es mehr depressive Menschen im eigenen Umfeld, als man annimmt?


Auch im eigenen Bekanntenkreis gibt es mehr Betroffene, als man zunächst annehmen möchte. Dabei halten sich aber viele zurück und schämen sich für ihre Erkrankung, obwohl diese mittlerweile mit Medikamenten und Therapien behandelbar ist.

Auf der anderen Seite werden als Angehöriger oft Fragen aufgeworfen, die sich meistens alle darum drehen den anderen nicht zu verletzen: Wie gehen ich mit dem Thema richtig um? Will der Betroffene reden, oder ist ihm das unangenehm? Wie geht es ihm genau? Wie kann ich helfen?

Wie spreche ich einen Betroffenen im näheren Umfeld konkret an, ohne jemanden zu verletzen?


Es ist also wichtig, dem anderen zu zeigen, dass man sich Sorgen um ihn macht und ihn unterstützt, professionelle Hilfe anzunehmen.

Aber nicht nur im privaten Bereich, sondern auch wenn es um Musik geht, werden psychische Krankheiten mit musischem Schaffen in Verbindung gebracht und es scheint, dass es gerade den genialsten Künstlern häufig weniger gut geht, als man durch die Medien vermittelt bekommt. Der Medienrummel und das Blitzlichtgewitter ist nur eine Seite der Medaille, die andere hat einigen Künstlern bereits das Leben gekostet. Der tragische Tod von Chester Bennington beschäftigt uns immer noch und ist ein Beispiel in der leider sehr langen Liste an Künstlern, die unter seelischen Erkrankungen leiden.

Aufarbeitung in Musik und Film

Einige Künstler sprechen sogar davon, dass ihre Krankheit den Stoff für ihre musikalischen Werke liefern, wie Prinz Pi, der selbst unter einer manischen Depression leidet und in einem Interview mit der Süddeutschen erklärt:

Diese Krankheit liefert viel Stoff für meine Texte. Aber das ist ja häufig so: Nur wenige Künstler schaffen große Kunst, wenn es ihnen super geht, sondern erst dann, wenn sie Krisen haben.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Musik/Schauspielerei/Kunst und psychischen Erkrankungen?


Nach Dr. Rummel-Kluge gibt es keine statistisch bewiesene Verbindung, vielmehr wird eine Diagnose bei berühmten Persönlichkeiten häufiger wahrgenommen, als es bei Privatpersonen der Fall ist.

Die World Health Organisation produzierte mit dem Autor Matthew Johnstone zwei Videos, die das Thema Depression auf eindrucksvolle Weise sowohl für Betroffene als auch für Angehörige verständlich machen. Johnstone litt selbst jahrelang an Depression und schafft mit seinen gleichnamigen Büchern I had a black dog, his name was depression und Living With A Black Dog eine gute Vorstellung, wie es ist, mit Depression leben zu müssen.




Auch in Comics und Kurzgeschichten wird das Thema Depression verarbeitet, wie der Blog Hyperbole and a Half zeigt, in dem mit Hilfe einer kleinen gezeichneten Figur die Krankheit anschaulich gemacht wird.

Mittlerweile gibt es viele Mittel und Wege, sich zu informieren und Hilfe zu suchen. Keine oberflächlichen Unterhaltungen oder grobes Schubladendenken mehr – dürfte man annehmen. Vielleicht sollte man sich selbst einmal die Frage stellen, wie viel man über Depression wirklich weiß und was nur dürftiges Halbwissen ist. Wir haben Frau Dr. Rummel-Kluge gefragt, wie sie die Einstellung von Außenstehenden einschätzt.

Wird mit dem Thema Depression offener umgegangen, als noch vor ein paar Jahren?


Laut Frau Dr. Rummel-Kluge werde in Deutschland offener mit dem Thema umgegangen als früher. Die Häufigkeit der Erkrankung habe statistischen Untersuchungen der Krankenkassen zu Folge aber nicht zugenommen. "Das heißt die Krankheit an sich wird nicht häufiger - sie wird häufiger erkannt."

Hilfe für Betroffene und Angehörige gibt es viele, zum Beispiel auf der Seite der Deutschen Depressionshilfe, auf der man unter anderem einen Selbsttest und zahlreiche Adressen zum Thema Depression findet. Außerdem gibt es die Möglichkeit zu einem direkten Erfahrungsaustausch mit Betroffenen und Angehörigen, natürlich auch anonym, wenn man das möchte. Das deutschlandweite Info Telefon ist unter der Nummer 0800 33 44 5 33 fast rund um die Uhr zu erreichen.


Bildquelle: flickr | "Belle Île" von Zabara Alexander | cc by 2.0