Entdeckt
egoFMStrandlektuere
Montag, 29. August 2016, 06:00 Uhr

Strandlektüre: "Wir haben Raketen geangelt" von Karen Köhler

Erzählungen

Das Leben kann so richtig scheiße laufen. In Karen Köhlers Erzählband kommt es gleich neun Mal so richtig dicke. Aber ihre Figuren lässt Köhler nicht daran verzweifeln. Jeder ihrer Charaktere lehnt sich auf seine eigene Weise gegen den Wahnsinn des Lebens auf. Ein Buch voller melancholischer Kampfansagen.

Karen Köhler wollte eigentlich Kosmonautin werden. Stattdessen hat sie dann aber Fallschirmspringen gelernt, Schauspiel studiert und schreibt mittlerweile Theaterstücke. Als ob das nicht reichen würde, hat sie jetzt auch noch ihr erstes Buch geschrieben. "Wir haben Raketen geangelt" heißt das Ding. Und ja, wir verraten es jetzt schon mal, man kann dabei unter anderem auch lernen, wie man Raketen angelt.

Die Erzählungen in Karen Köhlers Buch haben alle eins gemeinsam: Ihre Figuren sind nah am Abgrund gelandet. Dort taumeln und schwanken sie, aber alle versuchen auf ihre eigene Weise, die Kurve zu kriegen. Manchmal bekommen sie dabei Hilfe von unerwarteter Seite.

Da ist zum Beispiel die erste Erzählung "Il Comandante", in der eine junge Krebspatientin verloren und einsam im Krankenhaus liegt. Ihr Freund meldet sich schon eine Weile nicht mehr bei ihr und aus ihrem Körper ragen Schläuche. Erst als sie den Rollstuhlfahrer Cesar kennenlernt, fängt sie wieder an, das Leben trotz aller Widerstände zu genießen.

Wer jetzt denkt, dass er sich mit "Wir haben Raketen geangelt" eine Zusammenstellung von Heulsusengeschichten mit Happy End ans Bein hängt, hat sich im positivsten Sinn geschnitten. Köhler lässt ihre Figuren zwar abstürzen, aber Mitleid und Pathos sind ihr fremd. Die ein oder andere Träne darf beim Lesen verdrückt werden, ohne dass dabei billige Mechanismen bedient wurden. Denn in dem Erzählband werden die entstandenen Scherben eingesammelt, ohne dass ein romantisches Gefühl von Heldenmut missbraucht wird.

Karen Köhler hat für zehnseiten.de die ersten zehn Seiten aus der Erzählung "Cowboy und Indianer" gelesen:



Wer Ausschlag von billiger Heile-Welt-Literatur bekommt und stattdessen lieber mal mitten in der Tragödie laut loslachen möchte, ist bei Karen Köhler gut aufgehoben. Erzählungen, die gleichzeitig verzweifelte Wut, haltlose Trauer, bissige Komik und verträumten Optimismus in sich tragen, finden sich nicht unbedingt häufig. "Wir haben Raketen geangelt" ist also ein seltener Glücksfall. Ein Buch, das sich wie ein fast vergessenes Tagebuch mit längst überstandenen Familientragödien liest.

Erschienen ist "Wir haben Raketen geangelt" im Hanser Verlag.

Cover Köhler Wir haben Raketen geangeltKaren Köhler
Wir haben Raketen geangelt
Erzählungen
240 Seiten
ISBN 978-3-446-24602-7



















Das Buch gibt es hier.

Bildrechte Buchcover: © Hanser Verlag
Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |Chal Moos:"Hammock relaxation"| cc by 2.0