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Dienstag, 09. Februar 2016, 00:00 Uhr

Foodsharing vs. Behörden

Hygiene-Bedenken bei Fairteilern

Uns geht's so gut, dass wir gerne mal Lebensmittel wegwerfen, als dass wir uns die Mühe machen, wirklich nachhaltig zu leben. An vorderster Front gegen diese Verschwendung kämpfte bisher das Projekt Foodsharing - doch nun wollen die Behörden viele der Fairteiler schließen. Eine Petition soll das verhindern.

Hand aufs Herz: Jeder von schmeißt zu viel weg. Pro Jahr sind das pro Deutschem in etwa 80 Kilogramm, worunter viel Zeug ist, das noch gar nicht mal schlecht war. Gerade vor dem Urlaub sind wir da sehr voreilig und schmeißen viele Produkte vorsichtshalber per se weg, obwohl wir sie stattdessen einfach an Freunde weitergeben könnten - oder eben via Foodsharing, von denen es deutschlandweit etwa 350 Fairteiler gibt.
Allerdings sind diese nun den Berliner Behörden ein Dorn im Auge. Sie hätten unhygienische Zustände in Fairteilern in Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow festgemacht und wollen nun strengere Auflagen, wie etwa eine Person, die die abgegebenen Lebensmittel annimmt, verzeichnet, überprüft, kennzeichnet und dann in die Kühlschränke legt. Foodsharing selbst fürchtet, dass dies das Ende des Projekts sein könnte. Bisher konnte man zu jeder Zeit die Lebensmittel abgeben, würde man dies ändern, würde die Teilnahme erheblich sinken. Außerdem gäbe es regelmäßige Putzpläne und gewisse Lebensmittel wie etwa rohes Ei und Fleisch werden aus den Fairteilern prompt entfernt.

Wenn ihr euch für Foodsharing und gegen Verschwendung stark machen wollt, geht's ►HIER zur Petition.

Über das Prinzip der Plattform haben wir damals mit dem Gründer Raphael Fellmer gesprochen. Hier könnt ihr das Interview nachlesen:

Du hast Foodsharing.de ins Leben gerufen. Was war denn der Grundgedanke dabei?
Grundsätzlich wollen wir auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen, die derzeit in Deutschland und weltweit rund 50 Prozent beträgt. Es bleibt ja schon sehr viel auf dem Acker liegen, weil es zu groß oder zu schrumpelig ist. Das geht dann in den Supermärkten weiter, da wird  wieder aussortiert, auch wegen unseren Ansprüchen natürlich, weil wir gerne immer das Schönste wählen, was am längsten hält. Dieses Bewusstsein wollen wir auf allen Ebenen schaffen, wir wollen zeigen, was jeder einzelne zu Hause tun kann und den Verbrauchern eine praktische Lösung mit auf den Weg geben. Sprich, wenn man in den Urlaub geht oder einen Apfelbaum zu Hause hat, den man gar nicht genug ernten kann, dann kann man sich auf Foodsharing.de digtital einen Essenskorb bestellen. Den können andere einsehen, anfragen und dann trifft man sich zur Übergabe. Meistens kommen die Leute und holen ihn zu Hause ab und so kann man auch privater Ebene etwas gegen die Lebensmittelverschwendung tun.

Aber das Lebensmittelretten funktioniert bei euch ja nicht nur unter Privatpersonen, oder?
Nein, wir kooperieren auch mittlerweile mit über 1300 Betrieben und das macht sogar den Haupteil der von uns geretteten Lebensmitteln aus. Das können Bäckereien sein, aber auch Supermärkte, Restaurants, Kantinen, Onlineshops, Bauern, wo wir zu den gewünschten Zeiten die Lebensmittel abholen, die nicht mehr verkäuflich aber noch genießbar sind. Die werden dann weiterverteilt, auf Foodsharing eingestellt, zu Organisationen gebracht, und dafür haben wir mittlerweile über 4000 Engagierte in fast allen Städten im deutschsprachigen Raum, also inklusive Schweiz und Österreich. Darüber konnten wir insgesamt bei über 100.000 Abholungen schon über eine Millionen Tonnen Lebensmittel retten.

