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Dienstag, 16. Juni 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Kains Opfer“ von Alfred Bodenheimer

Rabbi auf Abwegen

Ein toter jüdischer Lehrer. Und die ermittelnde Polizei muss den Rabbiner seiner Gemeinde als Übersetzter anheuern. Der wiederum startet seine eigenen Ermittlungen.

Wenn man sich als Rabbiner um das Seelenheil seiner Gemeinde sorgt, ist es kein Wunder, wenn ein ermordeter jüdischer Lehrer ein wenig Unruhe in das Arbeitsleben bringt. Und wenn man sich dann nicht so ganz sicher ist, ob die Polizei auch den richtigen Spuren nachgeht, dann muss halt ein bisschen privat Ermittelt werden. Ein Rabbiner hat da sowieso mehr Zugang zu seinen Schäfchen, als die bürokratische Polizei. So sieht es zumindest aus der Perspektive von Rabbi Klein aus. Und während er sich Fragen zur Auslegung von bestimmten Texten der Torah stellt, die niemand mit Gewissheit beantworten kann, stellt er sich auch immer wieder Fragen zur Sachlage des Mordfalls. Ein wenig Einblick hat er ja in das Ganze. Denn Rabbi Klein ist zum Aushilfsübersetzter der Polizei geworden, nachdem die übliche Expertin für Hebräisch einen Fahrradunfall hatte. So ist die Ausgangslage des Romans „Kains Opfer“.

Der Autor, Alfred Bodenheimer, lässt den Leser nicht nur an der Tätersuche teilhaben, er hat seine Geschichte auch mit umfangreichen Informationen über das Leben einer jüdischen Gemeinde gespickt. Und so erfährt man auf der Spur des Mörders ganz nebenbei, wie jüdisches Scheidungsrecht funktioniert, was an der Klagemauer in Jerusalem so passiert und dass es ausufernde Gedanken zum ersten Buchstaben der Torah gibt.

Die Besonderheit von Bodenheimers Ermittler ist, dass er nicht der überlegene, hochgebildete und scharfäugige Sonderling ist, den man aus den meisten Kriminalromanen kennt. Rabbi Klein ist zwar geschult in Fragen des religiösen Lebens, aber wenn es um wirklich praktische Themen geht, muss regelmäßig seine Frau eingreifen.

Alfred Bodenheimer hat für zehnseiten.de ein wenig aus seinem Buch vorgelesen:



Wer jetzt einen lustigen kleinen Krimi erwartet, ist noch nicht ganz auf der richtigen Spur. Denn „Kains Opfer“ beschäftigt sich ausführlich mit menschlichen Unzulänglichkeiten. Der Rabbi hat eine Tendenz zum Jammern, das Opfer hat eine unrühmliche Vergangenheit und an der jüdischen Gemeinde bröckelt die gottesfürchtige Fassade. Mehr oder weniger subtil wird nach der Beschaffenheit des Menschen gefragt. Ziemlich viel Material, um philosophisch-schlaflose Nächte zu bereiten. „Kains Opfer“ ist also eher etwas für den forschenden Geist, als eine amüsante Bettlektüre. Denn das alte Spielchen von dem klugen Schnüffler, der die Polizei in den Schatten stellt, wird hier nicht ausgepackt.

Erschienen ist „Kains Opfer“ bei Nagel & Kimche.

Cover Bodenheimer Kains Opfer 397x648  Alfred Bodenheimer
  Kains Opfer
  224 Seiten
  ISBN 978-3-312-00628-1



















Bildrechte Buchcover: © Carl Hanser Verlag
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