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Dienstag, 23. Juni 2015, 00:00 Uhr

Buchtipp: „Nachbarn“ von Madeleine Prahs

Leben nach der Wende

Kurz vor dem Mauerfall: Eine Mutter flieht mit ihren Kindern in den Westen. Ein junger Mann kommt von seiner Studienreise nicht wieder und lässt seine Freundin in der DDR zurück. Alles wird für ein Leben in Freiheit geopfert.

Sechs Menschen stehen im Zentrum der Geschichte, die Madeleine Prahs in ihrem Roman „Nachbarn“ erzählt. Eigentlich sind es zwei Geschichten: Der Weg von Anna Liebert, ihrer Tochter Marie und dem Rentner Karl Fritzsche. Und die Verwicklungen um Hans, seinem besten Freund Matthias und Hanna, in die sie beide verliebt sind. Nur unscheinbare Berührungspunkte gibt es zwischen den Personen dieser beiden Handlungsstränge. Verbunden sind sie allerdings dadurch, dass sie beide mit einer Flucht aus der DDR beginnen und dann von der Wiedervereinigung eingeholt werden.

Anne war noch ein kleines Kind, als sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in den Westen flieht. Der Vater bleibt zurück. In der BRD angekommen, sieht die große Freiheit für die Kinder dann nicht sonderlich rosig aus. In der Schule sind sie Außenseiter, immer mit dem Makel des Hortkindes belegt. Anne kämpft sich von Tag zu Tag durch ihr Leben. Sie zieht nach Berlin, bekommt ein Kind und arbeitet als Altenpflegerin. Durch die Arbeit kommt sie auch in Kontakt mit dem Rentner Karl Fritzsche, der sein Leben bereits komplett aufgegeben hat. Zusammen mit Annes Tochter Marie ergibt sich plötzlich eine Konstellation, die vielleicht wirklich mal funktionieren könnte.

Im Gegensatz zu Anne, die als Kind keine Wahl hatte, zu gehen oder zu bleiben, konnte der Doktorand Hans seinen Weg genauestens planen. Um die Enge des sozialistischen Staates hinter sich zu lassen, lässt er sich sogar als Spitzel anwerben, um eine Studienreise nach Rom antreten zu dürfen. Weder seine Freundin Hanna noch sein bester Freund Matt
hias wissen etwas von seiner Flucht, bis die Polizei in Hannas Wohnung steht.
Während er im Westen Karriere macht, fällt die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Und seine Geschichte beginnt, ihn langsam aber sicher einzuholen.

Für zehnseiten.de hat Madeleine Prahs ein paar Seiten aus ihrem Buch vorgelesen:



“Nachbarn” begleitet seine Figuren über einen Zeitraum von 17 Jahren. In einzelnen Episoden enthüllen sich nach und nach die verschiedenen Ereignisse, die vom Leser wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden müssen. Jede der sechs Personen kommt dabei zu Wort. Und so ergibt sich aus den einzelnen Episoden eine multiperspektive Realität, die es schwer macht, die Figuren für ihre Entscheidungen zu verachten. Egal wieviel Unglück sie damit manchmal verursachen. „Nachbarn“ liest sich wie eine Sammlung an komplexen Schicksalen, die hinter dem Klatsch und Tratsch aus kleingeistigen Treppenhäusern stehen.

Erschienen ist „Nachbarn“ beim Deutschen Taschenbuch Verlag.

Cover Prahs Nachbarn  Madeleine Prahs
  Nachbarn
  352 Seiten
  ISBN 978-3-423-28036-5


















Bildrechte Buchcover: © Deutscher Taschenbuch Verlag
Bildquelle Titelbild (Bild bearbeitet): Flickr |brewbooks:"Eclipse Bookstore Bellingham"| cc by 2.0