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Dienstag, 19. Mai 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: "Gegenspiel" von Stephan Thome

Die andere Seite der Geschichte

Ein Leben in der Krise. So lautet die wahrscheinlich kürzeste Zusammenfassung des Buches von Stefan Thome. Eigentlich sind es zwei Leben in der Krise, denn das Buch hat einen Zwilling. Oder genauer gesagt, einen Ehepartner.

Um erfolgreicher Schriftsteller zu werden, kann man sich ruhig ein wenig Zeit lassen. Als Stephan Thome sein Romandebüt auf den Markt gebracht hat, war er 37. Als Fußballer ist das ja bereits der Eintritt ins Rentenalter. Für Thome war das wahrscheinlich der Punkt, an dem er genug vom Leben mitbekommen hatte, um Geschichten daraus hervorzuzaubern. Denn was er aufs Papier bringt, sind komplexe Lebensgeschichten, die ohne Stunts und Explosionen auskommen. Was die Spannung erzeugt, ist sein Talent, die Sprengkraft des Innenlebens ins Visier zu nehmen.

"Gegenspiel" ist die Geschichte von Maria Pereira. Sie wächst in Lissabon auf, geht zum Studieren nach Westberlin und trifft dort ihren zukünftigen Ehemann Hartmut Hainbach. Aus dessen Leben hat Thome bereits in seinem Roman "Fliehkräfte" erzählt. Zusammen sind die Romane ein tiefer Einblick in die Komplikationen einer Ehe. Aber auch unabhängig von seinem Pendant ist "Gegenspiel" ein in sich geschlossenes Buch. Seine Raffinesse besteht nicht in überraschenden Wendungen oder außergewöhnlichen Charakteren, sondern darin, dass Marias Innenleben und die prägendsten Teilstücke ihrer Biografie Schritt für Schritt aufgedeckt werden. Wie herausfordernd und psychologisch komplex ein ganz durchschnittliches Leben ist, erfährt man hier hautnah. Auch wenn Maria in Lissabon die Nelkenrevolution und in Westberlin die Auseinandersetzungen zwischen der linken Szene und der Polizei miterlebt, sind die Konflikte, die sie in sich selbst ausfechtet, sehr viel bedrohlicher und für den Leser um Längen intensiver spürbar.

Stephan Thome hat für zehnseiten.de einen kleinen Einblick ins Buch gegeben:



"Gegenspiel" ist ein stilles und intensives Buch. Es dreht keine Pirouetten und ist kein bisschen bezaubernd. Aber es nimmt einen mit durch die komplette Gefühlslandschaft seiner Hauptfigur. Legt man das Buch nach dem Lesen zur Seite, hat man das Gefühl, eine Person sehr gut kennengelernt zu haben. Das Glas Rotwein, das man mit ihr trinken möchte, sollte man direkt schon mal bereitstellen.

Erschienen ist Gegenspiel beim Suhrkamp Verlag.

Cover Stephan Thome Gegenspiel   Stephan Thome
  Gegenspiel

  464 Seiten
  ISBN: 978-3-518-42465-0






















Bildrechte Buchcover: © Suhrkamp Verlag

Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |brewbooks:"Eclipse Bookstore Bellingham"| cc by 2.0