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Dienstag, 18. August 2015, 05:00 Uhr

Buchtipp: „Alle Nähe fern“ von André Herzberg

Drei jüdisch-deutsche Generationen

Jakob Zimmermann erinnert sich an seine Familie. Beginnend mit der Kindheit seines Großvaters rauscht er dabei durch hundert Jahre deutscher Geschichte.

André Herzberg beginnt seinen Familienroman im Galopp. Es sind nur kurze Episoden, in denen die Kindheit von Heinrich Zimmermann beschrieben wird. Aber in ihnen verdichtet sich alles, was die Familie ausmacht, in der er groß wird. Und die Familiengeschichte geht weiter. Über die Seitenarme von Geschwistern, Onkeln und Tanten geht es zu Heinrichs Sohn Paul, bis hin zu dessen Sohn Jakob. Über zwei Weltkriege und eine Wiedervereinigung erstrecken sich diese Leben. Über die Jahrzehnte wird die Geschichte immer persönlicher, immer ausführlicher. Denn die letzte Figur, deren Leben wir begleiten ist Jakob Zimmermann, der Erzähler dieser Familiengeschichte.

Der Beginn des Weges liegt in Hannover während des Deutschen Kaiserreichs. Dort wächst Heinrich als Kind eines Lederhändlers auf, dort bekommt später seine Frau Rosa ihre gemeinsamen Kinder, und von dort aus zieht er in den Ersten Weltkrieg. Doch als die Nazis die Macht ergreifen, wird es schwierig für die deutsch-jüdische Familie, und sie zerstreut sich über die Welt. Die Schweiz, Südafrika, Israel, England, Kuba und die Vereinigten Staaten sind ihre Stationen. Paul, der jüngste der Familie, landet in London. Dort schließt er sich den Kommunisten an und zieht gegen Deutschland in den Krieg. Mit seiner Frau Lea geht er nach Kriegsende in die Sowjetische Besatzungszone, um von dort aus die Revolution in die Welt zu tragen. In der DDR werden dann Jakob und seine Geschwister geboren. Und damit betritt der Erzähler die Bühne des Romans.

André Herzberg hat für zehnseiten.de aus „Alle Nähe fern“ vorgelesen:



„Alle Nähe fern” erzählt nicht nur von drei Generationen, die durch Weltkriege und Diktaturen geprägt werden. Das Buch ist auch ein vorsichtiger Blick auf die Beziehungen, die innerhalb einer Familie bestehen und nur selten funktionieren. Dabei geht es mehr um das Beobachten und Verstehen, als das Bewerten. Und so wird man auf ganz persönlichen Wegen durch ein Jahrhundert mitgenommen. Bis zum Schluss bangt man mit den Figuren und hofft, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen werden, um nicht von den wechselnden politischen Systemen oder den Forderungen ihrer Familie überrollt zu werden. André Herzbergs Roman ist ein ganz intimer Zugang zur deutschen Geschichte. Ohne Jahreszahlen, ohne eine Liste an politischen Strippenziehern, ohne eine Landkarte mit neuer und alter Grenzziehung bekommt man in „Alle Nähe fern“ einen wirklichen Bezug zu all den Dingen, die man aus dem Geschichtsunterricht nur als spröde Fassade kennt.

Erschienen ist „Alle Nähe fern“ bei den Ullstein Buchverlagen.

Cover Herzberg Alle Nähe fern  André Herzberg
  Alle Nähe fern
  272 Seiten
  ISBN-13 9783550080562


















Bildrechte Buchcover: © Ullstein Buchverlage
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