Ich möchte jetzt selbst Essen verschenken oder retten, wie gehe ich am besten vor?
Erstmal kann man sich bei Foodsharing.de ansehen, welche Essenskörbe es für mich von Privatpersonen gibt. Dort sehe ich aber auch, welche Fairteiler es gibt. Das ist vor allem für Leute interessant, die nicht so viel vor dem Computer sitzen, bzw. auch für Menschen, die vielleicht gar kein Internet haben und vielleicht sogar auf der Straße leben. Auf jeden Fall sind das quasi Kühlschränke oder frei zugängliche Regale, die teilweise 24 Stunden geöffnet, teilweise zu den Öffnungszeiten der Kirche oder dem Verein geöffnet, wo sich dieser Faiteiler steht. Und dann kann jede Person die Lebensmittel reinlegen, die er nicht mehr braucht und sich eben welche rausnehmen. Und auf unserer Homepage sieht man eben genau diese 150 Fairteiler plus die privaten Essenskörbe. Wenn man mitmachen möchte, muss man sich nur anmelden und dann kann man Essenkörbe reinstellen und welche anfragen.

Was wenn ich mehr als das tun möchte?
Wenn man sich noch mehr einbringen möchte, kann man auch Foodsaver werden. Das sind Freiwillige und Ehrenamtliche, die sich darum kümmern,  dass Lebensmittel bei den Betrieben abgeholt werden. Dazu sollte man sich ein bisschen ins Wiki einlesen. Da gibt’s einen Ratgeber, auf was man achten muss, wie man schlechte Lebensmittel aussortiert, wie die Abholung für die Betriebe reibungslos abläuft. Der nächste Schritt wäre dann ein Betriebsverantwortlicher zu werden. Das heißt man betreut einen Supermarkt oder eine Bäckerei, organisiert das Team, sorgt für die Kommunikation zwischen Foodsavern und Betrieben. Und wenn man sich mit noch mehr Leidenschaft einbringen möchte gegen die Lebensmittelverschwendung, dann kann man auch Botschafter werden. Davon haben wir derzeit 250, die sich dann in einzelnen Stadtteilen oder in einer ganzen Stadt oder Region für Veranstaltungen von Foodsharing die ganze Koordination übernehmen.

Was sind denn das für Leute, die Essen anbieten?
Das ist sehr gemischt. Wir haben mittlerweile über 70.000 Nutzer, das heißt da sind viele dabei, die einfach mal ausprobieren wollen, wie das so abläuft einen Essenskorb reinzustellen oder sich einen abzuholen. Das sind Familien, Alleinerziehende, Studenten, Berufstätige oder Rentner, quer durch die Bank Menschen, die sich gegen die Verschwendung einbringen wollen. Genauso ist das auch bei den Foodsavern. Es sind weder nur Studenten, noch ausschließlich Leute, die Hartz IV beziehen, sondern wir haben wirklich Menschen aus allen Gesellschaftsebenen, Altersklassen und Berufsgruppen und das ist genau das Schöne daran. Dadurch geht es nicht mehr nur um die Lebensmittelverschwendung, sondern um das Zusammenbringen verschiedener Menschen, die teilweise dann sogar gemeinsam kochen, und sich oft gemeinsam auch in anderer Form gegen die Wegwerfgesellschaft einsetzen. Das Ganze ist somit zu einer sehr großen starken sozialen Bewegung geworden, die sich weit über die Lebensmittelverschwendung hinaus engagiert.

Welche Lebensmittel werden hauptsächlich angeboten?
Die Betriebe liefern hauptsächlich Obst, Gemüse, Backwaren, aber auch haltbare Lebensmittel. Bei Kantinen holen wir auch fertig zubereitete Speisen ab. Auf privater Ebene hingegen ist es wirklich alles. Es kann beispielsweise Teebeutel sein, Fleischkonserven oder Obst und Gemüse, das vor dem Urlaub noch schnell weg muss. Aber auch Tiefkühlprodukte, wenn sich jemand dazu entschließt, keine Tiefkühlprodukte mehr zu konsumieren und den Rest loswerden will. Man muss einfach immer mal wieder auf die Seite gucken, manchmal findet man auch gerade nichts, was einem schmeckt, aber gerade in den Ballungsräumen gibt es mittlerweile sehr viele verschiedene Essenskörbe und jeder, der sich kontinuierlicher einbringen möchte, der wird eben Foodsaver und kann dann bis zu täglich Lebensmittel abholen.


Bildquelle: flickr | "The Contents Of My Fridge" von Super Rabbit One | cc by-sa 2.0