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Donnerstag, 13. November 2014, 18:00 Uhr

"Man sollte die lokalen Künstler halten"

Newcomerförderung in Großstädten

Proberäume sind wahnsinnig teuer, Möglichkeiten für Live-Auftritte gibt es auch zu wenig. Oder? Wir haben nachgefragt, wie es wirklich um Newcomerbands und Popkultur in den egoFM-Städten steht.

400€ für einen Proberaum. Zu viel Geld für viele Bands, die noch ganz am Anfang der Karriere stehen. Die Immobilienpreise sind auch in der Bandszene schmerzlich zu spüren. Auf der anderen Seite bietet beispielsweise München viele Anreize für aufstrebende Bands: Newcomerconteste wie den vom Hard Rock Cafe, den Newcomer Contest Bayern oder den der Stadtsparkasse, eine hohe Labeldichte (mit Sony hat sogar das zweitgrößte Majorlabel in Deutschland seinen Sitz in der Landeshauptstadt) und nicht zuletzt die nötige mediale Plattform (egoFM Lokalhelden, Süddeutsche Zeitung-Band der Woche, ...).

"Wir haben uns verkleinert, weil wir keinen Probenraum gefunden haben"

Die Infrastruktur ist also da, was fehlt ist häufig das Kleingeld. Selly spielt seit 2010 in der Band Jim Fletch (wir berichteten bereits in den Lokalhelden) und erzählt uns von einer sehr schwierigen Anfangszeit als Band in München: "Zuerst hatten wir eine fünfköpfige Band, mit Drummer und Gitarrist und so weiter. Geprobt haben wir im Keller der Galerie meines Vaters, weil wir nichts anderes gefunden haben. Dann kam bei der ersten Probe gleich die erste Beschwerde und wir haben beschlossen, uns auf drei Leute zu reduzieren - also kein Schlagzeug und keinen zweiten Gitarristen mehr."

jimfletch bei egoFM
Jim Fletch bei egoFM

Nach einem längeren Ausflug in die elektronische Richtung (weil leiser in den Proben) will die Band jetzt langsam wieder "band-iger" werden, aber - so Selly - die Probenraumproblematik ist immer noch nicht gelöst.

Kein Hauptstadtproblem

In Regensburg sieht es ähnlich aus. Peter Brünsteiner ist Kulturwissenschaftler in Regensburg und spricht von einem regelrechten Bandsterben. "Das liegt zum einen an der seit Jahren stattfindenden Entwertung von Live-Musik und es liegt an der prekären Proberaumsituation. Für einen 20qm Raum ohne Klo zahlt man gut und gerne 300-400 Euro." Geld, das viele nicht haben. Doch was wäre eine Alternative? Allen Bands Proberäume zur Verfügung stellen? Aber spätestens hier wird der Steuerzahler laut "STOPP" rufen. Das Argument: Warum muss denn jede Form von Kunst - in diesem Fall Musik - bedingungslos gefördert werden? Nur weil einer gern trommelt - hat er Anrecht auf einen staatlich finanzierten Probenraum und Zuschüsse zu den Studioaufnahmen?

Ein Grundrecht auf Förderung macht auch keinen Sinn

Natürlich nicht. Stattdessen konzentriert man sich bei der Stadt darauf, besonders ausgefallene, innovative Projekte zu fördern. Jenny Becker ist Pressesprecherin beim Kulturreferat München und erklärt das Vorgehen: "Wir differenzieren nicht nach Popkultur oder Hochkultur, sondern schauen uns die Projekte an, ob sie unseren Förder-Kriterien entsprechen. Die sind in der Regel so angelegt, dass sie so sich nicht von Anfang an auf dem freien Markt behaupten können oder im Kulturleben noch nicht ihren festen Platz haben." Genaue Summen sind dabei schwer zu nennen.

Fokus liegt auf Infrastruktur und Vernetzung

Was also wäre den Bands denn wirklich eine Hilfe? Wir fragen nochmal bei Selly nach. "Ne Anlaufstelle wäre super. Wo jemand sitzt, der sich von A bis Z auskennt. Wo ich hingehen kann und sagen kann 'Ich bin ne Band, ich brauche Tipps zum Booking, zur GEMA, zur Steuer und einen Überblick über Förderprogramme wie die Lokalhelden oder die Band der Woche.' So ein Rundum-Überblick. Das wäre sinnvoll." In genau diese Richtung geht die Fachstelle Pop im Münchner Feierwerk. Hier arbeitet Thomas Lechner, der seit Jahren Bands auf ihrem Weg unterstützt.

"Wir sind restlos ausgebucht"

Bei der Fachstelle Pop stehen angehenden Bands zwei Tourbusse sowie ein Probenraum zur Verfügung. Viel zu wenig, wie Thomas Lechner erzählt. Aber: "Das ist kein Münchner Problem, sondern eine Frage des Zeitgeistes", meint Lechner. "Die Popkultur ist jahrelang nicht von den Kommunen beachtet worden. Die Politiker sind erst aufgewacht, als sie festgestellt haben, dass da ganz schöne Umsätze generiert werden. Mittlerweile will man die lokalen Künstler halten, da tut sich einiges." Unter Berücksichtgung der Masse an Musikern reicht das aber noch nicht. "Primär geht's um Räume in zwei Arten: Zum einen Proberäume und zum anderen die Räume für die Umsetzung, also für Konzerte."

Eine Frage der Politik

Nächstes Jahr, spätestens, soll sich einiges tun. Zumindest mal in München. Mit dem neuen Bürgermeister will man nun mehr Gelder aus dem Stadtrat kitzeln. "Es braucht Mittel, wenn wir Räume für Musiknutzung bereitstellen wollen", sagt Jenny Becker. "Wir denken an Containerlösungen auf Freiflächen in München. Der Platz wird immer enger und knapper, und trotzdem müssen wir die Lücken, die wir haben, nutzen." Letztenendes helfen vor allem Beziehungen, Kontakte. Selly bringt es auf den Punkt: "Du brauchst jemanden, der jemand kennt, der einen Probenraum hat". Eine gute Hilfe kann Facebook sein.

"Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg"

Wichtig ist nur, dass man sich von all den Schwierigkeiten nicht abschrecken lässt. Fast allen Bands ging es am Anfang ähnlich und somit finden sich genügend Ansprechpartner, die man um Rat bitten kann. "Auch wenn man am Anfang ein bisschen orientierungslos ist - einfach machen. Das wird dann schon", sagt Selly. Sie muss es wissen.


Anlaufstellen für Bands (und solche, die es werden wollen)
► Radio & Print
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"Stadt Land Rock" der Süddeutschen Zeitung

► Lokale Anlaufstellen
Fachstelle Pop im Feierwerk (München)
Büro für Popkultur in Augsburg
Popbüro (Baden-Württemberg // Stuttgart)

► Wettbewerbe
Newcomer Contest Bayern
Contest der Stadtsparkasse (München)
Hard Rock Cafe Contest (München)



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